Die Asadis Die Nacht des Umsturzes I
Es war weit nach 22 Uhr und Amir war immer noch nicht zu Hause. Fatimeh stand im Gästezimmer am Fenster und kaute an ihrer Unterlippe. „Wo ist er bloß? Er müsste längst hier sein! Haben sie ihn verhaftet? Ist er im Gefängnis? Warum muss er denn auch noch so spät aus dem Haus!“ Irgendetwas musste passiert sein, denn Amir hatte die seit Monaten geltende Ausgangssperre immer eingehalten. Fatimeh ging in die Küche und holte sich ein Glas Wasser. Ihr Hals war trocken und schmerzte. Sie trank das Glas in einem Zug leer. Doch es verschaffte ihr nur kaum Erleichterung. Ihr schwindelte ein wenig, und sie lehnte sich an die Wand.
In der Ecke der Küche stand ein Radio, ein alter Kasten mit Kratzern und Dellen- Fatimeh hörte regelmäßig und mit großer Aufmerksamkeit die Nachrichten, auch wenn sie kaum etwas von dem glaubte, was der Staatssender von sich gab. Sie versuchte zu verstehen, wie weit die Revolution noch entfernt war. Fatimeh hatte inzwischen große Übung darin, zwischen den Zeilen zu lesen.
Je lauter die Erfolgsmeldungen des Regimes verkündet wurden, je fester die Stimme des Sprechers, je pompöser die Worte, desto schwächer wurde der Schah. Das hatte Fatimeh gelernt. Als der amerikanische Präsident Jimmy Carter vor fast einem Jahr beim Schah zu Besuch gewesen war, hatte sich die Stimme aus dem Radio fast überschlagen vor Begeisterung. Und Jimmy Carter war mit den Worten zu hören gewesen: „Iran ist eine Insel der Stabilität inmitten eines unruhigen Meeres!“ Selbst Fatimeh, die weder sehr gebildet noch weit gereist war, dachte sich, dass der Amerikaner mit Blindheit geschlagen sein musste. Aber der Nachrichtensprecher, so erinnerte sich Fatimeh, wiederholte seine Worte immer und immer wieder wie eine Zauberformel. Nur wenige Monate nach dem Besuch des amerikanischen Präsidenten verhängte der Schah das Kriegsrecht.
„Wie anders die Rede Khomeinis!“, dachte sie jedes Mal, wenn sie die Stimme des Imams von einer Kassette abspielte. Ihr schien, als umfinge ihn eine besondere Aura, die selbst vom Band noch zu spüren war. Die Stimme aus dem Radio hingegen klang in ihren Ohren banal.
Manchmal stellte sie sich diese Sprecher vor. Wie sie wohl aussahen? Wenn Fatimeh sich ein Bild von der Diktatur machen wollte, fiel ihr immer die Uniform des Schahs ein – die vielen glitzernden Orden, die an seiner breiten Brust prangten. Deshalb konnte sie sich auch die Radiosprecher nur mit Orden vorstellen. Fette Orden in einem winzigen Studio, vor einem Mikrofon! Fatimeh lachte darüber, verstummte jedoch sofort wieder, weil Khomeini niemals lachte. Fatimeh ging davon aus, dass er auch von seinen Anhängern erwartete, dass sie niemals lachten. Deshalb unterließ sie es, wenn es ging. Es fiel ihr schwer. Deshalb übte sie sich im revolutionären Ernst Khomeinis. Es war ein kleiner Dienst an der Revolution. Eine gottgefällige Selbstreinigung.
Doch an diesem Abend war der Nachrichtensprecher plötzlich verstummt. Fatimeh dachte zuerst, der übliche Wackelkontakt hätte das Gerät außer Gefecht gesetzt. Es war ein alter Apparat. Sie hatte Amir oft gebeten, einen neuen zu besorgen, aber er war – sparsam wie er nun einmal ist – hart geblieben. „Was willst du?! Das Radio ist doch gut genug!“, sagte er zu ihr, „Außerdem, du kannst sowieso nichts von dem glauben, was sie erzählen!“ Damit war für ihn das Thema erledigt.
Jetzt nahm Fatimeh das Radio in beide Hände, schüttelte es, schaltete es aus und wieder ein. Nichts geschah. Das Radio blieb tot. Da wusste sie, dass diese Nacht eine besondere Nacht werden würde. Sie schaute nach, ob Reza schlief. Er lag in seinem Bett. Sein Atem ging flach, sein Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig. Er sah sehr entspannt aus. Fatimeh zog die Decke bis an sein Kinn. Dann ging sie wieder in das Gästezimmer. Wenn nur Amir nach Hause käme.
Amir aber war bei der Hinkenden. Als er endlich fertig war mit seinem Zureden, schaute er auf seine Armbanduhr, zum ersten Mal, seit er in das Haus gekommen war. Es war 22.20 Uhr!
„Die Ausgangssperre!“, rief er, sprang auf und eilte zur Tür. Die Hinkende hielt ihn zurück. „Die Soldaten haben da draußen, nicht weit von hier, einen Posten für die Nacht eingerichtet. Ich weiß das. Sie werden dich verhaften!“, sagte sie in sehr sachlichem Ton. Er setzte sich wieder hin. Sie bot ihm frischen Tee an. Er nahm an, führte das Teeglas an den Mund und bemerkte, dass seine Hand zitterte. Eine Verhaftung wäre schlimm gewesen. Noch viel schlimmer aber wäre, dass dabei sein Besuch bei der Hinkenden bekannt geworden wäre. Nicht auszudenken! Amir trank, und er spürte, wie ihm Schweißperlen auf die Stirn traten. Die Hinkende schaute ihn an und schwieg.
Ob sie ihn verstanden hatte? Ob sie begriffen hatte, was er von ihr wollte? Mehr als eine Stunde lang hatte er auf sie eingeredet. Sie hatte sich geduldig gezeigt, so getan, als wüsste sie nichts von ihm, und sich seine ausführliche, detailreiche Schilderung der Hadsch, der Pilgerreise nach Mekka angehört. Die Geschichte, die er ihr dabei erzählte, war die eines Menschen, der von einem lasterhaften Leben zu einem gottgefälligen gefunden hatte. Es gab den Amir vor der Pilgerreise und den danach. Insgeheim wusste er natürlich, dass dieses schöne Schwarz-Weiß-Bild, das er von sich zeichnete, nicht ganz stimmte. Doch diese Vereinfachung war eine Art erzieherischer Trick. Er fühlte sich natürlich auch recht wohl, wenn er selbst sich so reden hörte, über diesen guten Menschen namens Amir.
Aber sein Ziel war klar. Er wollte die Hinkende dazu überreden, den Asadi-Platz zu verlassen. Ihr Ruf war schlecht, die Leute fürchteten sich vor ihr, ihre Anwesenheit vergiftete das Klima, eine allein wohnende Frau weckte ungebührliche Begehrlichkeiten – die Liste der Ärgernisse hätte sich fortsetzen lassen. Fest stand, dass ihre Anwesenheit hier unerwünscht war. Amir konnte ihr das freilich so deutlich nicht sagen. Das wäre unmenschlich gewesen und wahrscheinlich auch nicht erfolgreich. Deshalb hatte er sich vorgenommen, geduldig an die Sache heran zu gehen. Er berichtete von seiner eigenen religiösen Erweckung, um ihr etwas Schönes in Aussicht zu stellen. „Seit ich von der Hadsch zurück bin“, sagte er zu ihr, „hat Gott mir vieles geschenkt. Er ist gütig zu mir, weil ich mich zur Umkehr entschlossen habe!“ Sie, das gab er ihr zu verstehen, hatte dieselben Chancen auf ein besseres Leben, wenn sie nur Gottes Gesetzen folgte. Er wäre auch bereit gewesen, Gottes Hand ein wenig nachzuhelfen, und der Hinkenden bei ihrem Umzug finanziell unter die Arme zu greifen. Dieses Angebot wollte er sich für den Fall aufheben, dass sie sich starrköpfig zeigte. Er hoffte allerdings, Gott alleine könnte es schaffen, die Hinkende für seine Pläne zu gewinnen.
Er hatte taktiert, schwadroniert, gebrummt und gesäuselt - und darüber die Ausgangssperre vergessen. Jetzt saß er ihr gegenüber, ängstlich, müde und ratlos. Sie schwieg immer noch beharrlich, schaute ihn mit großen Augen an und wartete, was er als nächstes sagen würde. Ihm fiel aber nichts mehr ein. Eine Zeitlang blieb es still. Sie schaute ihn unverwandt an, und er wich ihren Blicken aus. Die Minuten verstrichen. Nach und nach verlor Amir seine Zaghaftigkeit. Er wich ihr nicht mehr aus. Und wie er sie so betrachtete, merkte er, dass seine Tugendhaftigkeit allein es nicht gewesen war, die ihn hierher geführt hatte. Nicht nur sein Wunsch, Gutes zu tun, hatte ihn dieses Risiko auf sich nehmen lassen. Da war mehr im Spiel - Verlangen nach dieser Frau.
Als ihm dies klar wurde, wollte er aufstehen, um zu gehen. Draußen jedoch lauerten die Soldaten. Sie fackelten sicher nicht lange. Entweder würden sie ihn verhaften oder erschießen. „Auf der Flucht erschossen!“ wie oft hatte das die Armee in den letzten Jahren berichtet, wenn sie wieder einmal einen Zivilisten zu Tode gebracht hatte! Tausende waren im letzten Jahr auf der Straße ums Leben gekommen, erstochen, zertrampelt, überfahren, gesteinigt und erschossen. Es gab in diesen Zeiten unendlich viele Möglichkeiten zu sterben. Hatte er nicht auf seinem Weg hierher schon Schüsse gehört? Vielleicht lagen draußen schon leblose Körper auf dem Pflaster. Er konnte das Haus nicht verlassen. Nicht in dieser Nacht.
Die Hinkende stand auf. „Warte einen Augenblick!“, sagte sie zu ihm. Dann verschwand sie im Flur. Er schloss die Augen, er sog den Duft von Rosenwasser ein, er hörte im Geist noch einmal ihre Stimme, die ihn mit großer Selbstverständlichkeit zum Warten aufforderte. Als sie zurückkam, hatte sie eine Matte unterm Arm. Sie rollte sie auf den Boden aus, legte sich hin, hob den Arm und sagte: „Komm, leg dich zu mir!“
Er zögerte, betrachtete sie nun aber ohne jede Scheu. Als er aufstand, um sich neben sie zu legen, war er ganz ruhig. Er hatte Fatimeh, seine Frau, vergessen. Und er wusste nicht, dass vor der Tür der Hinkenden Abbas auf dem Pflaster lag. Der war dort in seinem Rausch niedergesunken und eingeschlafen, unbemerkt von den Soldaten.
Was bisher geschah:
Hier geht es entlang zum Asadi-Platz
Amirs Haus: Alle Geschichten von Amir und seiner Familie
- Datum 30.06.2006 - 13:36 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 1
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Toll! Bravo! Prima! Super!
Wie viel Chauvinismus!
Viele Leute kümmern sie sich sehr um Rassismus. Chauvinismus ist andere Figur der Intoleranz. Ich weiss nicht, was soll es bedeuden, dass diese Geschichte an einem Märchen aus uralten Zeiten mich erinnert. Eine Geschichte, die ich annahm, war schon lange veraltet.
Frauen haben etwas Mehreres als nur ein Radio oder eine Matte, sie haben auch ein Gehirn.
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