Rückblick Das Jahr, als Omas Auto starb

Abwrackprämie ist nicht nur Wort des Jahres, sie war auch die größte Verschrottungsaktion in der Geschichte von Auto-Deutschland. War sie ein Erfolg? Das hängt davon ab.

Letzte Lebensphase. Noch stehen die Autowracks gestapelt, doch bald werden auch sie in der Presse landen.

Letzte Lebensphase. Noch stehen die Autowracks gestapelt, doch bald werden auch sie in der Presse landen.

Was auf den Hof der kleinen Auto-Werkstatt in Berlin-Prenzlauer-Berg rollt, damit mögen sich die Niederlassungen der Hersteller nur noch ungern abgeben. Müde Golfs, Renaults im Endstadium, Ford Fiestas im Kampf um die ihre wohl allerletzte TÜV-Plakette. Kaum ein Wagen steht auf diesem Hof, der jünger als zehn Jahre alt ist. Den Mann an der Reparaturannahme stört das Alter nicht: "Wir leben von den alten Kisten", sagt er. So gut wie früher gehen die Geschäfte allerdings nicht mehr. "Die Abwrackprämie", sagt der Mann in der Werkstatt. Den Autoschrauber ärgert sie noch immer: "Viele von den Autos waren noch viel mehr wert als 2500 Euro."

Nicht nur Besitzer von kleinen Werkstätten jammerten 2009 über die Abwrackprämie. Auch Gebrauchtwagenhändler hatten es 2009 sehr schwer einen drei Jahre alten Golf zu verkaufen. Gab es doch fürs gleiche Geld plus Prämie schon einen neuen Koreaner. Die Leidtragenden waren Studenten und Minijobber, die keine 1000-Euro-Autos mehr fanden, mit denen sie zur Arbeit fahren können. Und alle, denen Nachhaltigkeit und Sparsamkeit wichtiger war als kurzfristige Konjunkturbelebung und die nicht einsehen wollten, dass der Staat fünf Milliarden Euro ausgab, damit sich die Deutschen neue Autos kaufen konnten.

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Zumindest durfte die Prämie einer der größten Hypes in der Geschichte der motorisierten Fortbewegung gewesen sein: Knapp zwei Millionen Deutsche tauschten ihren Alten gegen einen Neuen oder Jahreswagen. Der Staat subventionierte den Konsumrausch. Mitmachen durfte jeder, der ein mindestens neun Jahre altes Fahrzeug besaß, das mindestens ein Jahr auf ihn zu gelassen war.

Etwa 100.000 Autobesitzer würden Gebrauch von der Abwrackprämie machen, hatten Experten zu Beginn der Abwrackaktion prognostiziert. Doch als die Welle ins Rollen kam, riss sie alles mit. Plötzlich mussten sich Autofahrer rechtfertigen, wenn sie ihren Wagen behalten wollten, obwohl er doch die Kriterien für die Prämie erfüllte. Rentner ließen ihr topgepflegte Ersthandschätzchen verschrotten, das eigentlich der Enkel erben sollte.

In manchen Monaten des Jahres 2009 rollten den Verwertern mehr Autos zum Verschrotten auf den Hof als sonst im ganzen Jahr. Der Stahlpreis sank von 250 Euro pro Tonne im Jahr 2008 auf 30 Euro im April 2009. Und schnell wurde der Platz knapp für die vielen Altautos, für die es viel zu wenige Schrottpressen gab. Wer heute mit der Bahn übers Land fährt, kann immer noch Brachflächen sehen, die voll sind mit lauter Autowracks. Noch immer ist längst nicht alles gepresst, was abgewrackt wurde.

Dass sich so viele Menschen durch die Prämie zum Autokauf würden bewegen lassen, damit hatten selbst diejenigen nicht gerechnet, die sie konzipiert hatten. Den Zweck, zu dem sie geschaffen wurde, hat sie zweifellos erfüllt: Viel Geld wanderte von Kundenkonten in Händlerhände, die meisten Autohersteller überstanden das Krisenjahr 2009 einigermaßen glimpflich – zumindest diejenigen, die nicht schon vorher durch hausgemachte Probleme am Abgrund standen.

Zwar wurde kritisiert, die Prämie käme vor allem ausländischen Herstellern zugute und mit deutschem Geld würden Arbeitsplätze irgendwo anders gefördert. Doch das Argument zog nur bedingt: Wer kann schon sagen, in welchem Auto Bosch- und in welchem Nippon-Denso-Elektronik steckt? Wer weiß schon, wo die Leute arbeiten, die die Achsen für Modell X zusammenbauen. Und das gilt sowohl für deutsche als auch für japanische Modelle.

Am meisten profitierten die Hersteller, die billige und kleine Modelle anzubieten hatten. Wer vorher einen zwölf Jahre alten Wagen  gefahren hat, konnte sich kaum eine neue E-Klasse oder einen neuen Fünfer-BMW leisten. Hyundai, Suzuki oder Daihatsu verdoppelten und verdreifachten während der Prämien-Zeit ihren Marktanteil. Immerhin: In absoluten Zahlen lagen trotzdem die Deutschen an der Spitze: Der VW-Konzern verkaufte fast jeden fünften Prämien-Neuwagen, Opel kam immerhin noch auf acht Prozent.

Ob sie eine Umweltprämie war, wie die Hersteller sie zu nennen versuchten, das liegt allerdings im Auge des Betrachters. Studien und Expertenmeinungen gibt es viele. Die einen wiesen auf weniger Schadstoffe aus neuen Auspuffrohren hin, die anderen rechneten, wie viele Schadstoffe die Herstellung eines Autos verursacht, für das ein anderes unnötigerweise verschrottet wurde.

So pries das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg im Auftrag des Umweltministeriums die Prämie als große Öko-Wohltat. Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, arbeiteten die Wissenschaftler allerdings mit so vielen Hochrechnungen, Annahmen und Mittlungen, dass einem Leser schwindelig werden kann. Keinerlei CO2 - Einsparungen sah dagegen Dieter Teufel, Leiter des Umwelt- und Prognose-Instituts, im Zeit-Online-Interview: "Umweltprämie – das ist ein Witz."

Zumindest in einem Punkt sind sich die Kritiker und die Befürworter der Abwrackprämie einig: Für das Jahr 2010 sieht es düster aus. Wer sich gerade einen neuen Wagen gekauft hat, fällt im Jahr eins nach der Abwrackprämie als Kunde weg. Mit nur noch 2,7 Millionen verkauften Autos etwa rechnet das Center Automotive Research der Universität Duisburg Essen. Das wäre ein Wert, eine Million unter dem von 2008, dem letzten Vor-Abwrackprämien-Jahr. Die Rabatte sieht das gleiche Institut im kommenden Frühjahr bei rund 20 Prozent – mehr als die Hersteller den Händlern als Handelsspanne einräumen. Die Unternehmensberatung Roland Berger prognostiziert sogar, dass die Hälfte aller Autohändler von der Pleite bedroht sein könnte.

Sinnvolle Maßnahme der Wirtschaftsförderung oder schneller Wassertropfen auf die heiße Herdplatte? Es gibt Menschen, die kritisieren, die Prämie habe der Autobranche nur über das Jahr 2009 geholfen und bis in die Zeit nach der Bundestagswahl. Selbst der Zentralverband des deutschen Kraftfahrzeuggewerbes schaut ernüchtert in die Zukunft. Hier erwarten die Experten eine Konsolidierung der Zahl der Betriebe, selbst dann, wenn das Jahr eins nach der Abwrackprämie ein solides Jahr werden sollte. 2009 hat seinen Platz in der Auto-Geschichte sicher: Das Jahr, in dem sie abgewrackt wurden.

 
Leser-Kommentare
  1. Auf der einen Seite beschneidet uns die Regierung ein ums andere mal in unseren freiheitlichen Grundrechten - angeblich für mehr Sicherheit, und auf der anderen Seite werden wir Steuerzahler von angeblichen Kapitalisten (die den Staat als Inkasso missbrauchen) systematisch für Risiken haftbar gemacht, die wir nie eingegangen sind.

    Ob es nun der systematische Betrug in der Finanzwelt, die vollkommen fehl geleitete Modell-Politik bei Automobil-Herstellern, die Risiken der Atomenergie, o.ä. geht: Überall schöpfen kleine Grüppchen von Bonzen Gewinne für Geschäftsmodelle ab, deren Risiko sie auf uns Bürger, Steuerzahler und KMU abwälzen.

    Das Problem ist noch nicht einmal, dass das einmal vorkommt und dann die Lehren aus den Fehlern gezogen werden könnten. Dadurch, dass der Steuerzahler systematisch zum Beglücken der Reichen - auch bei gröbsten Fehlern - heran gezogen wird, nimmt man ihnen und dem System insgesamt die Chance, AUS DEN FEHLERN ZU LERNEN.

    Die Quacksalber und Ideologen des ewigen maximalen Wachstums und der eindimensionalen Gewinn-Maximierung werden dadurch, dass sich die Bürger und Steuerzahler zu allgegenwärtigen, "last lendenden" Zwangsarbeitern degradieren lassen, in ihrer falschen Weltsicht bestärkt. So können Ideologen, Mafiosi und Verbrecher weiter ihre Heilsbotschaften verbreiten und dabei demokratische Strukturen aushöhlen sowie den Gesellschaften ihr Gemeingut rauben. Gut für dernen Feudalismus, den wir zuletzt im Kommunismus bewundern durften..

    F. Mayer

    • Fokko
    • 26.12.2009 um 14:24 Uhr

    Umweltfreundlich ist, alles, was noch funktioniert solange zu benutzen, wie es noch funktioniert. Die Ersparnis an Benzin und Emissionen wiegt den Energieaufwand und die Emissionen in keinster Weise auf, die zusätzlich für die Neuproduktion gebraucht werden, wenn man alte Autos zu früh fortwirft.

    Die ganze Abwrackprämienaktion war also nichts anderes, als ein staatlicher Zuschuss zu den hohen Rabatten, die Autoverkäufer heute gewähren müssen, wenn sie noch Autos verkaufen wollen. Das mag der Wirtschaft gut getan haben, der Umwelt hat es geschadet.

    Eher sinnvoll wäre gewesen, eine Prämie für Neuwagen mit Erdgasmotoren zu zahlen, denn das wäre eine Investition in die Zukunft und ein Weichenstellung in die richtige Richtung gewesen, weil Erdgas problemlos durch aufbereitetes Biogas ersetzt werden kann.

    Fokko vom Fantasy-Blog/Selbstversorger-Blog
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  2. Der Staat hat für 5 Milliarden Euro Sachwerte gekauft und zerstört. Mit dem selben Geld hätte man auch zusätzliche Werte schaffen können in dem man Dinge finanziert, die es so aus Kostengründen nun nicht gibt. Das hätte ebenfalls Arbeitsplätze geschaffen oder erhalte, nur eben nicht in der Automobilindustrie.

    Mit dem Geld hätte man z.B. die Wartung und Pflege der Bahninfrastruktur verbessern können. Bahnhöfe, Schienen, Zugmaterial und vieles andere sind in einem jämmerlichen Zustand. Man könnte auch Personal einstellen, dass auf kleineren Bahnhöfen nach dem Rechten sieht und bei Bedarf bei der Bedienung der Fahrkartenautomaten helfen kann.

    Statt Autos hätte man auch alte Kraftwerke abwracken und durch moderne regenerative Energiequellen ersetzen können. Wenn die heute noch teurer sind, dann vor allem, weil regenerative Energiequellen sehr arbeitsintensiv sind. Man muss also mehr Leute einstellen. Auch das Stromnetz könnte Investitionen gebrauchen, die dann langfristig nützlich sind.

    Die Abwrackprämie hat nur wenig zum Kauf neuer Autos beigetragen. Sie hat vor allem die Zerstörung der Altfahrzeuge finanziert. Die Neufahrzeuge wurden dann von den Leuten bezahlt, die sich eigentlich gar kein neues Auto kaufen wollten und denen das Geld jetzt an anderer Stelle fehlt.

  3. Die Abwrackprämie ist ein weiterer Beweis der Unfähigkeit der Politiker und Abhängigkeit von dem Lobbyistenpack. Sehr viel Geld wurde wurde durch sie in den Schornstein geblasen. Man hätte die Milliarden in den Kauf umweltfreundlicher/sparsamer Autos stecken sollen. Trotzdem beschweren sich bestimmte Autobauer die teure spritfressende Autos bauen. Siehe völlig überflüssige suff Autos (SUV). Das kommt mir vor als würde ein ganzer Industriezweig eine computergesteuerte und aus hochwertigen Materalien bestehende mittelalterliche Steinschleuder herstellen und sich wundern, daß der größte Teil der Bevölkerung die gar nicht bezahlen kann und auch nicht braucht.

  4. die Vorkommentatoren auch recht haben (und ich freue mich - dies muss mal ausgesprochen werden - darüber, dass man in den Kommentaren keine Naivlinge zu lesen bekommt), so sehr müssen wir alle uns auch eingestehen, dass die irrsinnige Einführung der Abwrackprämie am Ende vor allem durch eines gestützt wurde: durch viele, viele Abnehmer, sprich (wie auch immer finanzierte) Neuwagenkäufer, die gerade jetzt - und damit eben auch brav ferngesteuert - ein Fahrzeug abschafften, um ein neues zu kaufen ...
    Auch dürfte manch einer dieses vermeintliche Geschenk mit seiner Wahlstimme honoriert und damit dazu beigetragen haben, dass sich die Initiatoren der Prämie auch noch zusätzlich auf die Schulter klopfen können.
    Kurzum: Angst machen müssen einem nicht unbedingt die abstrusen Ideen der Politik, sondern die Beeinflussbarkeit der Wählerschaft mit einfachsten Mitteln (hier: Prämie).
    Beim Thema Sicherheit erleben wir gerade ein ähnliches Beispiel: vermeintlicher Terroranschlag auf ein Flugzeug und der automatisiert erfolgenden Ruf nach "schärferen Kontrollen", ganz ohne großes Zutun der Politik. Ein Traum für jeden noch so unsinnigen Überwachungsverfechter, und davon gibt es ja ein paar.

  5. Wenn ich ein Auto in der USA wäre,so dürfte
    ich zwar nur langsame 100 km/h fahren,
    doch ich müßte sehr viel fahren.
    Wenn ich in Kanada wäre,so hätte ich zumindest
    etwas mehr Sinn,denn da gibt es Vorschriften,die
    das Fahren mit nur einer Person verhindern,und
    die Autofahrer zwingen Fahrgemeinschaften zu bilden.
    Da ginge es mir sicher besser als nur im Stau
    Und wenn ich Autofabrikant während einer Wirtschafts-
    krise wäre?Würde ich in die Billigstproduktionsländer
    auswandern?
    http://www.spiegel.de/wir...
    Was hier zumindest verboten ist,das kann in China oder
    etwas weniger in Russland durch direkte Spionage passieren.
    Unser System läßt gerade solche Strukturen sehr leicht
    wachsen,denn die,die mit dem Betrieb am längsten
    verbunden waren,die wurden oft sehr gerne freigesetzt.
    Wenn irgendwo jemand billiger arbeitet,hier in Europa
    oder auch im fremden Land,dann sind die Firmen immer
    sehr rasch dabei,die loyalen eigenen Arbeitnehmer freizusetzen.
    Wenn jetzt eine ganze Branche in Not kommt,was
    kann man tun?Den Gürtel enger schnallen.Doch wohl am
    besten alle gemeinsam,nicht nur die kleinen,sondern auch die großen Manager und Besitzer,sonst werden gute deutsche
    Autos auf einmal in China erzeugt werden.
    Was kann man noch tun?Vor allem wenn es zu wenig Lithium
    gibt,um auf Elektroautos umzustellen.
    In Graz gibt es eine sehr interessante Entwicklung:
    Silizium Batterien im Versuchsstadium.
    Oder medienwirksam: Bundeskanzlerin Merkel in einem Polo?

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