Meine Physiotherapeutin ist zwar keine Feministin, aber ich hätte auch nicht gedacht, dass sie Frauen diskriminieren würde. Bis sie mir neulich eröffnete, in ihrer Praxis nie wieder junge Frauen einstellen zu wollen. Die würden einfach zu oft schwanger.

Ich war kurz geschockt, allerdings mehr von ihrer Offenheit als von der Tatsache selbst. Denn ich musste zugeben, dass der Ausbruch nicht unbegründet war. Zum dritten Mal innerhalb von wenigen Jahren hatte sich an jenem Tag eine ihrer Angestellten in Mutterschaftsurlaub und Elternzeit verabschiedet. 

Bei einem Kleinbetrieb ist das statistisch sehr erheblich. Eine andere Patientin mischte sich ins Gespräch ein. Man dürfe sow as ja gar nicht laut sagen, und sie wolle auch solidarisch mit jungen berufstätigen Müttern sein. Aber als ältere, lesbische, kinderlose Frau sei sie von dem dauernden "Kinderthema" bei der Arbeit inzwischen regelrecht genervt. Ständig müsse sie die Feuerwehr spielen. Was auch immer ihre eigenen Pläne für freie Tage und Wochenenden seien – nie wären sie so wichtig und unaufschiebbar wie die Bedürfnisse der kranken Kinder ihrer Kolleginnen.

Mir scheint, hier liegt ein wunder Punkt. Wir müssen reden: Wie steht es wirklich um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland? Wie passen die Lippenbekenntnisse über den "familienfreundlichen Arbeitsplatz" zur Realität? Und: Sind die Lösungen, die angepriesen werden, wirklich welche?

Vor hundert Jahren haben sich Frauen in Europa ihre Gleichberechtigung und Emanzipation erkämpft. Von heute aus gesehen erscheint es unfassbar, wie viele Gegner (und übrigens auch Gegnerinnen) sie dabei hatten. Denn es gibt ja wohl keinen vernünftigen Grund, die Hälfte der Bevölkerung vom Wahlrecht auszuschließen. Oder? Was oft vergessen wird: Es ging damals nicht bloß um das Wahlrecht, sondern um viel mehr. Die modernen Gesellschaften basierten auf dem, was die britische Politikwissenschaftlerin Carole Pateman den "sexual contract" genannt hat, den "Geschlechtervertrag". Er hatte die ganze Welt in zwei Sphären aufgeteilt, eine öffentliche und eine private: Markt und Haushalt, Politik und Familie. Männer und Frauen.

Wer macht die Arbeit der Hausfrau, wenn es keine Hausfrau mehr gibt?

Beide Sphären waren so konstruiert, dass sie einander bedingten, dass die eine ohne die andere nicht funktionieren kann. Wenn also die Frauen diesen Geschlechtervertrag aufkündigen – und genau das haben sie mit der Emanzipation getan – bricht diese ganze Balance zusammen. Wer kümmert sich dann um das, was früher zur "weiblichen" Sphäre gehörte? Wer macht die Arbeit der "Hausfrauen", wenn es keine Hausfrauen mehr gibt? Und unter welchen Bedingungen?

Diese Fragen sind noch immer nicht geklärt. Ab und zu gelangen sie in Form von Skandalen und negativen Schlagzeilen ins Blickfeld: Pflegenotstand, Ausbeutung von Migrantinnen, globale Sorgeketten, Burn-out, soziale Vereinsamung im Alter. Aber auch die Konflikte in Teams und am Arbeitsplatz darüber, wer über Weihnachten frei bekommt und wer einspringen muss, wenn jemand aus dem Team kranke Kinder hat, gehen auf dieses Grundproblem zurück: In der Logik der "getrennten Sphären" sind Beruf und Familie nun einmal nicht vereinbar. Der Tag hat nur 24 Stunden.

Auch Menschen ohne Kinder haben ein Privatleben!

Bis vor wenigen Jahren achteten berufstätige Mütter penibel darauf, am Arbeitsplatz bloß keine besonderen Vergünstigungen zu beanspruchen. Heute ist das zum Glück anders. Junge Frauen (und zunehmend auch Männer) weigern sich, das Dilemma der "getrennten Sphären" zu akzeptieren. Sie fordern mehr Unterstützung bei der Fürsorgearbeit und bestehen darauf, dass Kinderhaben und anspruchsvolle Berufstätigkeit, auch in Führungspositionen, sich nicht gegenseitig ausschließen dürfen. Das ist großartig.

Die Lösung kann aber nicht darin liegen, die Probleme jetzt einfach auf mehr Schultern zu verteilen. Genau das passiert zurzeit leider in vielen Büros und Betrieben. Genau wie früher werden die Notwendigkeiten des "häuslichen" Bereichs zum Privatproblem erklärt, nur eben jetzt nicht mehr allein der Eltern, sondern des ganzen Arbeitsteams. Anstelle von politischen Debatten führen wir Neiddebatten. Weil ja auch Menschen ohne (kleine) Kinder ein Privatleben haben. Auch sie wollen private Beziehungen pflegen und machen Pläne. Es ist nicht ihr Job, kurzfristig einzuspringen, wenn in den komplexen Kinderbetreuungs-Balanceakten heutiger Familien wieder mal etwas schiefgeht. Und es ist eine Zumutung, von ihnen zu verlangen, die Dienste an Feiertagen zu übernehmen, damit ihre Kollegen und Kolleginnen Weihnachten im Familienkreis feiern können. 

Die Betreuung von Kindern ist keine Nebensächlichkeit

Nicht die vermeintlich unflexiblen Kolleginnen sind schuld, wenn Beruf und Familie miteinander kollidieren, sondern ein Kapitalismus, der als volkswirtschaftliche Ideologie alles in den "Privatbereich" abschiebt, was nicht unmittelbar seinen Profitinteressen dient. Die Betreuung von kleinen Kindern, die alltägliche Versorgung von Menschen mit Essen, Kleidung, sauberen Wohnungen, eben all das, wofür früher die "Hausfrauen" zuständig waren, sind aber keine Nebensächlichkeiten. Diese "Care-Arbeiten" sind volkswirtschaftlich bedeutsam, sie brauchen Zeit und Kraft. Und das wäre auch dann noch so, wenn es flächendeckend genügend gute Kitas gäbe und Männer sich im gleichen Umfang dafür verantwortlich fühlten wie Frauen, was beides noch lange nicht der Fall ist.

Die faktische Unvereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine Spätfolge des ideologisch bedingten Zwei-Sphäre-Dualismus, und sie muss politisiert werden. Wir brauchen eine Care-Revolution. Statt Flickschusterei in einer alten, falschen Logik zu betreiben, ist es notwendig, die Trennung der Sphären tatsächlich und systematisch aufzuheben. Wer häusliche Sorgearbeit leisten möchte, muss auch ohne Erwerbsarbeit eine gesicherte materielle Existenz haben. Und wer Familienangehörige hat, die auf Sorgearbeit angewiesen sind (zum Beispiel kleine Kinder), muss trotzdem eine anspruchsvolle Berufstätigkeit ausüben können, weshalb eine gute öffentliche Versorgung mit professionellen und erschwinglichen Sorgeleistungen genauso unverzichtbar ist wie flexible Arbeitszeiten und das Recht auf Homeoffice.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie lässt sich nicht mit Appellen an den guten Willen der Arbeitgeber oder mit moralischen Solidaritätsansprüchen an kinderlose Kolleginnen und Kollegen umsetzen. Es wird Zeit, dass wir uns von dieser Illusion verabschieden.