Wir wollen von ZEIT-ONLINE-Lesern wissen: Haben Sie schon einmal Diskriminierung am Arbeitsplatz oder bei der Bewerbung erfahren? Wurden Sie schon einmal aufgrund Ihres Geschlechts, Ihrer Hautfarbe oder Ihres Äußeren benachteiligt – oder weil Sie zu einer bestimmten Gruppe gehören? Schicken Sie Ihre Geschichte an debatte-arbeit@zeit.de. Hier erzählt David, 28 Jahre alt, warum er sich gegen Alltagsrassismus auf der Arbeit nicht wehrt. Davids echter Name ist der Redaktion bekannt.

Ich weiß, wie es ist, am Eingang des Bundestags für den Caterer gehalten zu werden. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn meine Haare, die ich zusammengebunden trage, ohne Anlass von Sicherheitskräften nach Drogen durchsucht werden. Ich bin Schwarz* und lebe seit zehn Jahren in Deutschland: Niedrigschwelliger Rassismus ist für mich Alltag.

Trotzdem hat mich schockiert, wie viel Alltagsrassismus mir innerhalb kürzester Zeit in einem deutschen Ministerium begegnet ist – ausgerechnet in einer Abteilung für Internationale Angelegenheiten. Die Projektarbeit in jenem Ministerium im vergangenen Jahr war mein erster Job nach Abgabe der Masterarbeit und beruflich ein absoluter Glücksgriff: Ich war beteiligt an der Organisation einer großen zwischenstaatlichen Konferenz, durfte Staats- und Regierungschefs persönlich kennenlernen, mochte meine Projektkollegen, lernte inhaltlich enorm viel.

"Der Abteilungsleiter sprach mich sogar mit Namen an, allerdings nicht mit meinem Namen – sondern mit dem eines Kollegen, des einzigen anderen Schwarzen Kollegen im Büro."
David, 28

In der dritten Woche lernte ich meinen Abteilungsleiter kennen. Er begrüßte mich herzlich, als würden wir uns schon lange kennen. Wie seltsam, dachte ich, denn ich war mir sicher, ihn noch nicht getroffen zu haben. Dann sprach er mich sogar mit Namen an, allerdings nicht mit meinem Namen – sondern mit dem eines Kollegen, des einzigen anderen Schwarzen Kollegen im Büro. Die beiden hatten sich einen Tag vorher kennengelernt. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass gleich mehrere Schwarze Personen in seiner Abteilung arbeiteten. Ich ließ mir nichts anmerken, stellte mich mit meinem richtigen Namen vor und setzte mich zurück an den Schreibtisch. Statt sich bei mir zu entschuldigen, erklärte mein Chef den Kolleginnen, die die Szene mitbekommen hatten, dass er eben schlecht mit Namen sei. Schwamm drüber, dachte ich. Mit meinem zweisilbigen Vornamen passiert es mir ziemlich häufig, dass Leute meinen Namen verwechseln oder vergessen. Ich entschied, keine große Sache daraus zu machen.

Aber mein Abteilungsleiter ließ mir kaum Zeit, seinen Fauxpas zu vergessen: Noch am selben Nachmittag kam er in mein Büro, beugte sich über mich, das Kinn nur wenige Zentimeter von meiner Schulter entfernt und wollte wissen, woran ich denn so fleißig arbeite. Bevor ich antworten konnte, spürte ich die Finger des Abteilungsleiters in meinen Haaren. "Ach, sind die echt?", fragte er. Ich war sprachlos. Zwar passiert es auf Partys ständig, dass mir Menschen, deren Namen ich nicht kenne, in die Haare greifen. Und auch Polizisten halten meine Haare gelegentlich für verdächtig und greifen unerlaubt zu. Aber im Arbeitskontext war so ein Übergriff eine Premiere. 

Die meisten verstehen es nicht, wenn ich mich darüber aufrege. Sie seien doch nur neugierig, wie sich mein Haar so anfühlt. Ich fühle mich dabei allerdings eher wie ein exotisches Tier im Zoo. Ende des 19. Jahrhunderts waren die weißen Besucher auf Völkerschauen, auch Menschenzoos genannt, auch nur neugierig, wie sich das krause Haar der "exotischen Afrikaner" anfühlt.