Der Geely GE war zweifellos einer der Hingucker auf der Shanghai Motor Show des Jahres 2009. Das Modell war das Angebot des chinesischen Autobauers in der automobilen Oberklasse. Und mit seinen eckigen Scheinwerfern, dem wuchtigen Chromgrill und der kantigen Karosserie war die Optik des Wagens eine ziemlich genaue Kopie des Rolls-Royce Phantom.

Selbst eine Kühlerfigur trug der Geely GE, die deutlich der "Emily" der Briten nachempfunden war. Nur ein wenig kürzer war der Rolls-Royce-Klon, gegenüber dem Original sah er ein wenig aus wie zu heiß gewaschen.

Die Gefahr, dass die Chinesen demnächst eine Kopie eines Volvo herausbringen, ist dagegen seit den Weihnachtstagen äußerst gering geworden. Denn Geely hat vom bisherigen Eigner Ford den Zuschlag für den Kauf der schwedischen Marke erhalten. Für Geely-Gründer und Firmenchef Li Shufu ist das der nächste Schritt auf einem rasanten Expansionskurs – bei dem er, wie das Rolls-Royce-Beispiel beweist, bereit ist, mit harten Bandagen zu kämpfen. 

Der Optik-Klau hat Tradition bei Geely. Auch mit Mercedes war er bereits in Urheberrechts-Streitigkeiten verwickelt. An eine chinesische Interpretation des berühmten London Taxis wagte man sich ebenfalls, diesmal allerdings im Rahmen eines Joint Ventures mit dem Hersteller des Originals (siehe Bildergalerie). Die Technik für viele Modelle liefert dagegen der japanische Autobauer Daihatsu. Durch den Kauf von Volvo wird sich die eigene technische Basis von Geely allerdings verbessern.

Die Styling-Marotten und die Geschwindigkeit, mit der Shufu sein Unternehmen aufbaute, trugen dem Firmengründer in China bereits den Beinamen "Zaoche Fengzi" ein. Übersetzt heißt das "der verrückte Autobauer".

Wäre man netter, würde man von einem Mann mit Ellenbogen und Visionen sprechen. Erst vor acht Jahren erhielt der Sohn eines Reisbauern vom chinesischen Staat die Lizenz zur Autoherstellung. Diese Zeit reichte Geely, um zum zweitgrößten privaten Autohersteller Chinas aufzusteigen. Die Übernahme der schwedischen Traditionsmarke Volvo durch Geely ist die bisher größte chinesische Auslandsinvestition in der Autobranche.

Der Markenname "Geely" steht im Chinesischen für "Glück" oder "Glück verheißend". In der Karriere des Firmengründers spiegelt sich Chinas Aufstieg zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt wieder. 1981 lieh sich Li Shufu als 18-Jähriger 120 Yuan, heute zwölf Euro, von seinem Vater, so erzählt er heute. Er kaufte eine Kamera und machte mit Fotos erste Geschäfte. Später handelte Li Shufu mit Metall, produzierte dann Teile für Kühlschränke und baute schließlich ein Motorrad-Imperium auf.