Die Leiche Dawuds lag noch im Innenhof seines Hauses, da kam eine Gruppe von Männern und nahm Fereschteh mit. Sie hatten bärtige Gesichter, trugen billige Kleidung, Stahlhelme und Sturmgewehre. Sie waren weder Soldaten noch Zivilisten. „Wir sind die Revolution!“, sagten sie, packten Fereschteh am Arm und holten sie aus dem Haus. Die Asadis beobachteten entsetzt, wie diese Männer Fereschteh vor sich her schoben, mit den Gewehrkolben bearbeiteten und unflätig beschimpften. Keiner griff ein. Es wäre auch sinnlos gewesen, denn diese Männer waren offensichtlich zu allem entschlossen. Wer protestierte, riskierte sein Leben. Die Asadis sahen noch, wie Fereschteh auf die Ladefläche eines Lastwagens steigen musste, auf der bereits mehr als ein Dutzend gefangene Frauen saß. Auf einem zweiten Lastwagen lagen Leichen. Sie waren offensichtlich in der Umgebung eingesammelt worden. Dawud warfen sie auf diesen Wagen. Fereschteh sah das nicht mehr. Ihr Lastwagen war bereits lärmend davongebraust. © Rita Kohel

Danach wurde es still auf dem Asadi Platz. Wer noch herumstand, bemühte sich, schnell in seine eigenen vier Wände zu kommen, wer schon dort war, versuchte sich mit alltäglichen Tätigkeiten abzulenken. Die Asadis wollten schnell vergessen, was geschehen war.

Die nächsten Tage mieden sie das Haus von Dawud. Niemand traute sich hinein. Jeder hatte Angst, dabei beobachtet zu werden. Die Asadis zweifelten nicht daran, dass auch die neuen Herren überall Augen und Ohren hatten, selbst wenn es noch nicht klar war, wer sie waren. Der Schah hatte das Land verlassen, zwei Wochen später landete Chomeini in Teheran . Er war der populärste Mann des Landes, aber ob er es auch als unumschränkter Herr regieren würde – das war noch nicht klar. Zur Sicherheit wollte kein Asadi mehr mit Dawud in Verbindung gebracht werden. Sie hatten zu seinen Lebzeiten Distanz zu ihm gehalten. Jetzt, da er tot war, hielten sie sich weiter daran. Den meisten wäre es am liebsten gewesen, sein Haus wäre einfach verschwunden, vom Erdboden verschluckt. Sie hätten es gerne vergessen.

Robabe musste noch im Haus sein. Die Asadis hatten sie zum letzten Mal am Fenster gesehen, wie sie, von einem Stein getroffen, nach hinten fiel. Was mit ihr geschehen war, konnte keiner sagen. Niemand hatte gesehen, dass die bewaffneten Revolutionäre auch sie mitgenommen hätten. Jedenfalls war mehr als zwei Wochen nichts von ihr zu sehen. Vielleicht war sie über den Hinterausgang entkommen oder vielleicht war sie doch verhaftet worden, des Nachts, als alle schliefen?

Schließlich fasste sich Amir ein Herz und ging durch das eingedrückte Tor in den Innenhof des Hauses.

„Robabe!“ , rief er, „Robabe!“