ZEIT ONLINE: Herr Rammler, dürfen die Städter wegen der Elektrifizierung der Verkehrsträger auf bessere Luft und weniger Lärm hoffen?

Stefan Rammler: Sie können nicht nur hoffen, sondern sie sind jetzt schon Zeitgenossen einer ständigen Luftverbesserung. Die Abgase der Verbrennungsmotoren werden stetig verringert. In den urbanen Ballungszentren wird die Elektromobilität zu einer weiteren Verbesserung der Luftwerte führen. Allerdings ist die Geschwindigkeit der Markttransformation zur Elektromobilität unklar. Sie ist eine Frage des gesellschaftlichen Wollens. Im Jahr 2020 wird wahrscheinlich erst ein geringer Teil emissionsfrei unterwegs sein. Dieser Prozess könnte sich radikal beschleunigen durch ein Müssen in Gestalt kommender Ressourcenknappheit oder einer starken politischen Regulierung.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Ihr Idealbild von urbaner Mobilität aus?

Rammler: Zuerst müssen wir die Bedeutung der urbanen Mobilität festhalten: Seit 2007 wohnt mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten, und diese Urbanisierungsprozesse setzen sich fort. Mein Ideal ist eine Entindividualisierung der Mobilität. Damit ist nicht die Aufgabe der Automobilität im Sinn der deutschen Übersetzung als Selbst-Beweglichkeit und des Selbst-Lenkens gemeint, sondern die Abkehr vom Besitz des Fahrzeugs. Das über 150 Jahre erfolgreiche Modell des eigenen Autos mit Verbrennungsmotor hat ausgedient.

ZEIT ONLINE: Sie plädieren also nicht für die Abschaffung des Autos an sich?

Rammler: Nein, nur für die Aufgabe des individuellen Besitz aus ökonomischen Gründen. Die schnelle, flexible, autonome, günstige und sichere Mobilität der Zukunft sollte in der intelligenten und mühelosen Verknüpfung aus kollektiven Verkehrsträgern und Individualfahrzeugen zum Ausleihen sein. Speziell unterhalb des Autos sehe ich da eine Revolution von städtischen Individualfahrzeugen mit vollelektrischem Antrieb mit weniger als vier Rädern kommen. Strom dazu muss aus regenerativen Quellen kommen. Gleichzeitig muss der öffentliche Nahverkehr auf der Schiene und in Bussen komplett auf Strom aus erneuerbaren Energien umgestellt werden.

ZEIT ONLINE: Entwickelt sich so ein Modell von selbst, oder muss der Staat lenkend eingreifen?

Rammler: Wir brauchen eine Mischung aus gesellschaftlicher Vision und politischer Lenkung. Der Staat hat funktionierende und marktverträgliche Instrumente in der Fiskal- und Ordnungspolitik. Gerade die Kommunen haben viel Potenzial, um das Mobilitätsbedürfnis sinnvoll zu regulieren. Hier ist die Bewirtschaftung von Parkraum ein spannender Ansatz, denn das ist die knappste Ressource in Städten. Dabei hat es keinen Sinn, massiv in die Gesellschaft einzugrätschen. Vielmehr muss der Staat seine Maßnahmen legitim gestalten. Für den Bürger darf nicht der Eindruck eines Zwanges entstehen. Im Gegenteil: Durch seine Vorbildfunktion muss der Staat die Umstellung der Mobilität für den Bürger so attraktiv gestalten, dass eine Sogwirkung entsteht. Zum Beispiel müssten die staatlichen Fahrzeugflotten schon längst auch innovative Fahrzeuge betreiben. Dann stimmt auch die Legitimität.

ZEIT ONLINE: Könnte der Staat nicht auch mit der wirtschaftlichen Chance argumentieren, die in einer neuen Mobilität liegt?

Rammler: Natürlich. Wenn die etablierten Akteure wie etwa die großen Autohersteller sich nicht von selbst in Richtung Ressourcen- und Klimaschonung bewegen, werden sie ein massives wirtschaftliches Problem bekommen. Das wäre das Ende der Dinosaurier, eine gigantische Marktbereinigung. Umgekehrt wiederum könnten sie die neuen Wege mitgehen, und da liegt auch die Chance für ganz frische Startups. Neue Dienstleistungen und neue Geschäftsmodelle entstehen hier.

ZEIT ONLINE: Ist die Absatzkrise der Autohersteller ein Zeichen für die beginnende Marktbereinigung?

Rammler: Ja, das ist so. Das Sterben dieser Industrie wird grausam werden, wenn sie sich nicht umstellt. Die Mobilitätsanbieter müssen jetzt anfangen, sich auf eine neue Zeit einzustellen. Das Ende des Ölzeitalters ist da. Es ist die größte Umwälzung seit dem Beginn der Industrialisierung vor 150 Jahren. Das ist Fakt, und darüber diskutiere ich auch nicht mehr. Betrachten Sie das bitte aus volkswirtschaftlicher Sicht: Wenn wir es schaffen, Mobilität zu sichern durch selbst produzierte Energie aus regenerativen Quellen, könnten riesige Summen eingespart werden. Das ist eine Frage der staatlichen Daseinsfürsorge.

Das Interview führte Christoph M. Schwarzer.