Nichts und niemand konnte Gerhard Meyer aufhalten, damals am 11. September 1989. Ungarn hatte an diesem Tag seine Grenze nach Österreich für DDR-Flüchtlinge geöffnet und der Kantinenwirt fuhr mit seiner Familie allen seinen Landsleuten davon. Ab Mitternacht galt die Grenzöffnung, um 3:05 Uhr morgens passierte Meyer den Grenzübergang Suben nahe Passau.

Nicht nur der damals 39 Jahre alte Ostberliner dürfte in dieser Nacht Vollgas gegeben haben. Aber Meyer hatte etwas, was ihn von den meisten Ostdeutschen unterschied: ein West-Auto, einen Sportwagen aus japanischer Produktion. Teilweise mit Tempo 200 absolvierte die Familie, aus dem Urlaub in Bulgarien kommend, die Fahrt Richtung Passau. Für die etwa 400 Kilometer lange Strecke vom Plattensee brauchte man gerade einmal zweieinhalb Stunden. Sein Auto hatte Meyer in der DDR unter der Hand gekauft. Auf dem Schwarzmarkt habe man auch im Sozialismus alles bekommen können, erinnert er sich heute.

Der Familienvater war zusammen mit seiner Ehefrau Nicole (damals 32) und den 11 und 12 Jahre alten Töchter Myrjam und Denise Richtung Westen unterwegs. An der ungarisch-österreichischen Grenze hatten alle DDR-Flüchtlinge mit den druckfrischen West-Reisepässen noch etwas Geld für Benzin und Wegzehrung bekommen. Ein Wettrennen mit den anderen Ostdeutschen wollten sich die Meyers da noch nicht liefern.

"Wir sind in einem Konvoi von 10, 20 Autos losgefahren", erzählt Meyer. Doch schon bald konnten die Trabbis mit Meyers Wagen nicht mehr mithalten. Bei dem einen sei etwas kaputtgegangen, andere hätten gebremst, berichtet der heute 59-Jährige. "Dann hatte sich das mehr oder weniger aufgelöst." Irgendwann auf der Fahrt in Österreich
habe eine seiner Töchter gesagt: "Papa, wenn du weiter so schnell fährst, dann sind wir noch die Ersten." Von diesem Moment an war Gerhard Meyer nicht mehr aufzuhalten.

Die Tochter sollte recht behalten. Familie Meyer überraschte in jener Nacht auch die am Autobahnübergang Suben wartenden Zöllner und Journalisten. So früh hatte an dem Grenzposten niemand mit der Ankunft der DDR-Flüchtlinge gerechnet. Meyer erinnert sich, wie er an das Zollhäuschen ging und an die Tür trommelte: "28 Jahre waren wir
eingesperrt, und nun schlafen alle."

Ähnlich erging es der Familie etwa eine Stunde später an der Passauer Nibelungenhalle. Die Halle war in Erwartung der DDR-Flüchtlinge in ein riesiges Feldlager verwandelt worden. Als die Meyers ankamen, war aber außer einem einsamen Hausmeister niemand dort. Die Familie fuhr weiter in eine andere Notunterkunft.

In Bewegung blieb die Familie auch im Westen. Meyer, schon zu DDR-Zeiten selbstständig, blieb in der Gastronomie. "Zeitweise hatte ich fünf Restaurants in Berlin", erzählt er. 2003 ging er nach Österreich, wo er auch familiäre Wurzeln hat. Dort pachtete Meyer erst einmal eine Skihütte, inzwischen betreibt die einst schnellste Flüchtlingsfamilie ein historisches Tiroler Posthotel in Steinach am Brenner.