Wer übernimmt die Pflege der eigenen Eltern? Und wie soll das gehen? Mit einem Sabbatical? Mit einer halben Stelle? Die IG Metall fordert deshalb eine 28-Stunden-Woche, also eine reduzierte Arbeitswoche, damit man sich nebenbei um Angehörige oder die Kinder kümmern kann – mit vollem Lohnausgleich. Als die Mutter von Julia* erkrankte, hatte sie nicht die Möglichkeit, einfach beides zu machen, Job und Pflege. Mit 25 Jahren kündigte sie ihre erste Stelle in einer Werbeagentur. Hier erzählt sie, wie es ihr mit diesem Schritt ergangen ist.

Ich hatte genau den Job, den ich immer wollte: Nach meinem Mediendesign-Studium fing ich bei einem kleinen Turnschuhlabel als Junior Marketing Managerin an. Ich war dafür verantwortlich, die Marke aufzubauen, die Sneakers zu vermarkten, eine Strategie zu entwickeln. Ich merkte, dass ich gut darin war, und wusste: Das ist der perfekte Einstieg in meine Karriere als Strategin. Ich konnte selbständig arbeiten und all meine Ideen umsetzen. Meine Mutter war zu dem Zeitpunkt schon vier Jahre krank, Darmkrebs. Irgendwann kam der Anruf, dass der Krebs gestreut hat und keine Chemotherapie mehr helfen kann. Es war klar: Sie wird sterben. Mir war in dem Moment klar: Ich muss nach Hause. Ich wollte nicht nur Informationen am Telefon bekommen. Ich wollte das alles begreifen: die Absurdität von Krankheit, Schmerz, Trauer, Pflege und Verantwortung.

"Mein ehemaliges Kinderzimmer kam mir am ersten Abend zu Hause viel kleiner vor als früher."
Julia*

Meine Eltern waren nicht begeistert von meiner Idee. Ihnen war klar, dass ich meine berufliche Perspektive mit dieser Entscheidung aufs Spiel setzte. Für mich gab es aber keine Diskussion. Seit Beginn der Erkrankung meiner Mutter hatte ich für mich entschieden: Wenn es ans Sterben geht, werde ich da sein. Also habe ich innerhalb von vier Wochen meine Wohnung gekündigt. Die wenigen Möbel in meiner kleinen Dachgeschosswohnung hatte ich vom Vormieter übernommen, die blieben einfach für die Nachmieterin. Die Umzugskisten passten in das Auto meines Vaters, er holte mich ab und wir fuhren damit in mein Heimatdorf in der Südpfalz. Mein ehemaliges Kinderzimmer kam mir am ersten Abend zu Hause viel kleiner vor als früher.

Mit meinen Chefs habe ich damals offen über alles gesprochen. Auch sie haben – wie meine Freunde – nie an meiner Entscheidung gezweifelt. Gleichzeitig lief es wirtschaftlich in der Firma nicht so gut, wir haben uns nach einigen Gesprächen darauf geeinigt, dass sie mich betriebsbedingt kündigen – so konnte ich in der Pflegezeit vom Arbeitslosengeld leben. Dass es auch Möglichkeiten gegeben hätte, meine Pflegezeit bezahlen zu lassen, wusste ich damals nicht. Ich hatte weder Zeit noch Kraft, mich um sowas zu kümmern. Bis heute habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich zu dieser Zeit vom Arbeitslosengeld gelebt habe. Das ist auch der Grund, aus dem ich meine Geschichte anonym erzähle.

Die Beziehung zur Mutter so lange genießen, wie es eben geht

Meine Entscheidung hat einige Menschen in meinem Umfeld damals schockiert. Wenn ich sagte: "Hey, ich gehe zurück nach Hause, um meine sterbende Mutter zu pflegen", bekam ich meistens Mitleid. Dabei wollte ich das gar nicht. Ich habe meine Situation nie als eine empfunden, in der man Mitleid mit mir haben muss. Im Gegenteil. Ich sah das als Chance, die Beziehung zu meiner Mutter zu genießen, solange ich sie habe. Ich hatte ganz viel Liebe, Stärke und Neugier.

An meinem ersten Tag zurück in der Südpfalz fuhr ich mit meiner Mutter ins Krankenhaus. Wir hatten einen Termin mit der Palliativmedizinerin. Meine Mutter konnte noch sprechen, laufen, war im Kopf klar – und pragmatisch. Danach waren wir wie früher in der Stadt Kaffee trinken. Unsere Gespräche in dieser ersten Zeit waren ganz unterschiedlich: Mal mussten wir medizinische Informationen gemeinsam verarbeiten, mal lachten wir über die Nachbarskinder. Wir hatten noch so etwas wie Alltag miteinander.

Aber meiner Mutter ging es schnell schlechter, die Ärztin musste bald zu uns nach Hause kommen und die Schmerztherapie ging los. Das Sterben war dann ein langsamer Prozess. "So schnell stirbt es sich nicht", das habe ich gelernt. Es war ein Sterben auf Raten. Irgendwann war die Atemmaschine da, die künstliche Ernährung, die Ängste wurden größer und meine Mutter immer unruhiger. Wir sind manchmal stundenlang durch das Haus gegangen, sie links an meinem Arm, der Tropf in meiner rechten Hand. Das war seelisch anstrengend, aber auch körperlich.