Eines Morgens wachte Robabe auf und wusste, dass die Zeit gekommen war, ihr Leben zu ändern. Seit dem Tod ihres Vaters Dawud und der Verhaftung ihrer Mutter Fereschteh war sie allein zurück geblieben. Amir hatte ihr angeboten, sie bei sich aufzunehmen und als sie ablehnte, schlug er vor, ihr eine kleine, eigene Wohnung zu besorgen. © Rita Kohel für ZEIT online BILD

„Ich werde dich dort nicht stören. Du sollst aber nicht in diesem Haus wohnen bleiben. Das ist nicht gut für dich. Hier ist zu viel geschehen.“

Sie nickte, lächelte und lehnte ab.

Ihre Mutter war zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt worden, doch machte sich Robabe Hoffnung, dass sie viel früher frei käme.

„Wirst du da sein, wenn ich wieder freikomme. Wirst du dann mit mir nach Paris fahren?“ Diese Frage stellte Fereschte ihr bei jedem Besuch, und Robabe antwortete regelmäßig: „Natürlich werde ich da sein. Und dann fahren wir nach Paris!“

Nein, sie konnte das Haus nicht verlassen. Auch jagte ihr der Gedanke, diese vier Wände zu verlassen, große Angst ein. Sicher, hier war ihr Vater erschlagen worden, hier hatten sie Fereschte verhaftet und hier hatte man sie verletzt und tagelang alleine gelassen wie ein wildes Tier. Trotzdem war es besser zu bleiben. Das Böse war von draußen gekommen. Das Haus bot Schutz.

Robabe hatte den Kontakt mit den anderen Menschen auf ein Minimum reduziert. Nur Amir sah sie regelmäßig. Er besuchte sie nahezu täglich und versorgte sie mit allem, was nötig war. Aus dem Leben der anderen Asadis hatte sich Robabe völlig zurückgezogen. Dabei sperrte sie sich nicht ein. Sie ging hinaus auf den Platz, sie schlenderte durch das Viertel, aber wenn jemand sie ansprach, gab sie freundlich zu verstehen, dass sie an einem Gespräch nicht interessiert war. Die Asadis hätten gerne mehr über sie erfahren. Ab und an kam einer von ihnen in Amirs Laden, druckste ein wenig herum und fragte so beiläufig wie möglich: „Und Robabe? Wie geht es Robabe?“ Amir behauptete dann immer, es nicht zu wissen. Das stimmte freilich nicht, denn sie vertraute sich ihm an. Aber er wollte nicht über sie sprechen, um sie zu schützen. Er hütete sie wie einen Schatz, der ihm zugefallen war. Dass dies durch eine tragisches Ereignis geschehen war, in das er ebenfalls verwickelt war, band ihn nur noch enger an sie. Er schirmte sie ab, weil sie es so wünschte, und weil es ihm recht war. Jahrelang lebte Robabe auf diese Weise, abgesondert, gefangen in ihrer eigenen Welt.