Als Jonas*, 20 Jahre, sein Praktikum in einer Münchner Kita begann, wollte er mit den Kindern im Garten Stöcke sammeln und beim Wickeln helfen. Sofort loslegen mit der Arbeit. Er stand am Anfang seiner Ausbildung zum Erzieher und hatte Lust auf den Job. Doch als Praktikant sollte er erst mal die Kolleginnen beobachten. Mehr durfte er noch nicht machen, auch nicht drei Wochen später. "Meine Kolleginnen sagten, es müsse erst ein Grundvertrauen geschaffen werden", sagt er. Dafür hatte Jonas Verständnis. Jonas war der einzige Mann in der Gruppe.

Gespräche im Nebenzimmer und Getuschel im Pausenraum

"Irgendwann habe ich mitgehört, wie zwei Kolleginnen im Nebenraum über mich sprachen", erzählt Jonas. Er saß gerade alleine mit ein paar Kindern im Spielzimmer. "Ich hörte, wie eine Kollegin nebenan sagte: Den würde ich nicht alleine mit den Kindern lassen. Nicht, dass da was passiert." Jonas sagt, er sei überrascht gewesen, auch geschockt. Er hätte nicht so recht gewusst, was er machen sollte. Ein paar Wochen später bekam er noch ein Gespräch mit, diesmal im gemeinsamen Pausenraum. "Die haben getuschelt: Der freut sich bestimmt, wenn er ihnen den Po abwischt", sagt Jonas. "Das war schon heftig für mich."

Dass Männer einmal als Kindergärtner arbeiten würden, war für viele lange unvorstellbar. Bis in die Neunzigerjahre war "Erzieherin" ein Frauenberuf – im Westen wie im Osten Deutschlands. Und wenn man auf die Zahlen blickt, gilt diese Aussage noch immer: In mehr als zwei Dritteln aller Kitas gab es 2014 nicht einen einzigen männlichen Erzieher. Das liegt auch daran, dass der Beruf schlecht bezahlt ist – und damit für viele Männer unattraktiv ist. Aber es gibt noch einen anderen Grund, der es jungen Männern schwer macht, den Beruf des Erziehers zu wählen: Pädophilie, sexuelle Belästigung von kleinen Jungen, Missbrauch von Mädchen. Man nennt es auch Generalverdacht: die Annahme, dass von männlichen Erziehern eine Gefahr ausgeht.

Lange mussten Erzieher um Anerkennung kämpfen. "Früher kam es durchaus häufiger vor, dass junge Männer in der Ausbildung zum Beispiel nicht wickeln durften", sagt Björn Köhler von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Doch offenbar hat es einen Bewusstseinswandel gegeben in den letzten zehn Jahren. Das beobachten sehr viele, die sich mit dem Thema Männer in Kitas beschäftigen: Wissenschaftler, Beratungsstellen und Erzieher selbst, mit denen ZEIT ONLINE für diesen Text gesprochen hat. Sie sagen: Männer in Kitas seien heutzutage normal.

Die Kinder sollen ein vielfältiges Männerbild bekommen

Ist Jonas aus München also ein Opfer alter Klischees? Es gibt keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Männer Misstrauen in Kitas erleben. Was Jonas an seinem Ausbildungsplatz erlebt hat, könnte auch ein Einzelfall sein. Köhler zumindest sagt: "Das ist mittlerweile äußerst selten. Männern traut man diesen Beruf heute zu, ohne sofort an Missbrauch oder Pädophilie zu denken."

Der Sozialwissenschaftler Michael Cremers hat diesen Wandel wissenschaftlich mitbegleitet. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. 2009 führte er die erste bundesweite Untersuchung zu Männern in Kitas durch. Aktuell arbeitet er an einer Wiederholung der Studie, die kurz vor der Veröffentlichung steht. Eine Erkenntnis seiner Forschung: Der Anteil männlicher Fachkräfte in Kindertagesstätten liegt bei über fünf Prozent. Das sind mehr als doppelt so viele Männer wie noch vor zehn Jahren. "Diese Entwicklung ist kein Zufall", sagt Cremers, "sondern von politischen Akteuren ebenso gewollt, wie von relevanten Akteuren in der Elementarpädagogik."

Der Anstoß dafür kam aus dem Bundesfamilienministerium: 2010 kündigte die damalige Ministerin Kristina Schröder (CDU) an, mehr Männer in Kitas zu bringen. Es folgte 2011 ein bundesweites Modellprojekt mit Anzeigenkampagnen, einem Quereinsteigerprogramm, einem Onlineforum, in dem sich männliche Erzieher vernetzen konnten. "Dass es heute mehr männliche Erzieher und eine größere Akzeptanz dafür auf allen Seiten gibt, hat auch mit diesen Kampagnen und Initiativen zu tun", sagt Björn Köhler. 

Der Bedarf für Männer in diesem Beruf ist groß. Und das nicht nur, weil es an Fachkräften fehlt und die Geburtenraten steigen. "Kinder erleben eine Vielfalt von Frauen und Weiblichkeitskonstruktionen im Krippen- und Kita-Alltag, während das Gleiche aber nicht für Männer und Männlichkeitskonstruktionen gilt", sagt Cremers. Eine diverse Gesellschaft spiegele sich im besten Fall auch in einer diversen Kita wieder, sagt er. 

"Ein möglicher sexueller Missbrauch der Kinder durch pädagogische Fachkräfte wird deutlich häufiger bei männlichen Erziehern als bei Erzieherinnen vermutet."
Michael Cremers, Sozialwissenschaftler

Was die fachlichen Standards angeht, unterscheiden sich Frauen und Männer offenbar nicht. Dies belegt eine Studie aus dem Jahr 2015. Auch wenn sich viele Eltern und Kitaleitungen über mehr Männer im Beruf freuen – eine Herausforderung bleibt bestehen: "Ein möglicher sexueller Missbrauch der Kinder durch pädagogische Fachkräfte wird deutlich häufiger bei männlichen Erziehern als bei Erzieherinnen vermutet", sagt Cremers. So wie bei Jonas, dem angehenden Erzieher aus München.

Jonas suchte das Gespräch mit seiner Teamleiterin: "Sie sagte mir nur, dass sie sich das nicht vorstellen könne. Ich sei ja nicht der erste Mann in der Einrichtung." Daraufhin wandte er sich an die Berufsschule, er wollte einen neuen Praktikumsplatz. Doch die Schule verwies ihn zurück an die Kita, er sollte das mit der Leiterin der Einrichtung lösen. Jonas fühlt sich bis heute im Stich gelassen und von den Kolleginnen weiter beäugt. Erst schläft er immer schlechter, dann lässt er sich krankschreiben.

"Gerade für junge Männer ist dieser Generalverdacht nicht leicht", sagt Cremers. "Es führt sicher auch dazu, dass einige das Berufsfeld wieder verlassen." Jonas will das auf keinen Fall. Doch er ist sich nicht sicher, ob er seinen Ausbildungsplatz behalten kann. Zu oft hat er gefehlt in den letzten Wochen. Die Situation ist verfahren: Die Einrichtung hat das Vertrauen in ihn verloren. Sie haben Zweifel, ob er der Richtige für diesen Beruf ist. Jonas sieht sich von Kitaleitung und der Berufsschule unverstanden, will nicht mehr zur Arbeit.

"Ich habe mir unglaublich den Kopf zerbrochen"

Solche Geschichten kennt Tobias Niebergall gut. 2011 gründete er in Erfurt ein Männernetzwerk: junge Erzieher, die sich regelmäßig treffen, sich austauschen und unterstützen. Wie ist es, der einzige, vielleicht der erste Mann in einer Kita zu sein? Wie bringt man sich am besten ein? Wie geht man mit Unsicherheiten um? "Zu unseren Spitzenzeiten waren wir 25 bis 30 Leute", erzählt Niebergall. Den Stammtisch gibt es immer noch. Doch sie treffen sich nicht mehr alle zwei Monate und nur noch der harte Kern von fünf Männern ist übrig. Für Niebergall ist das ein gutes Zeichen. "So ein Netzwerk ist heute einfach nicht mehr notwendig. Männliche Erzieher müssen sich heute nicht mehr so austauschen", sagt er.

"Wir haben keine Erfahrung mit Männern und müssen schauen, wie das für uns passt."
Kolleginnen im Erfurter Kinderladen

Niebergall selbst hat in seinem Beruf nur gute Erfahrungen gemacht. Vier Jahre hat er als Erzieher in einem Erfurter Kinderladen gearbeitet, heute berät er Kindertagesstätten. Als der 31-Jährige nach seiner Ausbildung vor zehn Jahren nach Erfurt zog, wollte er eigentlich Musik machen. Doch dafür brauchte er Geld und bewarb sich kurzerhand in dem Kinderladen. "Die wollten mich und ich wollte sie. Das haben wir gleich im ersten Gespräch gemerkt", erinnert sich Niebergall. "Aber das war auf jeden Fall ein Experiment für beide Seiten." Den Kinderladen gab es schon seit den Achtzigerjahren. Die Frauen sagten zu Niebergall: "Wir haben keine Erfahrung mit Männern und müssen schauen, wie das für uns passt." Es passte.

Wie geht man richtig um mit dem Generalverdacht? "Eine Möglichkeit sind Kinderschutzkonzepte, da sich entsprechende Taten nicht grundsätzlich ausschließen lassen", sagt der Sozialwissenschaftler Cremers. Er versteht darunter: feste Leitlinien, Hilfe- und Beschwerdesysteme. Ein offener Umgang mit dem Thema hilft auch. Doch genau hier sieht Cremers auch ein Problem: "Je mehr darauf hingewiesen wird, dass Männer kein höheres Missbrauchsrisiko darstellen, umso mehr verankert eine Kita das Thema Missbrauch in ihrer Organisation und macht es damit zu ihrer sozialen Wirklichkeit", sagt er. 

Camillo Wittig blickt auf 15 Jahre als Erzieher zurück. Der 42-Jährige, der in den Neunzigern in Zwickau eine Ausbildung zum Tierpfleger machte, arbeitete 14 Jahre in Berlin als Erzieher. Seit einem Jahr wohnt er in München, wo er nun in einer Kita mit angeschlossenem Bauernhof tätig ist. "Der Generalverdacht ist heute wirklich kein Thema mehr", sagt er. "Wenn ich meine 15 Jahre Revue passieren lasse, muss ich sagen: Das kommt heute überhaupt nicht mehr auf den Tisch."

Endlich mal ein Mann!

So ganz stimmt das nicht: Im Jahr 2010, er war damals der erste Mann in der Kita, beschwerte sich ein Elternpaar über ihn bei der Kitaleitung. "Sie wollten nicht, dass ich ihre kleine Tochter wickle", sagt Wittig. Die Eltern wurden zum Gespräch geladen. "Wir haben uns kennengelernt und dann waren sie beruhigt", sagt er.

Kein weiteres Mal in seiner beruflichen Laufbahn wurde er misstrauisch beäugt, wenn er alleine mit den Kindern unterwegs war oder sie ihm auf den Schoß stiegen. Wittig hatte sich auf mehr Gegenwind eingestellt. "Ich lebe offen homosexuell, da habe ich mir wahnsinnig viele Gedanken gemacht", sagt er. "Ich habe mir unglaublich den Kopf zerbrochen – zu Unrecht." 

In München wurde er mit offenen Armen empfangen. Für die Kinder ist er ein Magnet. Sehr schnell haben sie eine Bindung zum ihm aufgebaut. Gerade weil er der einzige Mann sei, glaubt Wittig. "Das sehe ich gerade hier in München: Fast alle Eltern, oft die Väter, sind beruflich sehr eingespannt."  

Daran merkt man: Ganz normal ist der Umgang mit männlichen Erziehern also nicht. Einerseits werden sie enthusiastisch empfangen, fast zu überschwänglich, könnte man sagen. Andererseits gibt es da trotz allen Wandels dieses Misstrauen, das Jonas erlebt hat. Vieles spricht dafür, dass sich auch daran noch etwas ändert. Männer werden gesucht, nicht nur aufgrund ihres Geschlechts, sondern weil es zu wenig Erzieherinnen und Erziehern gibt. In Berlin zum Beispiel klagen die ersten Eltern wegen fehlender Kitaplätze. Doch im Grunde geht es um Gleichberechtigung. Genauso wie Frauen der Weg in männlich dominierte Berufsfelder geebnet werden muss, sollte es selbstverständlich sein, dass Männer den Beruf des Erziehers ergreifen und ausüben. Und ganz unabhängig von der Branche arbeiten Teams mit Frauen und Männern offenbar innovativer. Das ist die Erkenntnis einer Studie der London Business School.

Jonas setzt jetzt wahrscheinlich für den Rest des Ausbildungsjahres aus. Ein weiteres Gespräch mit der Kitaleiterin führte auch nicht zu einer Lösung. Es folgte die fristlose Kündigung – Jonas hat einfach zu oft gefehlt. Er hat vor, sich im Herbst erneut für einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Dann aber in einer anderen Kita.

*Name von der Redaktion geändert.