Mobilität Autofahren geht auch anders
Daimler und Peugeot testen Mobilitäts-Konzepte, aus der Schweiz kommt eine noch innovativere Idee. Doch ob die Projekte die Autogesellschaft verändern, bleibt fraglich.
Stammgästen des Genfer Autosalons ist Frank Rinderknecht ein Begriff. Seine Firma Rinspeed versorgt schon seit Jahrzehnten jede Autoshow am Genfer See mit Aufsehen erregenden Studien und Konzepten. Immer wieder packte der Schweizer Tuner in Genf spektakuläre PS-Giganten und automobile Träumereien aus. Noch 2005 präsentierte Rinderknecht das "sinnlichste Auto der Welt" – ein Konzept, das der Maxime "schneller, flacher, breiter" verpflichtet war.
In den vergangenen Jahren haben die Entwicklungsaktivitäten von Rinspeed aber eine völlig andere Richtung eingeschlagen: Rinderknecht und sein Team haben sich alternativen Antriebstechnologien verschrieben und tüfteln jetzt an neuen Mobilitätskonzepten. Auf dem Autosalon im März dieses Jahres stellte der selbst ernannte Automobil-Visionär einen winzigen Cityflitzer namens Rinspeed UC vor. Das Kürzel steht für Urban Commuter, das heißt soviel wie Pendlermobil. Mit einer Länge von knapp 2,60 Meter ist der Autozwerg zehn Zentimeter kürzer als ein Smart Fortwo. Bewegt wird er rein elektrisch. Mit einer Ladung seiner Lithium-Ionen-Batterie kommt man nach Angaben seines Konstrukteurs 105 Kilometer weit.
Die eigentliche Innovation ist aber das Gesamtpaket, in das der kleine Stromer eingebettet ist. Zumindest in der virtuellen Welt haben die Rinspeed-Entwickler einen Bahnwaggon schon so umgerüstet, dass er mehrere solcher Mini-Autos bequem an Bord nehmen kann. Längere Strecken, so die Idee, legt das Pendlermobil dann im Zug zurück. An der Bord-Tankstelle kann es dabei sogar Strom für den nächsten aktiven Fahrabschnitt zapfen.
In den Augen seines Erfinders ist Rinspeed UC weit mehr als eine futuristische Studie. Das Auto, das technisch auf dem Fiat 500 basiert, ließe sich erschwinglich produzieren, und die Schweizer Bahn könne Waggons für die Aufnahme der kleinen Pendlerautos ohne all zu großen Aufwand umrüsten. Es gebe bereits Gespräche mit Interessenten, hieß es auf dem Autosalon. Ein Vierteljahr nach dem Messeauftritt ist das Projekt dem Serienstart allerdings noch nicht viel näher gekommen. "In Bezug auf den UC laufen interessante Gespräche", sagt Rinderknecht, die Zugbetreiber gäben sich aber "sehr zurückhaltend". Wichtig sei jedoch, dass "Gedanken angestoßen" würden und dass sich "Paradigmen ändern", fügt der Autovisionär hinzu und motiviert sich selbst mit Weisheiten aus dem Historikerfundus: "Rom", so Rinderknecht, "wurde auch nicht über Nacht gebaut."
Deutlich weiter ist ein Mobilitätskonzept von Daimler: car2go wächst nach Einschätzung seiner Macher zusehends aus den Kinderschuhen heraus. Seit mehr als einem Jahr findet man in und um Ulm herum weiß-blaue Smarts, die registrierten Nutzern für beliebig lange oder kurze Fahrten zu Diensten stehen. Abgerechnet wird anschließend im Minutentakt. Zudem können Kunden das Auto nach Gebrauch auf dem nächstbesten Parkplatz im Stadtgebiet abstellen. Das unterscheidet die smarte Mietauto-Idee vom Angebot herkömmlicher Leihwagenfirmen.
Das unkomplizierte Konzept ist offensichtlich für viele attraktiv: Die Bilanz, die Daimler zum ersten Geburtstag des Projekts im März gezogen hat, fällt durchweg positiv aus. Statt der erwarteten 8000 Kunden registrierten sich in den ersten zwölf Monaten fast 18.000 Menschen bei car2go. Inzwischen sollen es schon rund 20.000 sein. Bei den 18- bis 35-Jährigen hat bereits jeder Dritte ein car2go-Siegel auf dem Führerschein kleben. Gut die Hälfte der Kunden greift regelmäßig auf einen Wagen der weiß-blauen Flotte zurück, wie die Auswertung des Anbieters zeigt. Mehrere hundert Autofahrer machen demnach sogar täglich von einem Miet-Smart Gebrauch.
Auch die Stadtverwaltung ist mit der Entwicklung durchaus zufrieden. Ulm habe ein zusätzliches Angebot für den innerstädtischen Verkehr erhalten, das insbesondere die Parkraumsituation entlastete, lobt Oberbürgermeister Ivo Gönner. Dass man in der Ulmer Innenstadt tatsächlich schneller ein paar freie Quadratmeter fürs Autos findet als in den Jahren zuvor, könne aber nicht allein als Verdienst von car2go verbucht werden, schränkt Walter Laitenberger ein, der das Projekt auf städtischer Seite begleitet. Ulm habe seine Parkplatzkapazitäten kürzlich auch deutlich erweitert.
Allerdings peilt das neue Geschäftsfeld, das Daimler mit car2go auslotet, ganz andere Dimensionen an: Großstädte und Ballungszentren. Dass da ausgerechnet das beschauliche Ulm und nicht etwa Berlin oder eine Ruhrmetropole Teststandort wurde, hat vor allem logistische Gründe. Die Telematik, die Kunden per Mobiltelefon zum nächsten freien Miet-Smart lotst, wird am Daimler-Forschungsstandort Ulm entwickelt.
In der Einführungsphase waren Daten und tatsächlicher Autostandort nicht immer deckungsgleich. Mit der neuen Generation der car2go-Telematik, die in Kürze eingesetzt werden soll, werde der Mietvorgang noch besser, versprechen die Betreiber. Zudem will Daimler in der zweiten Jahreshälfte eine neue Miet-Smart-Flotte auf die Straßen von Ulm und Neu-Ulm bringen. Statt der bisherigen Dieselautos stehen dann Wagen des Typs Smart mhd mit Ottomotor und Start-Stopp-Automatik bereit. Gleichzeitig soll die Flotte von 200 auf 300 Fahrzeuge aufgestockt werden.
Ein weiterer car2go-Versuch läuft aktuell im texanischen Austin. Inzwischen sind die car2go-Macher aber davon überzeugt, dass das Projekt auch reif für eine europäische Großstadt ist. Ende des Jahres soll es soweit sein. Auf welche Millionenstadt die Wahl gefallen ist, ist derzeit noch streng geheim. Der französische Konkurrent Peugeot hat ebenfalls ein Konzept für neue Mobilitätsbedürfnisse gestartet. Mit mu by Peugeot können Kunden in ausgewählten Autohäusern in Paris und Berlin für beliebige Zeit das Fahrzeug mieten, das sie gerade brauchen – Kleinwagen, Transporter, Cabrio oder auch ein Fahrrad mit Elektromotor.
Ferdinand Dudenhöffer, Automobilexperte an der Universität Duisburg-Essen, hält die Projekte für "höchst spannend". Dass sie die Auto-Gesellschaft in den nächsten zehn Jahren aber grundlegend verändern werden, bezweifelt er. "Die wenigsten Menschen werden deswegen tatsächlich auf ein eigenes Auto verzichten. Solche Angebote werden vielmehr parallel zum eigenen Wagen genutzt", ist Dudenhöffer überzeugt. Wenn es ums Auto geht, sei das Verhalten der Menschen nun mal "sehr resistent".
- Datum 24.06.2010 - 16:47 Uhr
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Auch per Copy & Paste eingefügte Artikel (Quelle= press-inform) sollte man nochmal durchlesen bevor sie online gehen: "[Kunden können] in ausgewählten Autohäusern in Paris und Berlin für beliebige Zeit das Fahrzeug mieten, das sie gerade brauen" - mmh, ich nehme ein Malzauto bitte danke.
Das Gesamt-Mobilitätskonzept mit der Verzahnung von (kleinem) Personenwagen und Bahntransport für längere Strecken wurde seinerzeit auch im Zusammenhang mit der Entwicklung des Smart diskutiert.
Man/frau fährt mit dem Wagen auf den Bahnsteig und direkt seitlich auf die Wagons auf. Auf- und Abfahren würde sich so auf wenige Minuten verkürzen.
Einleuchtend. Draus geworden ist bisher nichts.
Was soll so ein Blödsinn?
Noch nie etwas von einem Autoreisezug gehört?
Was soll daran innovativ sein?
Da passen auch viel mehr Autos rauf als in der Abbildung gezeigt.
Da kann man echt nur den Kopf schüttel, was einem als "Konsumenten" heutzutage alles mit Gewallt als "hip" verkauft werden soll.
ist schon vom sogenannten Querdenkenker Daniel Goeudevert vorgeschlagen worden. Ist an Dummheit leider kaum zu überbieten. Der Verbrauchsvorteil öffentlicher Verkehrsmittel gegenüber Mini-Cars ist nicht gerade enorm. Meiner Erinnerung nach liegt das Benzin Äquivalent bei 2,3 Litern auf 100 km bei der Bahn für die Beförderung einer Person. Sitzen zwei im Mini-Auto ist da schon nichts mehr zu gewinnen - wenn aber auch noch das Auto mitgenommen wird, wird es vollkomen absurd.
Der Transport von Fahrer und Auto muss ja mindestens äquivalent zu sechs normalen Fahrgästen sein - Warum nicht gleich das eigene Spritsparauto bei Luftfracht mitnehmen, damit man auf mallorca keinen Normal-Säufer mieten muss?
Schön das auf Bild 1 von 6 ein "Flitzer" zusammen mit lachenden Menschen gezeigt wird. Die Realität sieht aber so aus, dass Autos lebensbedrohliche Maschinen sind die Menschen sehr leicht verletzen oder töten können. Shared-Space ist eine nette Idee, die aber an Geldmangel der Kommunen oder autoverliebten Bürgerinitiativen scheitert. Auch City- oder Elektroflitzer werden Menschen töten, erzeugen Lärm und verbrauchen jeden Zentimeter öffentlicher Fläche in den engen Städten.
bin für eine copy & paste gebühr. jeder redakteur der in dieser weise abschreibt muss ab sofort zu fuss gehen (siehe: http://www.zeit.de/2010/2...).
Diese Konzepte sind doch der händeringende Versuch der Autohersteller, der endgültigen Verbannung von PKWs aus Stadtzentren entgegenzuwirken.
Ich wohne im Zentrum von Paris - das einzige Auto, was ich hier ab und an brauchen könnte, wäre ein Kombi, um sperrige Gegenstände oder Grosseinkäufe zu transportieren. Oder aber, um mit Freunden in die nähere Umgebung der Stadt zu fahren, wenn diese nicht per Zug oder Metro zu erreichen ist. Wenn der rinspeed UC noch 10cm kürzer ist als ein Smart, heisst das ja, dass nicht mal mehr eine Einkaufstüte in den Kofferraum passt. An Familien mit Kindern wurde offensichtlich auch nicht gedacht. Die Frage ist also, wer soll diesen Service überhaupt nutzen?
Wie dem auch sei - wieder mal jubel-PR von press-inform... diesmal wahrscheinnlich im Auftrag von Daimler/Smart. Liebe Zeit-Redaktion, muss das wirklich sein?
Ob nun C&P seitens der ZEIT oder nicht, ich würde mir mehr solcher car2go Konzepte wünschen – zusätzlich zu besseren öffentlichen Verkehrsmitteln.
Seit meiner Zeit in Dresden habe ich kein Auto mehr, weil es schlicht nicht notwendig war (und nervtötend noch dazu), und auch jetzt wohne ich so zentral, dass sich ein Auto meist nicht rechnet. Dank der heimatlich-westdeutschen Städteplanung, die nur auf Autos ausgelegt ist, wird es jedoch bei schweren Einkäufen eher schwierig – wohl gerade für Menschen, die nicht mehr jung und fit sind und/oder sich kein Auto leisten können oder wollen.
Von weniger Autos in Innenstädten, Teilautos und mehr ÖPNV würden doch aber die meisten profitieren. Und ich meinerseits, obwohl ich immer gern gefahren bin, nähme auch gern Bus & Bahn – hat alles seine Vor- und Nachteile, und wenn ich Steuer / Versicherung / TÜV / Wartung mit einrechne, lohnt es sich wirklich und macht weniger Aufwand. Warum sich das bei sinnvoller Planung also nicht rechnen oder durchsetzen soll, kann ich mir nur mit ideologischen Vorbehalten, nicht aber mit der Realität erklären.
Wohlgemerkt, das meine ich nur bezogen auf Städte, denn auf dem Land verstehe ich schon, warum da jeder gern sein eigenes Auto haben will und oftmals sogar muss.
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