Online-Roman Amir verkauft seinen Laden

Amir hatte eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen getroffen, doch es half nichts. Die Asadis erfuhren schnell, dass er seinen Laden verkaufen wollte. Sie kamen zu ihm und fragten zurückhaltend: „Ich habe gehört, du willst verkaufen?“ Weder bejahte Amir die Frage, noch verneinte er sie. „Was du nicht alles hörst“, sagte er nur und schwieg beharrlich. Seinen Ärger zeigte er nicht. Er hatte genau diese Situation vermeiden wollen. Deshalb hatte er über einen Mittelsmann im Bazar die Nachricht streuen lassen, dass sein Laden zu kaufen war. Er wollte alles geräuschlos über die Bühne bringen. Doch das war gründlich missglückt. Die Asadis hatten offensichtlich ihre Informanten, und nun kamen sie, einer nach dem anderen und stellten ihm alle dieselbe Frage. „Du willst verkaufen?“

Er hatte das erste Mal darüber nachgedacht, als Robabe in den Norden Teherans zog, um zu studieren . Sie verabschiedeten sich an der Bushaltestelle. Er brauchte all seine Kraft, um nicht zu weinen. Sie versuchte, ihn mit einem leichten Kopfnicken aufzumuntern. Es war mehr eine Ahnung als ein Gedanke.

Am nächsten Morgen ging er über den Platz. Er sah von weitem, wie der Bursche Ali die Rollläden des Ladens öffnete, wie er Kisten und Säcke umräumte und dann mit einem Besen den Boden auskehrte. Es war alles wie immer, und doch schien ihm dieser Anblick fremd. Die Verbindung war gerissen. Er verbrachte den Tag Tee schlürfend vor seinem Laden und ließ entgegen seiner Gewohnheit Ali die gesamte Arbeit machen. Ali durfte sogar an die Kasse, was er bisher nur in sehr seltenen Fällen zugelassen hatte.

Amir war völlig unbeteiligt. In den ersten Stunden bereitete ihm das ungekannte Nichtstun Sorgen, aber je länger es andauerte, desto mehr genoss er diesen Zustand. Als Ali an diesem Tag einmal kam, um ihn um Rat zu fragen, sagte Amir: „Mach, wie du möchtest. Entscheide du es!“ und schickte ihn mit einer lässigen Handbewegung weg. Wie leicht er sich dabei fühlte.

Die endgültige Entscheidung zu verkaufen, traf Amir, als er Baba Zede begegnete.

„Guten Tag!“, sagte Baba Zede, „darf ich mich zu dir setzen?“

Amir war etwas überrascht. Es war schon lange her, dass sie sich getroffen hatten. Genau genommen hatten sie das letzte Mal miteinander gesprochen, als Amir ihn wegen der Hinkenden aufsuchte . Das war vor rund 15 Jahren gewesen. Amir konnte sich nicht mehr genau erinnern.

„Setz dich, bitte“, sagte Amir und rief laut: „Ali, bring uns Tee!“

Baba Zede nahm Platz. Er atmete tief durch.

„Es ist lange her.“

„Ja, sehr lange.“

Dann schwiegen sie. Ali brachte Tee. Baba Zede trank. Er schaute über den Platz.

„Ein schöner Tag, nicht wahr?“

„Ja, ein wundervoller Tag.“

Sie schwiegen wieder und tranken Tee.

„Ich habe schon seit langem Rückenschmerzen“, sagte Baba Zede, „und was ist mit dir? Bist du gesund?“

„Ich hab es mit den Knien …“

„Oh, bei mir ist es das linke …“

„Mir tut alles weh. Ich habe Rheuma, das kann je nach Wetter ziemlich schmerzhaft sein!“

Wieder wurde es still. Nur ihr Schlürfen war zu hören. Die Sonne warf lange Schatten über den Platz.

„Wir sind alt geworden.“

„Ja, in der Tat“, antwortete Amir.

Die beiden schauten sich an. Sie musterten sich aufmerksam.

„Du hältst dich aber gut“, sagte Amir lächelnd, und Baba Zede antwortete: „Ich denke, du auch.“

Sie schauten auf den Asadi-Platz. Er lag im milden Abendlicht.

Baba Zede lachte, ein kurzes knatterndes Lachen und sagte: „Schön ist dieser Platz ja nicht. Wenn ich bedenke, dass ich fast mein ganzes Leben hier verbracht habe!“

„Ja, verrückt, nicht wahr? Ein paar Häuser, ein Streifen Grün. Wie klein der Platz ist!“ Amir schien ehrlich erstaunt darüber. Jahr für Jahr hatte er hier verbracht, mit kurzen Unterbrechungen nur, aber erst jetzt fiel ihm diese Enge auf.

„Ich bin heute Morgen meine Fabrik losgeworden“, sagte Baba Zede ganz unvermittelt nach längerem Schweigen.

„Wirklich? Was ist passiert?“

Amir schien überhaupt nicht überrascht zu sein, als hätte er gewusst, was geschehen war. Baba Zede erzählte die Sache mit der Gesundheitsbehörde bis ins kleinste Detail. Dabei lachten die beiden immer wieder so laut, dass Ali aus dem Laden kam, um nach dem Rechten zu sehen.

„Weißt du“, sagte Baba Zede kichernd, „Weißt du, was das Beste ist? Diesem armen Beamten war es entsetzlich peinlich, mir diese Verordnung zu überreichen. Er wand und wand sich, fand aber keinen Ausweg. Er musste es tun! Dabei verhaspelte und verhedderte er sich immer wieder. Was für ein Schauspiel.“

„Geht es uns in diesem Land nicht allen so?“, unterbrach ihn Amir, „müssen wir nicht alle Dinge tun, die wir verabscheuen! Sind wir nicht deswegen alle auf die eine oder andere Weise ungeschickt, plump und, ja, unansehnlich? Verachten wir uns nicht deswegen?“

Baba Zede schaute ihn nachdenklich an. „Wahrscheinlich hast du Recht. Vielleicht sollten wir deswegen unser ganzes Leben ändern und alles anders machen!“

“Du meinst neu anfangen?“

„Warum nicht?“

Amir klopfte Baba Zede auf die Schulter.

„Ich verkaufe den Laden!“

„Gute Idee, und was machst du danach?“

„Danach? Danach trinken wir zusammen Tee und schauen zu, wie das Leben weitergeht.“

Genauso kam es.

Was bisher geschah:


Hier geht es entlang zum Asadi Platz


Amirs Haus: Alle Geschichten von Amir und seiner Familie

 
Leser-Kommentare
  1. \N

  2. Wie schade, dass die Geschichten zu Ende geschrieben sind und die schönen Verbindungen reißen..

  3. 3. \N

    Nein, so kann die Geschichte doch nicht einfach fallen gelassen werden! Jetzt habe ich dieses Ding seit Monaten verfolgt und was ist nun? Nichts? Ah, wie aergerlich.

    • Jens99
    • 31.10.2006 um 13:40 Uhr
    4. \N

    Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Danke dafür.

    • Mauki
    • 30.10.2006 um 18:07 Uhr

    Ist das alles gewesen? Endet der Roman mit den Worten, "und wenn sie nicht gestorben sind, dann schlurfen sie immer noch Tee"?! Schade, ich hatte mehr erwartet.

    • Akaer
    • 01.11.2006 um 10:04 Uhr

    ... aber auch so danke für eine schöne Geschichte.

  4. jetzt geht es erst richtig los, und dann ist
    einfach zappe...

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