ZEIT ONLINE: Frau Gerstbach, wir treffen uns hier in der Redaktion jeden Mittag zu einer großen Konferenz. Obwohl die Stimmung gut ist und ich meine Kolleginnen und Kollegen mag, sage ich fast nie etwas. Woran könnte das liegen?

Ingrid Gerstbach: Vermutlich gehören Sie zu der Gruppe der Introvertierten. Introvertierte Menschen beobachten viel und nehmen neben dem, was gesagt wird, auch noch die Stimmung in einem Raum wahr. Das überfordert und kann dazu führen, dass sie sich nicht mehr auf ihre eigenen Ideen fokussieren können und verstummen. Oft sind es deshalb in großen Konferenzen die Extrovertierten, die ein Gespräch dominieren. Sie hören vor allem sich selbst und reden einfach drauf los. 

ZEIT ONLINE: Introvertierte sind also eingeschüchtert von den lauten Kollegen?

Gerstbach: Nicht unbedingt. Von einem ruhigeren Kollegen heißt es ja schnell: Der ist halt ein bisschen schüchtern. Das ist Quatsch. Introvertiertheit und Schüchternheit sind nicht dasselbe. Schüchtern ist jemand, der wenig Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen hat. Introvertierte sind eher leise, sehr sensibel und beobachten gut. Es kann durchaus sein, dass ein introvertierter Mensch in einem Zweiergespräch oder einer Flirtsituation gar nicht schüchtern ist. Im Übrigen ist niemand zu 100 Prozent introvertiert oder extrovertiert. Wir alle befinden uns auf einer Skala. Je nach Umfeld, Tag oder Gruppengröße kann das variieren.

Introvertierte sind sehr kritisch – mit sich selbst

Ingrid Gerstbach ist Expertin für Design Thinking und Innovationsmanagement mit Sitz in Wien.


ZEIT ONLINE: Die Ratgeberliste für Introvertierte ist lang: Sich in einer Konferenz weiter nach vorne setzen, lauter sprechen, Augenkontakt halten. Hilft das?

Gerstbach: Man kann sich natürlich bis zu einem gewissen Grad antrainieren, extrovertierter zu sein. Ich empfehle aber, zu akzeptieren, wie man ist. Wenn einem der Körper immer wieder signalisiert, dass man sich in einer bestimmten Situation unwohl fühlt, dann sollte man nicht dagegen ankämpfen. Dann hat man da eben eine Schwäche. Und stattdessen konzentriert man sich auf seine Stärken. Außerdem ist unsere Arbeitswelt ohnehin schon laut genug. Wenn wir versuchen, die Introvertierten umzuerziehen, würde viel verloren gehen. Introvertierte richten den Blick mehr nach innen. Viele erfolgreiche Leute versuchen später, genau das mühsam in Mediationsworkshops zu erlernen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem: In vielen Berufen gehören Konferenzen einfach dazu. Die Teilnahme ist nicht nur erwünscht, sondern macht auch aus, wie wir in unserem Job wahrgenommen werden. Was raten Sie den Introvertierten?

Gerstbach: Eine weitere Eigenschaft von introvertierten Menschen ist es, ständig alles zu hinterfragen. Sie sind sehr kritisch mit sich und haben Angst, dass sie schlecht rüberkommen. Wichtig ist es, diese Angst zu hinterfragen. Je nachdem wie gut das Verhältnis zum Chef ist, empfehle ich, das direkt anzusprechen. In einem Einzelgespräch können Sie erklären, dass Sie sich nicht wohl fühlen, in großen Gruppen zu sprechen, und fragen: Wie siehst du das? Ist das ein Problem für dich? Soll ich mich ändern, auch wenn es mir schwerfällt? Oft stellt sich dann heraus, dass andere einen ganz anders wahrnehmen. Selbstbild und Fremdbild sind oft sehr unterschiedlich. In solchen klärenden Gesprächen kann viel vermeintlicher Erwartungsdruck abfallen.