Sie haben alle Verkehrsschilder, Grenzlinien und Parkbuchten entfernt. Es gibt keine Trennung mehr von Gehweg und Autofahrbahn. Auch die Ampeln sind verschwunden. Und trotzdem gibt es im niedersächsischen Bohmte im Landkreis Osnabrück nicht mehr Unfälle als auf konventionellen Straßen. Von einer verbeulten Laterne einmal abgesehen, die einige Autofahrer beim Ausparken nicht gesehen haben.

Shared Space , geteilter Raum, heißt das Projekt, in dem sich die Gemeinde übt. "Schwere oder vorfahrtsbedingte Unfälle haben wir seit der Einführung von Shared Space im Jahr 2008 nicht mehr", sagt Sabine de Buhr-Deichsel, Gemeinderätin und stellvertretende Bürgermeisterin.

Seither fahren alle auf einer niveaugleichen Fläche. Und das, obwohl täglich 12.600 Fahrzeuge, unter denen rund 1000 Laster sind, durch den Ort im Landkreis Osnabrück fahren. "Wir können keinen einzigen systembedingten Unfall beklagen", sagt de Buhr-Deichsel mit leisem Stolz. Die beiden bisher Leichtverletzten hätte es auch so gegeben: Ein Radfahrer stieß beim Gespräch mit einem parallel Fahrenden zusammen, ein Betrunkener fuhr auf ein stehendes Auto auf.

Das Prinzip von Shared Space ist einfach. Durch die Aufhebung der Verkehrsregeln sind alle zur gegenseitigen Rücksichtnahme genötigt. So wird beispielsweise die Kommunikation zwischen der jungen Mutter mit Kinderwagen und dem Lkw-Fahrer  erzwungen. Das funktioniert in Holland schon länger. In Deutschland hat die EU das Pilotprojekt in Bohmte gefördert: Von den 2,1 Millionen Euro, die für das 450 Meter lange Stück ausgegeben wurden, stammt eine runde Million aus Brüssel.

Vereinfacht lässt sich sagen, dass ein Quadratmeter Straßenfläche etwa 150 Euro und ein laufender Meter Straße etwa 2000 Euro kostet. Die Zwischenbilanz in einer Zufriedenheitsanalyse des Ortes mit 6500 Einwohnern ist eindeutig. In der überwiegenden Mehrheit bewerten Anwohner und Gewerbetreibende das Projekt positiv. Skepsis entsteht bei wenigen allein durch die subjektive Unsicherheit im Verkehr. 

Selbst der ADAC begrüßt, wenn weitere Pilotprojekte initiiert werden. Prinzipiell hält der Automobilclub die Ausdünnung des Schilderwaldes für erstrebenswert. "Allerdings wird Shared Space wegen der Kosten und der Kassenlage kein Allheilmittel sein", sagt Sprecher Andreas Hölzel. Für eine endgültige Bewertung sei es noch zu früh. Unklar ist zum Beispiel, ob das System auch in der Großstadt funktioniert. Der von CDU und Grünen regierte Hamburger Senat plant die Einführung von Shared-Space- Projekten.