"Du findest einfach nichts anderes! Keine Chance, die Arbeitgeber wollen Jüngere", so eine Endsechzigerin, die abends in einem Call Center Telefonaquise betreiben muss. Sie hat 40 Jahre bei einer Versicherung gearbeitet, muss aber wieder jobben, weil ihre Rente von 1.000 Euro nicht zum Leben ausreicht. Eine 80-jährige ehemalige Hausmeisterin sagt: "Ich habe nur kaputte Winterschuhe." Die Reparaturkosten könne sie sich nicht leisten. Und eine frühere Bürokraft, Anfang siebzig, geriet nach ihrer Scheidung in die Schuldenfalle: "Alles weg, alles weg, jetzt muss ich knausern und sparen." Mit Freundinnen treffen? "Das ist Luxus, das geht nicht." Sie ist bitter geworden: "Das Leben ist eigentlich gelaufen. Ich sehe kein Highlight mehr für mich."

Irene Götz lehrt als Professorin im Fach Europäische Ethnologie an der LMU München. Ihre Forschungsschwerpunkte sind neuer Nationalismus, prekarisierter Arbeitsalltag und die Altersforschung. Zusammen mit einem Team aus Kolleginnen führte sie ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Interviewprojekt zu prekärem Ruhestand. Dafür befragten sie ältere Frauen in München zu ihrer Lebensführung mit knappen Mitteln. 2019 wird ein Buch über dieses Projekt erscheinen. ©privat

Die Armut bei Menschen ab 65 Jahren hat im Vergleich zu allen anderen Altersgruppen in Deutschland im Zeitraum von 2005 bis 2016 am stärksten zugenommen. Das zeigt eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Fast jede sechste Person im Rentenalter sei mittlerweile von der sogenannten relativen Einkommensarmut betroffen, die sich an den mittleren Einkommen aller Haushalte orientiert. Laut den Zahlen der deutschen Rentenversicherung bekamen langjährig versicherte Männer in Westdeutschland im Jahr 2016 im Schnitt rund 1.200 Euro Rente, im Osten rund 1.100 Euro. Die Durchschnittsrente für langjährig versicherte Frauen in den alten Bundesländern lag bei rund 700 Euro. In den neuen Bundesländern war sie etwa 100 Euro höher, weil die Frauen in der DDR-Gesellschaft keine Erwebslücken wegen Kindererziehung hatten. Frauen, die für die Familie ihren Beruf aufgegeben oder jahrzehntelang pausiert haben, bekommen im Alter noch weniger Geld.

Frauen sind besonders durch Altersarmut gefährdet, da sie auch ihr ganzes Berufsleben lang weniger verdienen als Männer. Sie waren und sind es noch immer, die für die Kindererziehung und oft auch für die Pflege der Eltern Abstriche bei der Karriere machen. So arbeiten in wohlhabenden und konservativeren Bundesländern wie Bayern über 80 Prozent der Frauen mit Kindern in Teilzeit. Krippen und Kindergärten sind immer noch nicht ausreichend ausgebaut. Politische Maßnahmen wie das Ehegattensplitting und die "Herdprämie" fördern auch noch den Ausstieg aus der Erwerbsarbeit auf Zeit. Im Alter zahlen die Frauen den Preis. Wenn sie in jüngeren Jahren auf die Ehe setzten und nun nach einer Scheidung das zweite Alterseinkommen fehlt, sind sie die Leidtragenden.

Wie überleben allein wirtschaftende ältere Frauen mit ihrer geringen Erwerbsrente nun aber in teuren Städten wie München –  wo die durchschnittliche Rente kaum für die Anmietung einer Ein-Zimmer-Wohnung reicht? Für ein Projekt über prekären Ruhestand in München sprach unser Forscherinnenteam in mehrstündigen Interviews mit 50 alleinlebenden Frauen im Alter zwischen 60 und 80 Jahren darüber, wie sie in einer teuren Stadt zurechtkommen. Das Thema ist nicht nur für München aktuell: Bis hinein in die Mittelschicht ist die Unsicherheit groß. Die Lebenshaltungskosten, vor allem in den Städten, sind zu hoch. Rentnerinnen und Rentner, die Supermarktregale auffüllen oder in den Städten Flaschen sammeln, gelten als die neuen Sozialfiguren der Altersarmut.

"Frauen sind besonders von der Altersarmut gefährdet, da sie auch ihr ganzes Berufsleben lang weniger verdienen als Männer. Sie waren und sind es noch immer, die für die Kindererziehung und oft auch für die Pflege der Eltern Abstriche bei der Karriere machen."

Momentan stocken 4,6 Prozent der Menschen in Deutschland beim Eintritt in den Ruhestand ihre Rente beim Sozialamt auf, weil sie unter dem Existenzminimum liegt. Das zeigt die Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Der Anteil Neuverrentneten, die diese sogenannte "Grundsicherung" beziehen, hat sich somit seit 2005 fast verdoppelt. Und die städtischen Armutsberichte sind sich einig: Die Zahl der bedürftigen Rentnerinnen und Rentner ist in Wahrheit viel größer. Die Scham und die Schuldgefühle, nicht selbst für sich gesorgt zu haben, verhindern oft, dass Bedürftige im Ruhestand sich Hilfe bei den Ämtern holen. Auch ihren Familien wollen Betroffene nicht zur Last fallen.

Dafür, dass vor allem die jüngeren Rentnerinnen und Rentner von Armut betroffen sind, ist auch das immer weiter abgesenkte Rentenniveau verantwortlich: 1990 lag es vor Steuern noch bei 55,1 Prozent des durchschnittlichen Jahreseinkommens, 2016 bei 48 Prozent. Altersarmut und die Renten waren – längst überfällig – im Wahlkampf Thema. Inzwischen haben sich CDU/CSU und SPD bei den Koalitionsgesprächen auf eine Rentenpolitik geeinigt. Die Rente soll auf dem Niveau von 48 Prozent eingefroren werden. Auch auf die Einführung einer "Grundrente" konnte sich Schwarz-Rot einigen – das heißt: "Menschen, die Jahrzehnte gearbeitet, Kinder erzogen, Angehörige gepflegt haben", sollen nach 35 Beitragsjahren zehn Prozent oberhalb der Grundsicherung erhalten. Desweiteren ist eine Erweiterung der Mütterrente angedacht: Frauen, die ihre Kinder vor 1992 auf die Welt gebracht haben, sollen künftig auch das dritte Jahr Erziehungszeit in der Rente angerechnet bekommen. Dies sind sicherlich Schritte in die richtige Richtung. Doch scheinen sie angesichts der Lage mickrig.

Der durchschnittliche Bedarf der Grundsicherung lag im Dezember 2015 laut dem fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung bei 785 Euro. Die Grundsicherung ist in teueren Großstädten zwar höher, weil das Existenzminimum für jeden individuell berechnet wird. Aber sie reicht in teureren Städten bei Weitem nicht aus, um ein würdiges Leben zu führen. Der Alltag der Frauen, mit denen wir gesprochen haben, war geprägt von Ängsten und Sorgen, die nicht mit zehn Prozent Rentenerhöhung behoben wären. Ganz oben: aus ihrer Wohnung raus zu müssen, weil eine Miet- oder Nebenkostenerhöhung droht oder sie dann zu teuer ist für die Bezuschussung des entsprechenden Amtes. Umziehen im Alter mit beginnenden körperlichen Einschränkungen? Wohin denn? Die Frauen haben ihr Netz aus Ärzten, Helfern und Freunden über Jahre rund um die Wohnung aufgebaut, die inzwischen auch der zentrale Rückzugsort ist. Ein Umzug aufs billigere Land würde sie de-integrieren, denn nur in diesem gewohnten Nahraum können sie den Alltag im höheren Alter noch allein bewältigen. Sozialwohnungen, zumal in einer Großstadt wie München, sind Mangelware. Eine ehemalige leitende Altenpflegerin klagte, schon lange auf eine Sozialwohnung zu warten. Provisorisch schläft sie seit zwei Jahren auf einem Klappbett im Flur der Tochter. Sie hat über 40 Jahre alte Menschen versorgt und nun findet sie im Alter keinen bezahlbaren Wohnraum.