ZEIT ONLINE: Vor ein paar Jahren war auf dem Cover von The Times eine junge Frau abgebildet, die gerade ein Selfie macht. Die ersten Sätze, die darüber standen, waren: "Die Ich-Ich-Ich-Generation. Millennials sind faule Narzissten, die immer noch bei ihren Eltern wohnen und zu hohe Ansprüche haben." Sie sagen, das Gegenteil sei der Fall. Warum?

Malcom Harris: Ich finde, mit diesen Klischees machen es sich die Medien zu leicht. Ich habe in den letzten Jahren mehr Artikel darüber gelesen, dass junge Menschen zu viel an ihren Smartphones kleben und Selfies machen, als über die 20 Prozent junger US-Amerikaner, die unter der Armutsgrenze leben. Oder darüber, dass mehr junge Menschen Medikamente gegen Depressionen und Angststörungen nehmen als jemals zuvor. Nicht erst die Smartphones haben die jungen Menschen verändert. Die Entwicklung begann in den siebziger Jahren: zum Beispiel durch die Schwächung der Gewerkschaften und die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts. Millennials sind menschliche Kapitalanlagen: Von keiner Generation zuvor wurde derart erwartet, von früh an ihr Humankapital zu mehren. Junge Menschen und ihre Eltern müssen heute viel mehr Geld, Zeit und Anstrengung in ihre Ausbildung stecken als früher.

Malcom Harris, 28, studierte englische Literatur und Politik. Bekannt geworden ist er, als er 2011 die Presse glauben ließ, dass die Band Radiohead bei Occupy Wallstreet auftreten wird, damit mehr Menschen zu den Protesten kommen. Er lebt in Philadelphia. "Kids these days: Human Capital and the Making of Millennials" ist bei Little, Brown and Company erschienen. © privat

ZEIT ONLINE: Dass Menschen mit einer guten Ausbildung bessere Karten auf dem Arbeitsmarkt haben, ist aber nicht neu.

Harris: Das stimmt. Aber die Wetteinsätze sind heute viel höher. Die Ungleichheit ist größer und mit ihr die Konsequenzen, auf der falschen Seite der Schere zu landen. In den sechziger Jahren konnten Menschen auch ohne ein Studium sicher sein, einen Job zu bekommen und genug Geld zu verdienen. Für Unternehmen bedeutete das: Wenn sie Fachkräfte haben wollten, mussten sie in sie investieren. Die Anwaltskanzleien zahlten zum Beispiel oft das Studium ihrer Anwaltsgehilfen. Der Anreiz, viel Geld für das Studium auszugeben, war nicht so groß, und ohnehin konnten sich das nur wenige leisten. In den USA hat die Regierung Mitte der sechziger Jahre deswegen angefangen, günstige staatliche Studienkredite zu vergeben. Inzwischen sind die Studiengebühren in den USA aber grotesk gestiegen.

ZEIT ONLINE: US-Amerikaner, die außerhalb ihres Heimatbundesstaats studieren, mussten 2017 an staatlichen Unis im Schnitt 26.000 Dollar pro Jahr bezahlen – mehr als dreimal so viel wie vor 20 Jahren.

Harris: Trotzdem gehen heute mehr Menschen studieren als damals. Denn ohne ein Studium findet man heute kaum einen guten Job – und selbst diese Stellen sind oft prekärer und schlechter bezahlt als die unserer Eltern.

"Das Versprechen, mit dem man Menschen an die Uni lockte, war: Ihr werdet es besser haben als alle Generationen vor euch, wenn ihr euch in der Schule und in der Uni anstrengt. Aber es stimmte einfach nicht."
Malcom Harris, Autor

ZEIT ONLINE: In Deutschland waren Studiengebühren der staatlichen Unis nie so hoch wie in den USA – und wurden inzwischen wieder abgeschafft. Aber auch hierzulande verdient der durchschnittliche Berufsanfänger im Vergleich weniger Geld als vor 30 Jahren – obwohl mehr von den Menschen, die in den Job starten, studiert haben. Wissenschaftler der Freien Universität Berlin haben herausgefunden, dass Berufsanfänger in den neunziger Jahren etwa so viel Geld hatten wie der Durchschnittsdeutsche. Heute haben sie 25 Prozent weniger als der Schnitt. Auch eine Analyse des Guardian, der Zahlen der internationalen Gehaltsdatenbank LIS ausgewertet hat, zeigt, dass dieser Trend ebenfalls für Millennials aus anderen Ländern gilt.

Harris: Genau das ist das Problem. Obwohl Millennials nach allen Kriterien die am besten ausgebildete Generation sind, haben sie weniger Sicherheit und weniger Geld als ihre Eltern. Wenn der Markt voller Uniabgänger ist, können es sich die Unternehmen leisten, sie schlechter zu bezahlen. Das ist eine ziemlich einfache Angebot-Nachfrage-Gleichung.

ZEIT ONLINE: Sie glauben also, dass es keine gute Idee war, jungen Menschen den Zugang zum Studium zu erleichtern.

Harris: Ich glaube nicht, dass wir zwischen gut und schlecht unterscheiden können, sondern uns fragen müssen: Für wen war das nützlich und warum? In der Sowjetunion war das Studium umsonst und das erhöhte den Druck für westliche Staaten, in Ausbildung zu investieren. Das Versprechen, mit dem man Menschen an die Uni lockte, war: Ihr werdet es besser haben als alle Generationen vor euch, wenn ihr euch in der Schule und in der Uni anstrengt. Aber es stimmte einfach nicht. Wir arbeiten mehr, bevor wir überhaupt in den Job starten: In den USA verbrachten Kinder Anfang der nuller Jahre dreimal mehr Zeit mit Hausaufgaben als in den achtziger Jahren. Aber später, auf dem Arbeitsmarkt, zahlt sich diese Extraarbeit nicht aus.