Automobilindustrie Wie die Schlange den Elch verdaut

Auf der Automesse in Peking zeigt sich Volvo-Käufer Geely als technischer Vorreiter. Noch gibt es jedoch Nachholbedarf, den sich der Autobauer über Volvo erhofft.

Präsentiert sich als aufstrebendes Unternehmen: der chinesische Autobauer Geely

Präsentiert sich als aufstrebendes Unternehmen: der chinesische Autobauer Geely

Kurz vor der Präsentation der neuesten Modelle des chinesischen Autoherstellers Geely tritt ein Mann von hinten an Firmenchef Li Shufu heran. Li hat auf der Pekinger Automesse gerade seinen Sitz in der ersten Reihe eingenommen, da bittet ihn der Medienvertreter im karierten Jacket um ein Autogramm. Li zieht eine Augenbraue hoch, aber er unterschreibt tatsächlich auf der Hochglanzbroschüre, die der Bittsteller ihm unter die Nase hält.

Li Shufu ist nicht nur einer der bekanntesten Unternehmer Chinas, er ist für seine Landsleute ein Idol. Millionen von Menschen streben hier mit allen Mitteln nach Erfolg und Li hat es wirklich geschafft. Er ist Selfmade-Milliardär, er steht an der Spitze eines privaten Autoherstellers, und hat mit seinem jüngsten Coup eine Pioniertat in der chinesischen Wirtschaftsgeschichte vollbracht. Mit Volvo übernimmt Geely als erster chinesischer Anbieter eine westliche Automarke. Noch ist der Kauf nicht vollzogen, noch stellen Geely und Volvo auf der Auto China getrennt aus. Doch Li tritt hier in dem Bewusstsein auf, einer der großen Gewinner unter den örtlichen Automanagern zu sein. "Der Zukauf bringt Geely enorme Vorteile", sagt Branchenanalyst Christian Paul von der Unternehmensberatung Alix Partners. Vovlo sei den Chinesen in Technik und Markenwert deutlich voraus.

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Doch der Zukauf selbst ist nur der erste Schritt – die Schwierigkeiten fangen jetzt so richtig an. Li muss beweisen, dass die Fusion auch in der Praxis klappt. "Es wird interessant zu sehen, wie sie Gewinn aus der Übernahme schlagen", sagt Branchenexperte Paul. "Es wird außerdem nicht ganz leicht werden, Volvo aus der Ferne zu managen." Auf den ersten Blick bereits fällt der Größenunterschied zwischen den Unternehmen auf: die Tochter Volvo ist fünfmal größer als ihre neue Muttergesellschaft. Verschiedene Vergleiche machen derzeit die Runde, doch der kürzeste kam auf der Messe von einem Automanager: Das sei so, als ob eine Schlange einen Elch verdauen wolle.

Unmöglich ist das nicht. Geely sei hochprofitabel und befinde sich in einem Wachstumsmarkt, sagt Berater Paul. Das sei derzeit wichtiger als der reine Umsatz. Richtige Probleme dürfte dagegen die Firmenkultur bereiten. Auf der einen Seite stehen die Chinesen mit ihrer großen Flexibilität und ihrem Hang zur Improvisation – auf der anderen Seite die kühlen Schweden, Hüter verlässlicher Markenwerte. "Die Kulturen unterscheiden sich drastisch. Die größte Schwierigkeit wird es jetzt, die unterschiedliche Herangehensweisen in den Unternehmen zu vereinen", sagte Gary Wu, früherer Vizepräsident Volvo Greater China, im chinesischen Fernsehen. In einem sind sich alle Experten einig: Geely darf Volvo nicht komplett integrieren, sondern muss den Schweden ihre Eigenständigkeit lassen. Das hat Li auch vor, wie er in Peking betonte.

Geely selbst versuchte auf der Automesse durch die Vorstellung einer Reihe von Elektroautos beim Publikum zu punkten, wie praktisch alle anderen Herseller auch, inklusive VW. Die Wolfsburger kündigten an, auf der Weltausstellung Expo 2010 in Shanghai eine Elektroversion des Golf zu präsentieren.

Der Blick auf die Daten der Geely-Modelle zeigt jedoch, auf welche Kunden das Unternehmen aus Zhejiang zielt. Das Einsteigermodell hat nur eine Bleibatterie – eine Technik von vorgestern, die sich aber sehr preiswert anbieten lässt. Direkt daneben steht das stärkere Modell mit Lithium-Ionen-Batterie für eine branchenübliche Reichweite von 160 Kilometern, aber mehr auch nicht. Auffällig übrigens die Markennamen für die Prototypen: "Geely Panda", das erinnert verdächtig an Fiat.

Die Präsentation der vier Hybrid- und Elektromodelle verpackten die Geely-Organisatoren in eine Ballettvorführung, die sich Li Shufu wohlgefällig ansah, nachdem er sein Autogramm gegeben hatte. Doch die Tanzdarbietung wirkte hier und da ungelenk. Sie war ein bisschen so wie die Autos: formal ist alles bereits richtig, doch in den technischen Details noch längst nicht Weltklasse. Doch mit Zugriff auf Volvo könnte Geely da ganz schnell aufholen.

(Erschienen auf Handelsblatt.com)

 
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