ZEIT ONLINE: Frau Vogel, Sie arbeiten als Briefermittlerin. Wie kommt es denn, dass ein Brief nicht zugestellt werden kann?

Raina Vogel: Meistens scheitert es an der Adresse des Empfängers. Manchmal fehlen Angaben, die Straße zum Beispiel. Und in einer Großstadt haben Sie keine Chance, einen Brief ohne den Namen der Straße zuzustellen. In anderen Fällen ist die Adresse veraltet. In der Weihnachtszeit etwa fällt manchen Menschen wieder ihre Tante ein, der sie noch eben ein Weihnachtskärtchen schicken wollen. Nur leider an die alte Adresse.

ZEIT ONLINE: Wird die Post nicht nachgeschickt?

Vogel: Nicht, wenn die Adresse schon so veraltet ist, dass kein aktiver Nachsendeauftrag mehr besteht. Manche Menschen beschriften auch ihre Briefkästen nicht. Wenn der Zusteller in einem Mehrfamilienhaus mit 20 Parteien keinen Namen auf dem Briefkasten findet – keine Chance. Den Brief muss er zurückschicken.

ZEIT ONLINE: An den Absender, würde man meinen.

Vogel: Genau, wenn er denn von außen ersichtlich ist. Falls nicht, also wenn der Brief unanbringlich ist, wie wir sagen, dann landet er bei uns.

"Manche Menschen beschriften ihre Briefkästen nicht."
Raina Vogel, Leiterin der Briefermittlungsstelle der Deutschen Post

ZEIT ONLINE: Das scheint oft vorzukommen. Rund 16.000 Briefe können in Deutschland jeden Tag nicht zugestellt werden, weil weder Adressat noch Absender klar erkennbar ist. Wie erklären Sie sich, dass die Menschen nicht einfach ihre Adresse auf den Brief schreiben?

Vogel: Ich glaube, das ist eine Generationenfrage. Ich habe früher ganz selbstverständlich gelernt, dass auf jeden Brief ein Absender geschrieben wird. Doch heute gibt es so viele andere Kommunikationswege, E-Mail, SMS, die sozialen Netzwerke und so weiter. Überall dort ist es nicht nötig, eine Absenderadresse anzugeben. Ich denke einfach, dass es die Menschen beim Brief deshalb vergessen.

Raina Vogel leitet das hundertköpfige Team der Briefermittlungsstelle der Deutschen Post in Marburg, wo alle Sendungen landen, die weder der Empfängerin zugestellt werden können noch einen erkennbaren Absender haben.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie und Ihre Mitarbeiter vor, um einen unanbringlichen Brief anbringlich zu machen?

Vogel: Zuerst sichten die Mitarbeiter den Umschlag von außen und prüfen, ob er tatsächlich über die Deutsche Post und innerhalb Deutschlands verschickt wurde und ob sich nicht doch irgendwo ganz klein eine Absenderadresse verbirgt. Falls nicht, öffnen wir den Brief.

ZEIT ONLINE: Aber es gilt doch das Briefgeheimnis!

Vogel: Sobald ein Brief unanbringlich ist, dürfen wir es aufheben.

ZEIT ONLINE: Und dann?

Vogel: Bei Geschäftsbriefen findet man den Absender sehr schnell. Da ahnen die Mitarbeiter teilweise schon, wo die Adresse stehen wird, bevor sie den Brief öffnen. Meist irgendwo oben rechts oder links. Und auch bei privaten Briefen springt einem eine Postleitzahl schnell ins Auge, sofern denn irgendwo eine steht.