Am Anfang fühlte sich der Umzug nach Deutschland an wie eine Offenbarung. In London musste ich anderthalb Stunden pro Strecke zu meinem Verlagsjob pendeln, der kaum meine Lebenshaltungskosten deckte. Als ich vor viereinhalb Jahren nach Deutschland zog, machten die Unternehmen in Berlin auf mich einen netteren, entspannteren, einfach menschlicheren Eindruck. Ich arbeitete als Texterin für insgesamt über ein Dutzend Unternehmen und Agenturen, manchmal als Festangestellte, manchmal als Freiberuflerin, die tageweise gebucht wurde. Aber als aus Monaten in Berlin irgendwann Jahre wurden, stellte ich fest, dass ich am Ende des Arbeitstages immer häufiger angefressen war.

Es waren einzelne Vorfälle, aber sie häuften sich. Männliche Kollegen, die Frauen in Meetings das Wort abschnitten. Ein Manager, der aus dem Bewerbungsgespräch mit einer potenziellen Praktikantin rauskam und sagte: "Wir werden diese Frau auf jeden Fall einstellen! Ihr glaubt nicht, wie attraktiv sie ist." Ein Kollege, der hinter mir auf einer Treppe lief, als ich ein Kleid trug, und mir dann per Direktnachricht die Farbe meines Schlüpfers mitteilte. Ich kannte das Wort dafür: Sexismus. Aber als ich versuchte, mit meinen deutschen Kolleginnen darüber zu sprechen, fühlte ich mich wie dieser Junge mit dem Topfhaarschnitt in The Sixth Sense, der als Einziger im Film Tote sehen konnte. Nur dass ich statt "Ich sehe tote Menschen" flüstern wollte: "Ich sehe Sexismus am Arbeitsplatz." War ich plemplem?, fragte ich mich damals. Paranoid? Ein bisschen von beidem?

Es ist nicht – ich wiederhole, nicht – der Fall, dass Großbritannien ein Paradies für Frauen ist oder bei dem Thema besser dasteht als Deutschland. Mehr als die Hälfte der britischen Frauen haben sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren, das zumindest ergibt eine Umfrage des Dachverbandes der britischen Gewerkschaften und von The Everyday Sexism Project. Bei 16- bis 24-jährigen Frauen waren es demnach sogar zwei Drittel. Laut der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte haben 44 Prozent aller Britinnen schon einmal physische oder sexuelle Gewalt erlebt. 

In Großbritannien führte #MeToo zu einer Debatte über das sexuelle Fehlverhalten von mehreren Parlamentariern gegenüber Kolleginnen und Journalistinnen. Die Vorwürfe reichen von ungewollter Annäherungen bis hin, in einem Fall, zu Missbrauch. Der Abgeordnete Mark Garnier gab zum Beispiel inzwischen zu, seine Assistentin beauftragt zu haben, Sexspielzeug zu kaufen. Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon trat nach Vorwürfen wegen sexueller Belästigung zurück. Und vergangene Woche wurde die Spendengala Presidents Club Charity Dinner wegen Sexismusvorwürfen eingestellt. Reporterinnen der Financial Times hatten als Hostessen an dem Event teilgenommen und berichtet, die ausschließlich männlichen Gäste hätten die Hostessen unter anderem unsittlich berührt und auf ihr Schlafzimmer gebeten. In Deutschland bleibt #MeToo bis heute weitgehend eine Debatte ohne prominente Namen, außer dem des Regisseurs Dieter Wedel, dem mehrere Frauen im  ZEITmagazin und in der ZEIT vorwerfen, sie sexuell belästigt zu haben.

"Sexismus ist eben mehr als nur 'ein paar Arschlöcher'."

Vielleicht sehen die meisten mir bekannten Briten, egal ob Männer oder Frauen, gerade deshalb ein, dass Sexismus am Arbeitsplatz ein Problem ist, weil er so präsent ist. Aber als ich versuchte, über das Thema mit deutschen Kollegen zu reden, waren die Ergebnisse ernüchternd. Ein deutscher Kollege, mit dem ich eng befreundet war, erklärte mir zum Beispiel, dass Sexismus nicht existierte, weil "es immer einen bestimmten Anteil von Arschlöchern gibt, egal welches Geschlecht sie haben".

Aber Sexismus ist eben mehr als nur "ein paar Arschlöcher". Und zum Glück hat #MeToo inzwischen auch in deutschen Büroküchen und an Esstischen eine Debatte angeschoben. Heute wäre ich hoffentlich nicht mehr die Einzige, die problematische Verhaltensweisen erkennt – und müsste weniger daran zweifeln, dass ich mir das alles eingebildet habe. Es hilft dem Gespräch jedoch auf die Sprünge, wenn man die Frage "Ist dein Arbeitsplatz sexistisch?" in viele kleinere Fragen unterteilt. So können Sie herausfinden, wie sexistisch Ihr Arbeitsplatz wirklich ist:

1. Wie viele Frauen in Ihrem Unternehmen sind in Führungspositionen?

Laut statistischem Bundesamt gehen 74,5 Prozent aller Frauen zwischen 20 und 64 einer Arbeit nach. Gleichzeitig sitzen aber in den Vorständen von den 160 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland nur 45 Frauen – und 630 Männer. Und ihre Zahl wächst trotz beschlossener Frauenquote nur langsam. Solange nicht mehr Frauen Chefinnen sind, gibt es keine Gleichberechtigung.

Es mag Zufall sein, dass ich in Großbritannien ausschließlich Chefinnen hatte und in Deutschland fast nur Chefs. Die Unterschiede aber, die ich zwischen weiblicher und männlicher Führung bemerkte, waren zu deutlich, um Zufall zu sein. Ich glaube nicht, dass eine weibliche Führungsperson Vergewaltigungswitze über Louis C. K. in einem Raum voller Frauen geduldet hätte, wie ich sie mir einmal in einem Meeting anhören musste. Oder dass eine Chefin mir es übel genommen hätte, dass ich nicht die "Bikini-Bodys" von Promis in einem Artikel bewerten wollte. Und mir zudem gedroht hätte, dass meine Verweigerung Auswirkungen auf die Zukunft meiner Stelle haben würde.

Natürlich kann man nicht nur an der Zahl der weiblichen Führungskräfte festmachen, ob eine Firma Frauen fördert. Es lohnt sich aber, über ein paar Fragen nachzudenken: Gibt es im Unternehmen weibliche Vorbilder? Bekommen Frauen sichtbare, prestigeträchtige Projekte, die später zur Beförderung führen? Gibt es ein offizielles Mentoring-Programm – oder nur ein inoffizielles Unter-die-Arme-Greifen, von dem meist männliche Angestellte profitieren? Ermöglicht es die Firma, Arbeits- und Privatleben auf eine Weise zu vereinbaren, die anerkennt, dass es häufig immer noch Frauen sind, die sich um Kinder und ältere Verwandte kümmern?