Die Einladung kommt Anfang Oktober: Bald ist es wieder so weit! Wir möchten mit der Belegschaft die schönste Zeit des Jahres feiern – Weihnachten. Bitte melden Sie sich bis zum 15. November unter diesem Link für die Weihnachtsfeier an. 

Genauso wie Spekulatius und Lebkuchen in die Supermärkte kommt auch die Einladung zur Weihnachtsfeier jedes Jahr ein wenig früher. Auf jeden Fall für viele zu früh für den gedanklichen Abschluss mit den vergangenen Monaten, außerdem ist ja noch so viel zu tun bis dahin, Budgets müssen eingereicht, Deadlines eingehalten und Projekte beendet werden. Der Klick auf den Link wird bis zur zweiten Erinnerungsmail aufgeschoben und dann nur widerwillig ausgeführt. Peinlich sei diese geheuchelte Harmonie, sagt die Kollegin. Null Bock auf die gequälten Gespräche mit den Vorgesetzten hat der andere. Die Dritte wird auf jeden Fall alleine zur Firmenzentrale reisen – zwei Stunden mit der Belegschaft im IC? Das ist ja schlimmer als jeder Junggesellinnenabschied. 

Weg bleiben die Kolleginnen und Kollegen trotzdem nicht. Die Weihnachtsfeier gehört zum betrieblichen Leben dazu wie der Geburtstagskuchen und die Blumensträuße für Neuzugänge und Abgeworbene. Trotzdem ist die Weihnachtsfeier die wohl unbeliebteste Pflichtveranstaltung des Geschäftsjahres.

Auf der Weihnachtsfeier gibt es keine Desktops, hinter denen man sich verstecken kann

Weil sie Berufliches und Privates vermischt. Weil man sich aus der Sicherheit seines Büros oder seiner Schreibtischinsel herauswagen muss, interagieren ohne Ziel, sprechen ohne thematisches Korsett, trinken mit Ausrede. Man ist sich ausgeliefert: Die Chefs ihren Angestellten. Die Angestellten ihren Vorgesetzten. Im Büro kann man sich hinter Topfpflanzen und Desktops verstecken, so tun, als würde man telefonieren, wenn man ein Gespräch vermeiden will, die Fußballhighlights durch Wischen in die rechte obere Ecke verschwinden lassen.

Auf einer Weihnachtsfeier gibt es kein Entkommen. Peinlichkeiten gehören deshalb unbedingt dazu. Fast jeder hat eine zu erzählen. Von knutschenden Kollegen, Schnapsleichen auf der Herrentoilette, Beleidigungen am Taxistand und umgefallenen Tannenbäumen. Genügend Stoff für eine 106-minütige Eskalation auf der Kinoleinwand, wie die Macher von Office Christmas Party letztes Jahr bewiesen. 

"Jesus, der Retter, wurde geboren. Ich kann nicht glauben, dass ihr alle immer nur ich, ich, ich sagt."
Elaine, Sekretärin aus "Ally McBeal"

Festlichkeit kann man eben nicht verordnen, und nur die wenigsten möchten in den Genuss eines "Incentives" kommen, also einer weiteren Managermaßnahme, die die Mitarbeiter milde stimmen soll. Das wussten Ally und Billy schon in der ersten Staffel von Ally McBeal, als Sekretärin Elaine sie zum Singen auf der Firmenweihnachtsfeier überreden will. Elaines Begeisterung stößt auf wenig Gegenliebe. Sie schiebt es auf den Individualismus: "Jesus, der Retter, wurde geboren. Ich kann nicht glauben, dass ihr alle immer nur ich, ich, ich sagt." Natürlich ist Elaines lasziver, lang geprobter Auftritt das lauteste Ich-Sagen von allen. Unrecht hat sie trotzdem nicht. Jede Weihnachtsfeier braucht eine Elaine, jemanden, der dran glaubt, an diese besinnlichste Zeit des Jahres, der den Glühwein organisiert, die Tannenzweige auf den Tisch legt, für alle die Liedtext von Stille Nacht und O Tannenbaum kopiert, jemanden, der sich nicht zu schade ist für Peinlichkeiten.