Die AsadisMohammed bei der Armee

Der Schah glaubte, die Macht eines Herrschers zeige sich an der Stärke seiner Armee. Deshalb wollte er viele Panzer, viele Kanonen, viele Bombenflugzeuge und viele Soldaten. Seine Offiziere schwärmten im ganzen Land aus, um junge Männer zu rekrutieren. Sie untersuchten, prüften und schrieben an jene, die sie für tauglich hielten, einen Stellungsbefehl.

So kam es, dass eines Tages auch Mohammed, der Sohn Baba Zedes, den Befehl zur Einberufung in die Armee bekam.

Mohammed hatte schon als 13-Jähriger damit begonnen, Texte aller Art zu verschlingen. In seinem Kopf war ein Wust aus Zitaten. Sie stammten aus allen möglichen Büchern. Große Werke der Weltliteratur und der Philosophie waren darunter, aber auch belangloses Wissen, das er aus Magazinen entnommen hatte. Mohammed konnte Nietzsches Gedanken nahtlos mit den Sehnsüchten der verschiedenen Prinzessinnen verbinden, die am Hof des Schahs lebten; er konnte Karl Marx und Niki Lauda zitieren, auf eine Weise, dass man meinen konnte, beide seien Revolutionäre. Er entwickelte mit der Zeit eine große Meisterschaft darin, Wichtiges und Unwichtiges auf so elegante Weise zu verbinden, dass seine Zuhörer dachten, hier wachse ein origineller philosophischer Kopf heran. Die Asadis jedenfalls begannen mit Ehrfurcht von diesem jungen Mann zu reden, der mit seinem Wissen scheinbar mühelos Grenzen überwand. Das konnte mitunter sehr unangenehm sein. Eine Tages beispielsweise verbreitete sich die Nachricht, Mohammed habe gesagt: „Gott ist tot! Gott bleibt tot!“ Da dachten die Frommen unter den Asadis schon, er sei verrückt geworden und ihn werde eine fürchterliche Strafe ereilen. Doch dann vernahmen sie, dass Mohammed diese schlimmen Worte ergänzt hatte mit: „Wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“ Die Asadis konnten nun annehmen, Mohammed sei zwar ungestüm, aber im Grunde nicht vom Pfad Gottes angekommen. Später erst sollten sie bemerken, wie sehr sie sich geirrt hatten. Einstweilen bedauerten sie ihn, als er zur Armee gehen musste - so offensichtlich war sein mangelndes Talent zum Soldatenleben.

Nach einer kurzen Ausbildung in einer tristen Teheraner Kaserne schickte man Mohammed mit einer Infanterieeinheit nach Chusestan im Südosten des Landes, an die iranisch-irakische Grenze. Diese Region ist im Sommer glühend heiß und kühlt auch im Herbst nicht ab. Hier liegen die größten iranischen Ölfelder. Sie machten den Schah unermesslich reich. Und er fürchtete immerzu, dass ihm jemand diese Region streitig machen könnte. Deshalb ließ er einen guten Teil seiner Armee hier stationieren.

Mohammed musste mit seiner Einheit einen Grenzabschnitt zum Irak überwachen. Der Führer war ein drahtiger Leutnant, der davon träumte, einmal in einen Krieg, einen echten Krieg ziehen zu können. Der Leutnant war im Laufe seiner Karriere nur gegen das eigene Volk eingesetzt worden, gegen Demonstranten und „ähnliches Gesindel“ wie er es nannte. Er verachtete Zivilisten, hielt sie allesamt für Schwächlinge, gegen die vorzugehen eigentlich unter seiner Würde lag. Befehl ist Befehl, dachte er immer, und überwand seinen Ekel, wenn er irgendwo im Land Zivilisten niederhalten musste. Der zweite Offizier der Einheit, ein grobschlächtiger Feldwebel, teilte die Auffassung seines Vorgesetzten, nur konnte er sich nicht so differenziert ausdrücken wie dieser. Während der Leutnant sagte: „Der Mensch ist für die Demokratie nicht geschaffen. Er braucht Autoritäten“, sagte der Feldwebel nur: „Der Mensch? Er will gefickt werden! Verstehst du?! Gefickt!“ Für Mohammed hatten beide Aussagen dasselbe zur Folge: Er wurde gedemütigt.

An einem heißen Spätsommertag befahl der Leutnant Mohammed zum Wacheschieben an einen Ort, der ein paar Kilometer vor der Grenze lag. Dieser Posten war unter den Soldaten berüchtigt, weil er aus nichts Weiterem bestand als aus einem Loch, das in die sandige Erde Chusestans gegraben war, es gab keinerlei Schutz gegen die erbarmungslose Sonne. Rundherum war nichts außer öde, verbrannte Ebene.

Mohammed tat, wie im befohlen war. Er stellte sich in das Loch hinein und musterte die Umgebung. Es war wenig zu sehen, nur verdorrte Grasbüschel, vom Wind aufgewirbelter Sand und ein Himmel, der sich spannte und knisterte. Anfangs war er guten Mutes. Er dachte, er könne die sechs Stunden seiner Schicht gut überstehen. Eine Flasche Wasser hatte er bei sich, etwas Brot und Pistazien. Er war insgeheim froh, Zeit für sich zu haben, nachdenken zu können über alles, was er in der letzten Zeit gelesen hatte. Er schaute über den Rand des Erdloches hinweg und versuchte sich vorzustellen, wie es in den europäischen Städten aussah, in Paris, in Berlin, in London, in Rom. Es gelang ihm nicht gut. Worte hingegen konnte er sich leicht merken. Deshalb memorierte er die Sätze, die ihm in den letzten Wochen und Monaten ans Herz gewachsen waren. Es klang in seinen Ohren wundervoll, wenn er etwa aufsagen konnte.

Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.

Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, dass Gott sich darum kümmert.

Die Zeit für kleine Politik ist vorbei: schon das nächste Jahrhundert bringt den Kampf um die Erd-Herrschaft, — den Zwang zur großen Politik.

Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.

So etwas verstand zwar kein Mensch, nicht einmal er. Aber wie es klang! Wie es sich anhörte! Er wiederholte das Ganze noch mal. Es war ein Genuss, und darüber vergaß er seine Aufgaben, was nicht weiter schlimm war, denn es tat sich ohnehin nichts in dieser Gegend. Kein Feind schlich sich heran, nur die Ebene streckte sich dahin und mischte sich am Horizont mit dem Himmel zu einem schwammigen Etwas. Die Sonne senkte sich erst langsam, dann schnell. Die Dunkelheit brach herein. Mohammed blickte auf die Uhr. Die sechs Stunden hatte er bereits hinter sich. Niemand kam.

Er wunderte sich zunächst nicht. Manchmal ließ der Leutnant jemanden absichtlich länger auf seinem Posten. Es gehörte zu den kleinen Quälereien, die der Leutnant so liebte. Mohammed war entschieden, alles klaglos zu ertragen. Er wusste, dass der Leutnant durch jedes Wort der Widerrede nur weiter gereizt und sich härtere Strafen einfallen lasse würde. Also wartete er. Die Nacht brach herein. Als er die ersten Sterne funkeln sah, verspürte er Hunger. Das Brot und die Pistazien hatte er längst verzehrt, die Wasserflasche war leer. Mohammed kaute auf seiner Unterlippe und schaute hinaus in die Dunkelheit. Die Erde strahlte Wärme aus. Der Himmel funkelte. Mohammed fühlte immer stärker ein Grummeln in seinem Bauch. Um sich abzulenken, rief er seine zusammen gelesenen Zitate hinaus in die Nacht.

Halte immer an der Gegenwart fest. Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.

Es war der einzige Trost, den er jetzt hatte. Er schrie so lange, bis er erschöpft in seinem Erdloch zusammensank und einschlief. Am Morgen erwachte er. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Er richtet sich auf, blickte über die Ödnis hinaus. Keiner kam, ihn abzulösen. Er sank wieder zurück in sein Loch. Der Hunger quälte ihn jetzt. Als er wieder über den Rand des Erdloches blickte, war es schon Mittag. Eine gleißende Sonne throne am Himmel. Mohammeds Zunge klebte am Gaumen. Der Wind trocknete die Lippen. Seine Augen begannen zu schmerzen. Er dachte an Machmud, den Sohn von Abbas, der es verstand, in stiller Würde zu leiden. Mohammed wollte sich an ihm ein Beispiel nehmen. Wenn er nur so stark wie Machmud hätte sein können!

In der zweiten Nacht packte ihn der Hunger mit solcher Gewalt, dass er glaubte, ohnmächtig zu werden. Er konnte nicht mehr schlafen. Er konnte an nichts anderes mehr denken als ans Essen und an diesen Leutnant, der ihn auf so grausame Weise behandelte. Am Morgen schließlich verließ er sein Erdloch. Er marschierte in schnellem Schritt zu dem Lager seiner Einheit. Als er dort ankam, schauten ihn seine Kameraden an wie einen Geist, mit dessen Rückkehr sie nicht mehr gerechnet hatten. Mohammed ging zielstrebig auf das Zelt des Leutnants zu. Er schlug die Plane zurück. Der Duft frisch gebackenen Brotes stieg ihm in die Nase. Das verwirrte ihn. Der Leutnant saß auf einem Stuhl, neben ihm der Feldwebel. Sie aßen. Sie blickten auf. Noch bevor sie ein Wort herausbrachten, war Mohammed schon bei ihnen und schlug ihnen mit dem Rücken der Hand ins Gesicht. Zuerst dem Leutnant, dann dem Feldwebel. „Sadisten!“ schrie er, „Sadisten!“

Er hob noch einmal die Hand, aber diesmal konnte er nicht mehr zuschlagen. Zwei Wachsoldaten waren in das Zelt gestürmt. Sie hielten ihn von hinten fest, während der Leutnant und der Feldwebel ihm beide gleichzeitig einen Faustschlag in die Magengrube versetzten. Mohammed fiel augenblicklich in Ohnmacht. Das grobschlächtige Gesicht des Feldwebels war das Letzte, was er sah. Dann umfing in Dunkelheit.

Als er aufwachte, war er schon in einem Gefängniswagen der Armee. Sie brachten ihn weg. Die Strafe, die ihn ereilen würde, war so hart, dass selbst sein Vater Baba Zede den Schah stürzen wollte.

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Baba Zedes Haus: Alle Geschichten von Mohammed und seiner Familie

 
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