"Du arbeitest nur mit Frauen? Und das geht wirklich gut?" In fast jedem Gespräch, in dem es um meine Arbeit geht, wird mir irgendwann diese Frage gestellt. Dazu ein ungläubiger Blick. Erfolgreiche Frauen sind doch eigentlich immer eiskalt, zickig und egoistisch, oder? So wie in dem Film Der Teufel trägt Prada. Ich arbeite seit eineinhalb Jahren in einer rein weiblichen Redaktion. Eine Miranda Priestly, die ihre Kolleginnen schikaniert wie in dem Film, ist mir noch nie begegnet.

Vielen anderen Frauen anscheinend schon. Die amerikanische Psychologin und Buchautorin Kim Elsesser hat 2011 60.000 Angestellte befragt. Und rausgefunden, dass die meisten Frauen lieber einen männlichen Chef hätten – auch wenn sie selbst in einer Führungsposition waren. Weibliche Führungskräfte wären laut den Befragten "emotional", "stutenbissig" oder "zickig". Attribute, die auch Hillary Clinton im Präsidentschaftswahlkampf vorgeworfen worden sind. Immer wieder hört man die Warnung: "Der schlimmste Feind einer Frau ist eine mächtige Frau."

Schon 1973 gaben drei amerikanische Forscher der Cornell University diesem Phänomen einen Namen: das queen bee syndrome. Die Bienenkönigin steht dabei für Frauen in Führungspositionen, die ihre Mitarbeiterinnen kritischer bewerten als deren männliche Kollegen und im Zweifelsfall sogar sabotieren. Die ihre Ellenbogen bei jeder Gelegenheit ausfahren und bei denen man immer befürchten muss, dass sie einem in den Rücken fallen. Es gibt zahlreiche Studien, Artikel und Filme, die das Phänomen behandeln.

"Wenn Frauen in einem Umfeld arbeiten, in dem es, wenn überhaupt, nur einen Platz für eine erfolgreiche Frau gibt, dann ist es nur logisch, wenn Frauen um diesen Platz kämpfen."

Auch in meinem eigenen Freundeskreis, der zum großen Teil aus Studentinnen und jungen Berufsanfängerinnen besteht, gibt es Frauen, die mit queen bees gearbeitet haben. Eine Freundin weinte fast jeden Abend nach der Arbeit, weil ihre Chefin sie vor all ihren Kollegen bloßstellte und ihr Fehler vorwarf, für die sie gar nichts konnte. Eine andere Freundin von mir schleppte sich während eines Praktikums immer wieder krank zur Arbeit, weil ihre Chefin sie aufforderte, sich gefälligst zusammenzureißen. Sie selbst sei schließlich auch schon oft genug mit Fieber ins Büro gekommen.

Es gibt also Chefinnen, die, anstatt andere Frauen zu unterstützen, eine Bedrohung in talentierten Kolleginnen sehen. Und so unverständlich ist das ja auch nicht. Wenn Frauen in einem Umfeld arbeiten, in dem es, wenn überhaupt, nur einen Platz für eine erfolgreiche Frau gibt, dann ist es nur logisch, wenn Frauen um diesen Platz kämpfen. Warum sollte man jemandem helfen, der einen im Zweifelsfall früher oder später ersetzen könnte?

Das heißt aber gleichzeitig nicht, dass queen bees der Grund dafür sind, dass so wenige Frauen in Führungspositionen sind. Einige Studien, zum Beispiel die der Universität Utrecht, argumentieren, dass queen bees nicht ein typisch weibliches Phänomen sind, sondern vielmehr ein Produkt der ungleichen Verhältnisse. Wenn Frauen also die gleichen Chancen auf Aufstieg hätten wie Männer, müssten sie nicht andere Frauen als Konkurrenz sehen, die es auszustechen gilt.

Es geht auch anders

In den letzten eineinhalb Jahren habe ich als Volontärin bei Edition F in einem Team gearbeitet, in dem es nicht nur Platz für eine Frau an der Spitze gibt. Edition F ist ein Onlinemagazin für Frauen, denen Selbstverwirklichung und eine Karriere wichtig sind – ohne Diättipps, Horoskope und Rollenklischees. Unsere Führung ist weiblich: zwei Gründerinnen, eine Chefredakteurin und eine Redaktionsleiterin. Insgesamt 26 Menschen halten das Magazin am Laufen und kümmern sich um Events, darunter fünf Männer. Die fünfköpfige Redaktion von Edition F besteht aber nur aus Frauen.

Ich weiß, dass ich in einer ziemlich idealen kleinen, geschützten Blase arbeite. Und auch in unserem reinen Frauenteam gibt es Konflikte, auch unsere Arbeitswelt ist nicht perfekt. Manchmal wird Kritik zu vorsichtig vorgebracht. Manchmal versuchen wir zu sehr, es allen recht zu machen. Und manchmal fehlt eine Person, die auf den Tisch haut. Zum Beispiel als neulich in einem Meeting, das ohnehin schon zu lange gedauert hatte, wieder die alltäglichen Probleme des Berliner Nahverkehrs diskutiert wurden. Niemand traute sich zu sagen: Schluss jetzt! An die Arbeit! 

Mit einer Chefredakteurin, einer Gründerin und einer Redakteurin, die kleine Kinder haben, muss das ganze Team auch flexibler sein. Wenn das Kind krank ist, ist eben oft auch die Mutter nicht verfügbar. Das passiert, wie so vieles im Leben, häufig in Momenten, in denen es überhaupt nicht passt. Das ist nicht immer einfach, aber auch nicht wirklich dramatisch – weil es bei uns eben einfach dazugehört. Und wir Strategien entwickelt haben, wie man damit umgeht. 

Die "queen bees" werden aussterben

Queen bees gehören aber nicht zu den Problemen in unserem Team. Ich bin umringt von Kolleginnen, die mich vom ersten Tag an ernst nahmen. Die mir Selbstbewusstsein antrainiert haben. Und die mich in meiner Entwicklung unterstützten und mir Dinge zutrauten, bevor ich es selbst tat. Kurz nachdem mein Volontariat begonnen hatte, bekam ich zum Beispiel eine eigene Politikkolumne. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht, dass ich schon bereit dazu wäre – mein Team hat aber an mich geglaubt und mir geholfen, in die neue Rolle hineinzuwachsen. Ich wurde Außenstehenden immer als "Kollegin" vorgestellt, ganz ohne kleinmachenden Zusatz "Volontärin".  Und als ich meinen ersten kleinen Text bei ZEIT ONLINE veröffentlicht habe, bekam ich sofort eine Nachricht von einer meiner Chefinnen: "Yeah, voll gut, Helen!"

Wenn Frauen nicht um knappe Ressourcen konkurrieren, kann es eben sehr angenehm sein, mit Kolleginnen zusammenzuarbeiten. So fand das Korn Ferry Institute 2016 in einer Studie mit 55.000 Arbeitnehmern aus 90 Ländern heraus, dass die teilnehmenden Frauen die Männer in elf von zwölf Faktoren emotionaler Intelligenz übertrafen. Sie waren empathischer ihren Mitarbeitern gegenüber und außerdem die besseren Konfliktmanager, Teamplayer und Mentoren. Alles Faktoren, die laut der Studie entscheidend für die Leistung eines Teams und den Erfolg von Unternehmen sind.

Während meiner externen Volontariatsstation bei ZEIT ONLINE ist mir klargeworden, wie viel mir die Arbeit in einem reinen Frauenteam gebracht hat. Noch vor einem Jahr hätte ich mich kaum getraut, Ideen oder Kritik einzubringen. Die letzten zwölf Monate haben das verändert. Ich war selbst überrascht, dass ich in Redaktionskonferenzen mitgemischt habe – und mich in Diskussionen nicht kleinkriegen ließ.

Diverse Teams sind erfolgreicher

Das heißt aber nicht, dass ich mir eine rein weibliche Arbeitswelt wünsche. In einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey aus dem Jahr 2015 kam raus, dass Unternehmen, die ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnisse vorweisen können, finanziell 15 Prozent erfolgreicher sind als ihre Konkurrenten. Und wenn sie ethnisch divers sind, sogar 35 Prozent. Das ist nur eine von vielen Studien, die zeigen, dass eine vielfältige Arbeitswelt, die unsere Gesellschaftsstruktur widerspiegelt, eben ein Gewinn für alle ist. 

Bis auch in Chefetagen genauso viele Frauen wie Männer sitzen, wird es allerdings noch lange dauern. Aber es lohnt sich, weiter dafür zu kämpfen. Studien zeigen: Je mehr Frauen es in Führungspositionen schaffen, desto geringer ist der Gender-Pay-Gap in diesen Unternehmen. Mit mehr weiblichen Kolleginnen und Vorgesetzten bekommen Frauen mehr Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

"Wenn sich die Situation für Frauen in der Arbeitswelt verbessert, werden ’queen bees' genauso aussterben wie das Faxgerät."
Sheryl Sandberg, Facebook-Geschäftsführerin, Autorin und Aktivistin

Mittlerweile gibt es unzählige Beispiele dafür, dass Frauen in der Berufswelt zusammen- und nicht gegeneinander arbeiten wollen. Die wohl bekannteste Initiative Lean In ist ein weltweites Netzwerk, in dem sich Frauen gegenseitig auf ihren Karrierewegen unterstützen. Inzwischen hat es über 380.000 Mitglieder. Der Feminist Fight Club oder TimesUp sind Initiativen, in denen Frauen sich loyal mit anderen Frauen in der Berufswelt zeigen: in Führungspositionen, aber – noch viel wichtiger – auch im Niedriglohnsektor. Auch in Deutschland gibt es viele Initiativen von Frauen, sich gegenseitig zu bestärken und zu unterstützen: Das Netzwerk Digital Media Women setzt sich zum Beispiel dafür ein, dass mehr Frauen auf Podien, Konferenzen und in den Medien zu Wort kommen. "Innen" fördert die Sichtbarkeit von kreativen Frauen.

Ja, noch immer machen viele, gerade junge Frauen schlechte Erfahrungen mit queen bees in ihrem Arbeitsumfeld. Trotzdem macht es mich wütend, dass sich der Mythos hartnäckig hält, Frauen seien von Natur aus zickig und gehässig zueinander. Ich gehöre zu einer Generation, die sehr stark von Kämpfen profitiert hat, die Frauen vor uns ausgefochten haben. Sie haben das Wahlrecht und ein selbstbestimmtes Leben für uns erkämpft und zumindest ein paar Risse in die gläserne Decke geschlagen. Ich glaube daran: Wenn wir uns eine wirklich gleichberechtigte Arbeitswelt erstritten haben, in der Frauen von Cheffinnen und Teamleiterinnen umgeben sind, können sie andere Frauen viel leichter bestärken und sich mit ihnen über Erfolge freuen. Die Facebook-Geschäftsführerin und Aktivistin Sheryl Sandberg ist sich heute schon sicher: "Wenn sich die Situation für Frauen in der Arbeitswelt verbessert, werden queen bees genauso aussterben wie das Faxgerät."