Die Asadis Amirs Aufstieg

Als der Ladenbesitzer Amir von seiner Reise nach Mekka zurückkehrte, bereitete ihm seine Familie ein Fest. Auf dem Dach des Hauses hatten sie Flaggen gehisst. Seine beiden Söhne hatten eine Stoffbahn rund um die Fassade gespannt. Eine Sure aus dem Koran war darauf gemalt. Nachdem Amir an der Eingangstür von seiner Familie und zahlreichen Nachbarn jubelnd begrüßt worden war, setzten sie sich an einen üppig gedeckten Tisch. Das Fleisch türmte sich hoch auf, der Reis bildete richtige Berge, das Gemüse schimmerte bunt in allen Farben, die Melonen protzten mit ihren dicken Bäuchen und die Weintrauben quollen aus den Schüsseln hervor. Der Duft der Gewürze mischte sich mit dem Dampf des Essens. Die Gesichter der Gäste glänzten vor Freude. Sie kauten, sie schmatzten, sie genossen jeden Bissen, und dabei starrten sie alle mit weit aufgerissenen Augen auf den Heimkehrer, als sei er nicht mehr Amir, der kleine, eilfertige Ladenbesitzer, sondern ein Respekt einflößender Prophet. Er musste berichten. Die Gäste waren gierig auf jedes Detail.

Tatsächlich war Amir nun etwas Besonderes, denn in seinem Viertel hatte nur er sich die weite und kostspielige Reise von Teheran nach Mekka leisten können. Nur er konnte jetzt den Zusatz Hadschi in seinem Namen tragen, als Zeichen dafür, dass er die Hadsch, die Pilgerreise nach Mekka, unternommen hatte. Selbst der Mullah begegnete ihm seit seiner Rückkehr mit Respekt. Hadschi Amir hatte für die Reise, einen großen Teil seiner Ersparnisse investiert. Daran dachte er, während sie aßen und er immer noch von seinen Erlebnissen erzählen musste. Er machte sich Sorgen um seine finanzielle Lage, und schämte sich eine bisschen für diesen profanen Gedanken. Das dauerte aber nur einen Moment. Er schaute in die Runde und entdeckte unter den Gästen das Gesicht von Baba Zede, ein Nachbar, den er nicht ausstehen konnte. Er hatte vor einiger Zeit mit Baba Zede einen heftigen Streit gehabt, und nun saß er hier, in seinem Haus und vergnügte sich! Und er, Hadschi Amir, konnte ihn nicht einmal hinauswerfen!

Das Schlimmste war, dass Baba Zede Hadschi Amir mit einem Geschenk völlig überrascht hatte. Er hatte ihm den Tisch und die Stühle gekauft, auf denen sie nun alle saßen.
"Zur Versöhnung!", flüsterte Baba Zede Amir ins Ohr, als dieser das Wohnzimmer betrat.
"Das ist eine Provokation!", dachte Amir. Er hatte damit wohl Recht, denn er hätte lieber nach traditioneller Art auf dem Boden gesessen, um zu essen. Baba Zede wusste das, dieser Baba Zede, der sich immer als besonders modern aufspielte, dieser Baba Zede, der immer so überlegen tat. Hadschi Amir hätte am liebsten mit den Worten abgelehnt: "Du willst mich doch nur ärgern damit! Du bist ein Provokateur, ein hinterhältiger Provokateur!" aber er konnte das Geschenk nicht zurückweisen, nicht vor den Augen der hier versammelten Nachbarschaft.

Überhaupt, dachte Hadschi Amir, wer sollte das Festmahl bezahlen, wenn nicht ich. Er geriet in Wut, aber auch dies konnte er nicht zeigen.

Bald stellte sich heraus, dass seine Sorgen und sein Zorn grundlos waren. Seit er Hadschi Amir hieß, vermehrten sich seine Kunden. Manchmal herrschte ein richtiges Gedränge in dem engen Raum, der ohnehin schon vollgestellt war mit Reissäcken, Konserven, Flaschen und Körben. Viele kamen, um sich von Mekka berichten zu lassen. Dabei kauften sie das eine oder andere. Manche aber kauften, weil sie der Überzeugung waren, dass Hadschi Amirs Ware heilende Kräfte besäße. Eines Tages verbreitete sich im Viertel die Kunde, dass Hadschi Amirs Reis eine Frau von einer hartnäckigen Hautallergie befreit hatte.
"Sie hat einen Löffel Reis gegessen und weg war der Ausschlag. Ein Leben lang war ihre Haut mit roten Flecken übersät, und nun: Einfach weg!" So ging das Gerücht. So glaubten es die Leute. Hadschi Amir widersprach nicht. Sein Reis verkaufte sich in rauen Mengen. Er genoss den Status, ein Heiliger zu sein.


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Amirs Haus: Alle Geschichten von Amir und seiner Familie

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 15.12.2005 um 13:16 Uhr

    Nichts hat mir das Land, d.h. das altägliche Leben der Iraner eindringlich näher gebracht als dieses Buch:

    Alison Wearing: Meine Iranische Reise, München 2004, DTV

    Eines der besten, einfühlsamsten und doch unbestechlichsten Bücher, die ich seit langem gelesen habe.

    Highly recommended.

    • shana
    • 03.03.2006 um 17:27 Uhr
    2. \N

    Oh mein Gott dieses Buch? Ich bin selber Iranerin. Dieses Buch schildert nicht im geringsten, was dort los ist. Eines kann ich nicht verstehen. Den Schah macht man schlecht und sagt, er soll der schrecklichste Despot überhaupt gewesen sein, aber die Mullahs? Diese Logik des Westens verstehe ich nicht. Khomeini ist das Schlimmste, was dem Land passieren konnte und alles was über den Schah berichtet wird stimmt nicht mal ansatzweise.

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