Es war einmal vor langer Zeit, da sorgte ein noch recht unbekannter Politiker der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands für unverhoffte Euphorie. Martin Schulz war gerade zum Überraschungskanzlerkandidaten erklärt worden, als er im Februar 2017 ein Ende des Zeitvertragsirrsinns auf dem Arbeitsmarkt forderte: "Wenn inzwischen fast jede zweite Neueinstellung befristet ist, läuft etwas gehörig schief", sagte der Kandidat. Es war ermutigend, mit wie viel Inbrunst Schulz das Thema nun in den Wahlkampf warf: Eine Eindämmung der ausufernden Befristungspraxis stand zwar schon früher im Wahlprogramm der SPD. Als Dauerregierungspartei hat sie allerdings nie besondere Leidenschaft bei der Umsetzung erkennen lassen. War jetzt alles anders?

Was den Schulz-Hype ausmachte, ist schwer zu verstehen. Aber schon dem zunehmend verzweifelt wahlkämpfenden Kandidaten hatten Demoskopen intern mit Powerpoint-Präsentationen klipp und klar erklärt: Es war vor allem die Kritik an der Agenda 2010, diesem schweren Sündenfall, die den anfänglichen Zuspruch begründete. Dass vor allem Jüngere der grauhaarigen Funktionärspartei für kurze Zeit in Scharen zuliefen, dürfte auch damit zu tun haben, dass sie die Verwüstungen am stärksten zu spüren bekamen, die die SPD auf dem Arbeitsmarkt angerichtet hatte und nun vielleicht endlich einmal korrigieren würde.

Jüngere Menschen finden sich überdurchschnittlich häufig in unsicheren atypischen Jobs, sie sind deutlich öfter als Leiharbeiter angestellt oder bekommen nur einen Arbeitsvertrag auf Zeit, einer der verbreitetsten Formen prekärer Beschäftigung. Mehr als 20 Prozent der 15- bis 24-jährigen Arbeitnehmer haben einen befristeten Vertrag, unter den 55- bis 64-Jährigen sind es gerade einmal fünf Prozent. Heute arbeiten eine Million mehr Menschen mit einem Ablaufvertrag als noch vor 20 Jahren, insgesamt umfasst die Gruppe 2,8 Millionen Beschäftigte.

Unternehmen können ihre Mitarbeiter nach wie vor wie Wegwerfware behandeln

Mitarbeiter ohne Not in Zeitverträgen zappeln zu lassen, ist ein Armutszeugnis für jeden Arbeitgeber und ein offenes Eingeständnis mangelnden Anstands. Legt euch ordentlich ins Zeug für uns, aber wenn uns danach ist, lassen wir euch trotzdem fallen – das ist die Botschaft, die Firmen selbst in Hochkonjunkturzeiten wie diesen Millionen Menschen in diesem Land ins Gesicht sagen. Es ist eine Schande, dass wir uns in einer Ökonomie eingerichtet haben, die es Unternehmen erlaubt, ihre Mitarbeiter im großen Stil wie Wegwerfware zu behandeln.

Erstaunlich ist, wie geräuschlos die SPD, offenbar unfähig, aus dem 20,5-Prozent-Debakel zu lernen, das Thema abgeräumt hat. Schon in der Schlussphase des Wahlkampfs war kaum noch die Rede davon. Im Sondierungspapier wird mit keinem Wort erwähnt, was denn nun gegen das überhandnehmende Befristungsproblem getan werden soll, nicht einmal als Prüfauftrag taucht das Thema auf – ganz abgesehen von all den anderen Versprechen von der Bürgerversicherung bis zur Reichensteuer, die sich mit keiner Silbe in der Vereinbarung mit der Union finden.

Dabei kann man nicht einmal behaupten, dass die Vorschläge der SPD an dieser Stelle sich jemals als besonders tollkühn ausgenommen hätten. Nichts daran war radikal. Ihre Forderung beschränkte sich im Wesentlichen darauf, die sachgrundlose Befristung abzuschaffen. Einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin ohne triftigen Grund mit einem Zeitvertrag abzuspeisen – das ist sicherlich der unverhohlenste Ausdruck von Missachtung von Talent, von Motivation oder auch einfach nur des Wunsches eines Menschen, das eigene Leben halbwegs planen zu können. Jede Kündigung braucht von Rechts wegen eine Erklärung, einen befristet Beschäftigten kann man gehen lassen, ohne Lebewohl sagen zu müssen. Die anlasslose Befristung zu verbieten, ist deshalb richtig und eine Frage des Respekts.

Billig und bequem

Trotzdem bliebe selbst dies allenfalls eine symbolische Änderung, solange das Gesetz weiterhin genug Gründe für einen Vertrag mit Ablaufdatum erlaubt, auf die ein Arbeitgeber ausweichen kann. Aktuell umfasst der Katalog der legitimen Befristungsgründe acht Punkte, allesamt vage formuliert, von der Vertretung bis zur Erprobung (die unter den Befristungsgründen eigentlich noch nicht einmal etwas zu suchen hätte, weil das Gesetz bereits für jeden normalen Arbeitsvertrag eine Probezeit erlaubt). Mit einem dieser Vorwände können Arbeitnehmer bis in alle Ewigkeit im Unklaren über ihre Zukunft gelassen werden, von einem Zeitvertrag zum nächsten zum nächsten zum nächsten. Die besonders entwürdigende Kettenbefristung wäre möglich wie eh und je. Der SPD fiel in ihrem Wahlprogramm dazu bislang nicht viel mehr ein als die Ankündigung, den Sachgründekatalog überarbeiten zu wollen.

Arbeitgeber könnten für die Befristeten mehr Geld in die Arbeitslosenversichung einzahlen

Es gibt durchaus weitere diskussionswürdige Überlegungen, wie der grassierenden Unsitte zu begegnen wäre. Die Ökonomen Karl Heinz Hausner und Christian Hohendanner schlagen zum Beispiel vor, den Preis der Befristung für Arbeitgeber zu erhöhen, etwa indem diese verpflichtet werden, für Beschäftigte mit Zeitvertrag mehr als bisher in die Arbeitslosenversicherung einzuzahlen. Die Chefs hätten weniger Anreiz, ihre Leute einfach aus irgendeiner Laune heraus hinzuhalten. Es wäre zudem nur fair, weil befristete Beschäftigte viel schneller in die Arbeitslosigkeit stürzen – wofür dann die Allgemeinheit aller Versicherten aufkommt, auch die Unbefristeten mit ihren Beiträgen.

Ohnehin ist die Befristung Ausdruck eines Marktversagens, mit dem sich in den Sondierungen eigentlich wunderbar gegenüber der Union hätte argumentieren lassen, wenn man denn gewollt hätte. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage besagt: Wenn ein Unternehmen mehr von einem Arbeitnehmer will als das gemeinhin Übliche, muss es auch mehr zahlen als gemeinhin üblich. Die personelle Manövriermasse für das, was euphemistisch natürliche Fluktuation heißt, braucht ihren Preis. Wer nur auf Zeit einen Job bekommt, sollte als Ausgleich für die Unsicherheit einen Lohnaufschlag erhalten. Tatsächlich passiert das Gegenteil: Wer einen Zeitvertrag hat, bekommt sogar weniger Geld. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat ausgerechnet, dass ein Viertel der Befristeten unter 35 Jahren mit einer Vollzeitstelle weniger als 1.100 Euro verdient. Von den Unbefristeten fallen nur 9,3 Prozent unter diese Grenze.

Direkt mehr Leute anstellen – mit geringerem Stundenpensum

Gebetsmühlenartig behaupten Arbeitgeberverbände zwar, dass Verträge mit Verfallsdatum alternativlos wären. Tatsächlich sind sie aber nur billig und bequem, andere Möglichkeiten gäbe es durchaus. Es ist kein Naturgesetz, dass ein Kurzzeitflexibilitätseinsprungsarbeiter ohne jede Perspektive hermuss, sobald irgendjemand in der Belegschaft in Elternzeit geht. Man könnte auch einfach von vornherein mehr Leute anstellen, unbefristet, dafür aber mit einem geringeren und variablen Stundenpensum, was sich ohnehin viele Menschen derzeit wünschen würden: Wenn jemand ausfällt und vertreten werden muss, bekommen die übrigen Mitarbeiter die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit zu erhöhen. Es bräuchte nur Fantasie, um dem Wahnsinn der Befristung ein Ende zu bereiten.

Über all dies wurde bei den Groko-Gesprächen offenbar nicht einmal nachgedacht. Selbst ihre eher symbolische Reformvariante, arbeitgeberzahmste aller Möglichkeiten, hat die SPD in den Sondierungen nicht durchsetzen können – oder nicht durchsetzen wollen. Es ist ein Jammer für die Sozialdemokraten, die sich mal als linke Volkspartei verstanden, aber noch mehr für die Millionen, die mehr verdient hätten als Jobs, deren Zeit vor dem ersten Arbeitstag schon gezählt ist.