Online-Roman Reza, der Kommissar

Im sechsten Jahr des Krieges wurden Machmud und seine Einheit an die vorderste Front befohlen. Die bisher größte Offensive iranischer Truppen stand bevor. Sie sollten von der irakischen Halbinsel Fao aus, die sie schon erobert hatten, auf Basra vorstoßen, die zweitgrößte Stadt Iraks mit dem wichtigsten Hafen des Landes. Wer Basra in die Hand bekam, der schnitt dem Irak so eine der wichtigsten Lebensadern ab. Wie immer hatten die Führer in Teheran grandiose Pläne.

Machmud glaubte nicht mehr an den Sieg. Er wusste nur zu gut, dass Saddam Hussein zu allem bereit war. Ihm war jedes Mittel Recht, und er schreckte vor nichts zurück. Machmud hatte in den letzten Monaten Dutzende Kameraden neben sich qualvoll krepieren sehen – erstickt, verbrannt vom Giftgas, das der Diktator ohne zu Zögern einsetzte. Machmud überlebte, weil er eine Gasmaske besaß, weil er sie schnell genug aufsetzte, weil er vorsichtig war und weil er Glück hatte. Sein Leben hing von so vielen Zufällen ab.

Nein, einen Sieg gegen diesen Gegner hielt er nicht für möglich. Auch weil der irakische Diktator immer rechtzeitig neue Geräte aus westlichen Ländern bekam. Wenn er einmal strauchelte, war Hilfe schnell zur Stelle. Er erhielt Mirage-Kampfbomber aus Frankreich, Satellitenaufklärungsbilder aus den USA, Inhaltstoffe für chemische Kampfstoffe aus Deutschland. Wie sollte man da gewinnen?

Trotzdem kämpfte Machmud weiter. Er hatte wenig Alternativen. Hätte er die Truppe verlassen, wäre es Desertion gewesen. Darauf stand die Todesstrafe. Außerdem wollte er seine Kameraden nicht im Stich lassen. Er verstand sich gut mit den Leuten in seiner Einheit, die meisten waren aus ähnlichen Gründen hier. Sie wollten ihr Land verteidigen, Chomeinis Brandreden bedeuteten ihnen wenig.

Am Tag der geplanten Großoffensive rückten Machmud und seine Einheit noch in der Dämmerung in die vorderste Linien vor. Das Gelände auf Fao war vollkommen flach. Vor dem Krieg standen hier Hunderttausende Dattelpalmen. Sie waren eine der wichtigsten Einkommensquellen der Region. Von ihnen war nichts mehr geblieben. Die Plantagen waren vollkommen vernichtet. Die Erde war übersät mit Kratern, umgepflügt von Bomben, entstellt von Stacheldraht und zerschnitten von einem System aus Schützen- und Laufgräben. Fao war eine Totenlandschaft. Machmud zitterte am ganzen Leib, als er sich in den ihnen zugewiesenen Graben setzte, um auf den Befehl zum Angriff zu warten. Die Erde roch modrig und feucht. Machmud dachte an die vielen Leichen, die da draußen lagen, seit Tagen, seit Wochen, ja seit Monaten. Sie verwesten schnell und vermischten sich mit der schlammigen Erde. Es würde wohl nie möglich sein, nach dem Krieg alle Toten zu bergen, ja nicht einmal, sie zu identifizieren. Machmud schwitzte. Es war sehr warm. Auch die Nacht hatte die Luft nicht abkühlen können, und in weniger als einer Stunde würde die Sonne aufgehen und vom ersten Augenblick ihres Erscheinens an gnadenlos brennen. Die Hitze wütete in Fao wie ein gefräßiges Tier. Die Soldaten fürchteten sie mehr als den Feind.

Machmud lugte über den Schützengraben hinaus. Er sah, dass hundert Meter weiter vorne noch ein weiterer Graben angelegt war. Dort wimmelte es nur so von Soldaten. Das überraschte ihn, denn ihnen war gesagt worden, dass sie in der ersten Linie stehen würden. Er nahm sein Fernglas und schaute hindurch. Zuerst sah er nur Schemen, Schatten, die in dem Graben kauerten, viele Schatten. Er starrte gebannt darauf. Mit jeder Minute wurde es heller. Jetzt erkannte er die weißen Turbane der Mullahs. Es waren mehrere. Sie standen in einem Abstand von vielleicht fünfzig Metern im Graben und überragten die Soldaten, die dort hockten. Die Geistlichen waren nach den ersten beiden Kriegsjahren an die Front gekommen, um die Freiwilligen mit dem Koran in der Hand anzufeuern. Sie hatten aber auch die Aufgabe, die Arbeit der regulären iranischen Armee zu überwachen. Chomeini verdächtigte die Armee, schahfreundlich geblieben zu sein. Er fürchtete sie. Von der ersten Stunde der Revolution an baute er deshalb in fast allen Bereichen der Gesellschaft parallele Strukturen auf, die Revolutionsgarden waren die wichtigste. Diese hoch ideologisierte Truppe war Chomeini vollkommen ergeben. Sehr schnell wurde sie zu einem zentralen Machtinstruments Chomeinis. Die Mullahs an der Front waren der verlängerte Arm des Revolutionsführers. Wie sowjetische Politkommissare im Zweiten Weltkrieg wachten sie über die richtige Einstellung der Kämpfenden, sie prüften ihre ideologische Standfestigkeit. Sie verstanden nichts von militärischen Dingen, aber viel von Fanatismus. Machmud hasste sie.

Der Himmel hellte sich jetzt ganz auf. Machmud sah, dass die Soldaten in dem Graben vor ihm Kinder waren, irgendwo zwischen zwölf und sechzehn Jahren. Es war schwer zu schätzen, weil viele von ihnen sich älter machten als sie waren, und weil andere – falls sie die ersten Aktionen überlebt hatten – an der Front sehr schnell alterten. Sie trugen keine Waffen, nur den Schlüssel für das Paradies um den Hals. Machmud schnürte es die Kehle zusammen. Er wusste, was bald geschehen würde. Er hatte es schon oft gesehen. Hunderte Kinder würden bald über die irakischen Minenfelder laufen, um ihnen, den Soldaten den Weg frei zu machen. Machmud hörte Gesang. Er kam aus einer riesigen Lautsprecheranlage, die hinter ihnen errichtet worden war.

Er erkannte die Stimme sofort. Es war Hadschi Sadegh Ahangaran, alle Soldaten kannten ihn. Ahangaran war ein Einpeitscher der Revolution. Seine religiösen Lieder, in endlosen Schleifen gesungen, lullten die Zuhörer ein und versetzten die Gläubigen schnell in einen Trancezustand, in dem die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits sich verwischte. Machmud hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Aber auch das hätte leicht als Insubordination ausgelegt werden können. Die Kriegsführung der Revolution verlangte totalen Gehorsam. Sie wollte jedes Wort, jede Geste, jeden Gedanken kontrollieren.

Be yade Kerbala “, kam es aus den Lautsprechern, dazu rhythmisches Klatschen. „ Be yade Kerbala “, sang Anhangaran und ein Chor wiederholte es. Das ging ein paar Minuten so, dann standen die Kindersoldaten auf, stiegen über den Graben und liefen auf das offene Feld.

Kerbala !“

Kerbala !“

Sie rannten, bis sie auf eine Mine traten und zerfetzt wurden, bis sie die Kugeln irakischer Maschinengewehre ummähten, bis sie die Explosion einer Granate in der Luft zerriss. Wie eine Welle bewegten sie sich vorwärts und prallten an den irakischen Befestigungen ab. Dann kam die nächste Welle, und die nächste. Machmud sah durch das Fernglas, wie die Mullahs aus ihrem Schützengraben die Kinder ins Freie trieben, in den sicheren Tod. Dann bekamen sie den Befehl bis zu dem nächsten Schützengraben vorzurücken. Er sprang auf, rannte um sein Leben, rund um ihn herum explodierte die Erde. Er fiel in den Schützengraben. Ihr Offizier befahl ihnen, in Deckung zu bleiben. Machmud schaute über den Rand des Grabens. Was er sah, schockierte ihn. Hunderte Kinder lagen auf dem Boden, zerstückelt, verrenkt, blutend. Manche waren noch am Leben, krochen wie Käfer über die schlammige Erde, andere schrien entsetzlich. Die Waffen schwiegen jetzt. Und über allem brannte gnadenlos die Sonne.

Machmud wandte sich ab. Er keuchte. Ihm wurde übel. „Unser Führer ist dieses dreizehnjährige Kind, das sich Granaten umbindet und sich unter einen Panzer wirft.“ Dieser Satz von Chomeini fiel ihm jetzt ein. Dieser Satz, mit dem er den Tod des angeblich ersten Kindes feierte, das sein Leben auf dem Schlachtfeld opferte. Hossein Fahmide hieß der Kleine. Das Regime stellte sicher, dass das ganze Land ihn bald kannte. Später, nach dem Krieg, fand Hossein Fahmides Geschichte Eingang in alle Schulbücher. Er wurde zum Vorbild für die Jugend stilisiert, ein Junge, der sich selbst in die Luft gesprengt hatte, um einen irakischen Panzer aufzuhalten. Machmud schossen Tränen in die Augen. Er hielt sich die Ohren zu, weil er die Schreie der Kinder nicht mehr ertragen konnte, die immer noch über den Rand des Schützengrabens schwappten. Er spürte eine Hand auf der Schulter. Er drehte sich zur Seite. Es war ein Mullah, einer dieser Männer, die die Kinder auf dem Gewissen hatte. Wut packte ihn. Er hätte am liebsten zugeschlagen. Er hielt sich zurück. Er nahm die Hände von den Ohren. Der Mullah sprach zu ihm.

„Machmud? Bist du es, Machmud? Machmud, der Bruder von Banafscheh, der Sohn von Abbas!“

Machmud schaute den Mullah an. Er erkannte den Mann nicht.

„Ja“, sagte er, „ich bin Machmud!“

Der Mullah umarmte ihn.

„Machmud! Machmud! Gott ist groß! Gott ist groß!“

Dann ließ er ihn wieder los.

„Du erkennst mich nicht?!“

„Ja, ich weiß nicht, das Gesicht…“, Machmud zögerte.

„Ich bin Reza, der Sohn von Amir!“

„Reza?“

“Ja, Reza!“

Dann lachte er auf. Machmud packte erneut der Zorn. Wie konnte dieser Mensch jetzt lachen, während nur wenige Meter von ihm entfernt die Kinder lagen, schrien und verreckten, die Kinder, die er in den Tod geschickt hatte. „Schön, dich zu sehen“, sagte Reza in einem sanften Ton.

Machmud floss das Blut aus den Adern. Er verlor alle Kraft, so fassungslos war er angesichts dieses Menschen, der ihn jetzt mit einem seligen, ja fast glücklichen Ausdruck anschaute. Wie war das nur möglich angesichts des Grauens, das sie umgab?

„Du bist… ein, ein Mullah?“ Machmud stotterte. Er war entsetzt und erstaunt zugleich über die Wandlung Rezas. Als er noch auf dem Asadi-Platz wohnte, war es auch ihm nicht entgangen, dass der Sohn des frommen Amir religiös geworden war. Unter den Asadis, die den Klatsch liebten, war die wachsende Religiosität Amirs ein Thema. Seit er dem Befehl seiner Mutter gefolgt war, und auf dem Platz, vor aller Augen, den Fernseher zertrümmert und dabei „Gott ist groß!“ geschrien hatte, begannen die Asadis, ein wenig misstrauisch zu werden. Sie waren sich nicht mehr sicher, wohin der religiöse Eifer dieses Jungen noch führen würde. Ein Jahr nach der Revolution hatte sich Reza ebenfalls freiwillig gemeldet - allerdings bei den Geistlichen.

Er hatte kaum eine religiöse Ausbildung genossen, das sollte später folgen, nach dem siegreichen Ende des Krieges. Einstweilen hatte man ihn an die Front geschickt. Seine Aufgabe war es, die Kindersoldaten zu überwachen, ihnen kurz vor der Schlacht noch einmal das Paradies auszumalen, all die wunderbaren Dinge, die sie dort erwarteten. Reza war in religiösen Fragen nicht besonders beschlagen. Das war in dieser Situation nicht so wichtig, sein Eifer zählte, sein unverrückbarer Glaube an die Sache. Und die Kinder würde ihn ohnehin nicht nach schwierigen theologischen Dingen fragen. Rezas Aufgabe war es, ihnen mit einem Lächeln den Opfertod schmackhaft zu machen.

„Was machst du hier?“, fragte ihn Machmud, der langsam wieder zu sich kam. „Ich biete meine Hilfe an!“, sagte Reza.

Machmud packte ihn am Kragen, hob ihn hoch, bis an den Rand des Schützengrabens und zwang ihn, auf das Schlachtfeld zu schauen, das mit Kinderleichen übersät war. „Sieht so deine Hilfe aus?“, schrie er.

Reza antwortete kalt.

„Es geht ihnen gut. Sie sind im Paradies! Aber du verstehst das nicht!“

Hier geht es entlang zum Asadi-Platz

Abbas' Haus: Alle Geschichten von Machmud und seiner Familie

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Autoren abonnieren RSS-Feed
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service