Alternative Energie Nachhaltige Kraft aus Biotreibstoff

Biosprit soll mit neuen Verfahren günstiger werden, weil jetzt auch biologische Abfälle zu seiner Gewinnung reichen. Die EU gibt Rückenwind.

Teller versus Tank - die Diskussion, ob man Pflanzen wie Mais und Raps nicht besser gegen den Hunger in der Welt statt für die Produktion von Treibstoff anpflanzt, ist moralisch aufgeladen. Der Streit könnte sich jetzt entschärfen, denn eine neue Generation von Biokraftstoffen macht beides möglich - Nahrungsmittel- und Spritproduktion gleichzeitig. Rückenwind könnte das neue Verfahren durch die Europäische Union bekommen, die gestern ein Konzept vorlegte, nach dem die Nachhaltigkeit von Biokraftstoffen zertifiziert werden kann.

Die Basis für biologische Treibstoffe der zweiten Generation ist Zellulose-Ethanol. Es kann aus Abfällen wie beispielsweise Strohhalmen gewonnen werden. International bereiten gerade große Hersteller seinen Einsatz vor. So baut der führende US-Bioethanolhersteller Poet für 200 Mill. Dollar eine erste große Produktionsanlage. Sie soll 2011 in Betrieb gehen - im selben Jahr wie die größte chinesische Produktionsanlage, die vom Agarkonzern COFCO und dem Mineralölunternehmen Sinopec hochgezogen wird. Die Unternehmen arbeiten mit Enzymen vom dänischen Hersteller Novozymes.

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Als einziges Unternehmen in Deutschland hat derzeit Südchemie eine Pilotanlage in Betrieb, die Stroh in Ethanol umwandelt. Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau einer größeren Demonstrationsanlage begonnen werden. Später soll die Technik über Lizenzen vermarktet werden, erläutert Andre Koltermann, Leiter der strategischen Forschung und Entwicklung der Süd-Chemie.

Die Hersteller von Bioenergie spüren Aufwind - nicht zuletzt durch die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Das findet jedenfalls Steen Riisgaard, Chef des dänischen Enzymherstellers Novozymes. Sein Unternehmen hat kürzlich nach eigenen Angaben das Enzym entwickelt, mit dem man erstmals aus Kornabfall Treibstoff zu einem wettbewerbsfähigen Preis herstellen kann. Riisgaard beziffert den Herstellpreis pro Gallone (vier Liter) Cellulose-Biosprit derzeit auf zwei US-Dollar, der Preis für Biotreibstoff der ersten Generation, der etwa aus Raps hergestellt wird, liege derzeit bei etwa 1,80 Dollar, klassisches Normalbenzin noch etwas darunter.

Bei der Herstellung größerer Mengen sinkt der Preis deutlich, dann könnte der neue Treibstoff eine große Rolle auf dem Markt für Biokraftstoffe spielen. Dieser dürfte nach einer Schätzung des Marktforschung Clean Energy Trends von derzeit 15 Mrd. auf 112,5 Mrd. Dollar im Jahr 2019 wachsen. Royal Dutch Shell erwartet sogar 300 Mrd. Dollar Umsatz bis 2020. 

Biokraftstoff aus Stroh dürfte dann längst am Markt sein. Rohstoff dafür gibt es genug: "Mit dem Strohüberschuss in Europa können wir die EU-Richtlinie, im Jahr 2020 einen Mindestanteil von zehn Prozent Biokraftstoffen zu erreichen, im jedem Fall erfüllen", ist sich Koltermann von Südchemie sicher.

Im Unterschied zu Poet und Co. brauchen Hersteller beim Verfahren von Südchemie übrigens keine Enzyme von Lieferanten wie Novozymes. Denn bei Südchemie werden die Enzyme in der Produktionsanlage produziert. Das ermöglicht nach Einschätzung von Koltermann zum einen deutlich niedrigere Enzymkosten. Zusätzlich verspricht er sich eine höhere Ausbeute, weil das Enzym auf den entsprechenden Rohstoff und den Produktionsprozess optimal abgestimmt werden könne. "Beim Preis sind wir schon heute konkurrenzfähig zum Bioethanol der ersten Generation", sagt Koltermann.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger dürfte sich über solche Aussagen freuen. Er will es Staat, Wirtschaft und Nichtregierungsorganisationen ermöglichen, die Nachhaltigkeit von Biokraftstoffen zu zertifizieren. "Biokraftstoffe sind die wichtigste Alternative zu den Otto- und Dieselkraftstoffen. Wir müssen sicherstellen, dass die verwendeten Biokraftstoffe auch nachhaltig sind", sagte Oettinger.

Laut Oettinger fließt in die Treibhausgasbilanz der Kraftstoffe künftig nicht mehr nur ein, was am Ende aus dem Auspuff kommt, sondern auch, welche Klimabelastung bei ihrer Produktion und ihrem Transport entstehen. Das Zertifizierungssystem der EU sieht vor, dass unabhängige Prüfer die gesamte Produktionskette für Biokraftstoffe begutachten - vom Landwirt über den Händler bis zum Kraftstofflieferanten. Industrie, Nichtregierungsorganisationen und Regierungen sollen Zertifikate nach EU-Standards erarbeiten und die Prüfer berufen. Die Kommission wiederum will die Regeln und die Praxis begutachten.

Der Artikel erschien am 11.06.2010 im Handelsblatt .

 
Leser-Kommentare
  1. mag kurzfristig eine gute Lösung sein. Mittelfristig jedoch sollte einmal (durch Photosynthese) organisch gebundener Kohlenstoff so lange wie möglich gebunden bleiben. Das heißt, das Stroh sollte zu Papier, Humus, Baumaterial oder sonst etwas verarbeitet werden und im Biomasse-Fließgleichgewicht möglichst langsam zu energetisch "schlappen" CO2 fließen.

    Wir brauchen schon bald eine weltweite Biomasse-Kreislauf-Technologie, die bei den Algen anfängt und bis zu höheren Pflanzen und Tieren und bis zur Abfallwirtschaft der Menschen geht. Und wir brauchen Sonnen-, Wind- und Erdwärme-Energie. Mit den Überschüssen davon können wir, z.B. durch die Herstellung von Knallgasbakterien Biomasse erzeugen.

  2. mit all seinen Nachteilen. Wirkungsgrad um die 35%. Immenser Fertigungsaufwand, immense Abgasnachbehandlung, Schadstoffausstoß.
    Elektromotor Wikrungsgrad um die 90%, keine Abgase, geringer technischer Aufwand. Der Strom nicht aus schweren lange aufzuladenden Batterien, sondern aus der Brennsoffzelle mit Bio-Wasserstoff betrieben.
    Woher?
    http://www.bio-wasserstof...

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