Mein erstes Auto Ein Traum aus gut kaschiertem Rost
Ein 1978-er Kadett für 350 Mark als Speisentaxi für die Sozialstation: ZEIT ONLINE-Redakteur Tilman Steffen fuhr seinen Liebling, bis die Federung nach innen durchbrach.
Oft ist es das Allererste. Oder das Auto, das einen durch die Studien- oder Ausbildungszeit begleitet hat. Viele Menschen hatten oder haben ein Auto, das für sie eine besondere Bedeutung hat. Einige dieser Geschichten erzählen wir hier. Wer Geschichten über sein erstes Auto zu erzählen hat, kann diese an auto@zeit.de schicken. Die schönsten Einsendungen veröffentlichen wir in unserer Serie.
Der Beamte am Grenzübergang Dreilinden blickt streng. "Rein nach Berlin?", fragt er den Jungen in dem Kadett mit dem roten Kennzeichen. Eigentlich gehe das nicht, sagt er noch. Doch dann winkt er durch.
Ich habe viel gelernt in den Tagen des Mai 1990: Was ein Landratsamt ist, die Grüne Versicherungskarte, das Überführungskennzeichen, der TÜV – lauter mir unbekannte Dinge des neuen Deutschlands. Und dass die rote Nummer nur für die erste Fahrt nach dem Kauf gedacht ist, bis zum Wohnort und der Zulassungsstelle. Nur die Kasko, die hieß immer schon Kasko, aber so etwas kam für mein 350-DM-Auto ja nicht infrage.

Als wäre es gestern gewesen: ZEIT ONLINE-Redakteur Tilman Steffen im Jahr 1990 mit seinem Opel Kadett
Gelb war der Opel Kadett, sonnengelb, gebaut 1978, mit strengen, kantigen Lampenaugen , vorn außen gelegen wie beim Hammerhai. Die Türen öffneten komfortabel weit wie die eines Kühlschranks. Die Form war das Gegenteil von Vokuhila – vorn lang, hinten kurz – und überall irgendwie schräg, wie manches aus der Hippie-Zeit.
In einem Kotflügel gähnte ein handtellergroßes Rostloch. Der robuste Lack kaschierte noch weit mehr davon, wie sich später herausstellte. Das Interieur war abgegriffen, aber intakt, die Sitze durchgesessen, doch für den Neuankömmling aus dem Trabbi-Land war dieses Auto mit seinem Schaltknüppel, der Mittelkonsole, dem Heizungsventilator, dem Radio und den Rollgurten ein Traum.
Bekannte in Bayern hatten den Kauf vermittelt und mir im Ämter- und Versicherungswirrwarr geholfen. Ich bezahlte mit 100 Mark Begrüßungsgeld und weiterem Ersparten und nahm den Umweg über Westberlin, statt direkt in die sächsische Heimat zu fahren.
Seine nach heutiger Rechnung vielleicht 40 Kilowatt Motorleistung verliehen dem Kadett die Dynamik einer Seekuh. Unter der Haube herrschte weitgehende Leere: In den siebziger Jahren bestand ein Motor aus vier Zylindern mit Vergaser und war frei von platzraubendem Schnickschnack wie Turbolader, Einspritzpumpe, Klimaanlage oder elektrischer Leuchtweitenregelung.
Es folgten zwei einzigartige Jahre: Als Zivi motorisierte ich mit meinem Kadett den Mittagessen-Fahrdienst der örtlichen Sozialstation, einer Vereinigung Rad fahrender Gemeindeschwestern. Es gab Kilometergeld, weit mehr, als der Sprit kostete. Irgendwann lag unter meiner Hand auf dem Schaltknüppel auch die einer Frau, die für ihre Fahrprüfung übte – heute bin ich mit ihr verheiratet.
Dann rückte ich mit einem ausgeliehenen Winkelschleifer dem sonnengelben Lack zu Leibe, mein Kadett sollte Kunstobjekt werden. Mit braun gerosteten Flanken ähnelte er dann eher einer Kuh. Und ich hatte eine Woche Muskelkater.
Weil die Sozialstation vom Landkreis einen Dienstwagen bekam (den mir die Schwestern mangels Fahrpraxis bereitwillig überließen), verlieh ich meinen Kadett an einen Freund. Und der verlieh ihn an einen Freund.
Aus vielen Orten Deutschlands erreichten mich hinfort Gebührenbescheide wegen Falschparkens. Auch aus Lübeck. Ich wusste damals gar nicht, dass es die Kiste überhaupt noch so weit schafft.
Denn die Ost-Straßen hatten der brüchigen Karosserie mittlerweile mächtig zugesetzt. Die Federung der Hinterachse brach bis zum Bodenblech der Rückbank durch. Mein Kadett lag so tief wie mit sechs Sack Zement im Kofferraum. Ein hoffnungsloser Fall, wie mir ein Bekannter mit Schweißerschein versicherte.
Der schlimmste Strafbescheid kam, nachdem der Freund des Freundes beim nahen Grenzübergang nach Polen in eine Reifenkontrolle des Bundesgrenzschutz' geriet. 400 Mark für viermal zu wenig Profil – eine für mich ruinöse Summe.
Der Mann auf dem Ordnungsamt hatte Mitleid und gab mir zu verstehen, was ich in meinen Widerspruch schreiben sollte: Die Polizisten hätten die Reifentiefe nur geschätzt und nicht gemessen. Dann stellte er das Verfahren ein.
Noch bevor der TÜV bis in unseren Winkel im Osten vorgedrungen war, verkaufte ich ihn. Mein heutiger Schwiegervater, ein ausgewiesener Polen-Kenner, fuhr unbehelligt über die Grenze zu einem nahe gelegenen Autohändler und überließ ihm den Wagen – für 350 D-Mark.
- Datum 21.05.2010 - 14:35 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Der Kadett C bis Bj 75 hatte die Blinker unter der Stosstange.
Erst ab Bj 75 waren Sie neben den Scheinwerfern.
mfg bantak
Autos die nicht nur beim Fahren Spaß machten (beim C-Kadett dank Heckantrieb und Doppelquerlenkern anstelle schlabbriger Federbeine vorne) sondern schon beim Anschauen. Letzteres galt auch noch für die beiden frontgetriebenen Nachfolgemodelle, die den Golf optisch in den Vollschatten stellten und sich mit ihm verkaufszahlenmäßig ein Duell auf Augenhöhe lieferten. Den Grundstein für die seit Anfang der 1990er Jahre immer größer werdenden Probleme von Opel legte dann der Astra F, dessen Kennzeichen nicht nur Qualitätsprobleme Lopez'scher Art sondern auch das praktisch nicht mehr vorhandene Design war, während der Golf IV regelrecht aufblühte und sich mit Lichtgeschwindigkeit vom Astra absetzte. Inzwischen ist der Golf VI zwar wieder auf das Niveau eines Design-Schwächlings zurückgefallen, aber die Konkurrenten inkl. des neuen Astra, besitzen nicht das Potenzial, dies auszunutzen. Merke: ein Opel muss deutlich besser und wertiger aussehen als ein VW, um so erfolgreich wie dieser sein zu können. In einer Zeit als VW stockbiedere Kisten baute (also bis vor ca. 20 Jahren), ist Opel das sehr gut mit teils meisterlichem Design gelungen. Der optischen Aufwertung von VW unter Ferdinand Piech hatte und hat die neue Designergeneration bei Opel allerdings nichts Relevantes entgegenzusetzen, weshalb Opel den Erfolgen vergangener Tage weiter hinterherlaufen wird.
mich an den legendären Beton-Opel eines Freundes. Die haben den rostigen Boden Betonverstärkt, war gut für die Straßenlage. Mein erstes Auto war ein Austin Morris. Auch schön. Teuer. ;-)
... Kadett-ilac.
@Jabadabadu
Da ist sicher was dran daß VW in den 80ern nur biedere Kisten gebaut hat, und die Modelle von Opel optisch mehr hergemacht haben. Allerdings laufen viele der Golfs, Passats, VW Busse, Polos etc. heute noch, weit jenseits der 300000km, auch dank besserer Rostvorsorge, die schon 1986 Serie war (Und worauf Opel erst Mitte der 90er auch mal so langsam kam...), während die Opel aus dieser Zeit im heutigen Straßenbild von ein paar Corsas mal abgesehen quasi nicht mehr existent sind. Und heute muss man den Vergleich VW - Opel ja nichtmal mehr anstellen, da liegen Universen dazwischen, wenn Opel überhaupt überleben wird.
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