Volle Straßen, dicke Luft und überquellende Städte – das wird in Zukunft zunehmend normal. "Bislang gibt es weltweit nur 27 sogenannter Mega-Citys mit mehr als fünf Millionen Einwohnern. Doch allein in China werden in den nächsten 30 Jahren 400 Millionen Menschen in die Städte ziehen", sagt Lutz Engelke und warnt vor den Gefahren der Urbanisierung.

Engelke ist Chef der Berliner Agentur Triad und hat für die Weltausstellung Expo in Schanghai den Pavillon Urban Planet entworfen. Passend zum Messe-Motto Better City – Better Life wird dort demonstriert, wie sich der Verkehrsinfarkt, das Ende der Ressourcen, der Klimawandel und die Luftverschmutzung einbremsen oder stoppen lassen.

Für das Auto sehen die Experten dabei das Heil vor allem im Elektroantrieb . "Zumindest hier in China ist Elektromobilität in zehn Jahren Standard", erwartet der Ausstellungsmacher und führt die Gäste durch die Road of Solutions – eine Straße der Lösungen, auf der zum Beispiel ein elektrisch angetriebener Smart den Weg in eine grüne Autozukunft weist.


Zwar geht Engelke davon aus, dass es vor allem in China mittelfristig beinahe "diktatorischen Umweltschutz" geben wird und konventionelle Fahrzeuge in manchen Städten einfach nicht mehr erlaubt sind. Er glaubt aber auch, dass es mit konventionellen Autos, die auf E-Antrieb umgerüstet werden, alleine nicht getan ist.

Damit liegt er auf einer Linie mit Christopher Borroni-Bird, der bei General Motors die Zukunftssparte leitet. "Wenn wir das Auto retten wollen, müssen wir es vollkommen neu erfinden", sagt er und präsentiert auf der Expo als ein Gedankenspiel die ersten Elektronic-Networked Vehicles (EN-Vs) . Die drei gemeinsam mit dem chinesischen Kooperationspartner Saic entwickelten Studien sehen ausgesprochen unkonventionell aus und brauchen als selbst balancierende Einachser nur halb so viel Platz wie konventionelle Autos.

Vor allem aber können sie auch autonom fahren: So sitzt der Berufspendler schon am Schreibtisch, während sein Auto einen Kollegen abholt oder den nächsten Parkplatz sucht und die Akkus lädt.

Das ist allerdings nicht die einzig schräge Auto-Vision auf der Messe. Ebenfalls von Saic kommt der offene Zweisitzer Leaf ("Blatt"). Statt nur den CO2-Ausstoß zu reduzieren, soll der Elektrowagen wie das Laub eines Baumes sogar CO2 aus der Luft aufnehmen und in einer Art biologischen Brennstoffzelle den Strom zum Fahren produzieren. Außerdem tankt er mit einem Solardach Sonnenenergie und nutzt den Fahrtwind für Propeller-Generatoren. "Wir hoffen, dass Mensch und Natur so bis zum Jahr 2030 eine harmonische Koexistenz eingehen können", sagt Saic-Technikchef Liu Qihua.

Dass nicht alle Hersteller so weit in die Zukunft blicken, zeigt der französische Pavillon. Dort steht die Citroën-Studie Metropolis im Rampenlicht – als Vision eines neuen Flaggschiffs, das mit mehr als fünf Metern Länge gegen Modelle wie eine Mercedes S-Klasse antreten könnte. Aber immerhin steckt unter der Haube ein Plug-in-Hybridantrieb.

Während die Autohersteller ihre Serienmodelle erst langsam in Fahrt bringen, ist die elektrische Mobilität auf der Expo bereits Realität. "Das ist die erste Weltausstellung, auf der nur elektrisch gefahren wird", sagt Lutz Engelke: Im Pendelbetrieb surren Elektrobusse übers Gelände, große Distanzen bewältigen Besucher mit der elektrischen U-Bahn, und für die kurzen Wege gibt es futuristische Golf-Karren, die mit Batterien statt Benzin fahren.

Auch außerhalb des Expo-Areals hat ein Zeitenwechsel begonnen. So haben General Motors und Saic für die Expo eigens 350 Mittelklasse-Limousinen von Typ Buick Lacrosse als Hybrid-Taxen aufgebaut. Mehr als zehnmal so viele Expo-Taxen kommen von VW: Die Niedersachsen haben in China fast 4000 Touran für den Einsatz bei der Weltausstellung produziert, teilt das Unternehmen mit – dummerweise jedoch noch mit ganz konventionellen Benzinern.

(Zuerst erschienen am 02.06.2010 im Handelsblatt )