Fahrzeuggeschichte Eine halbe Pferdestärke unterm Sattel
Das erste Motorrad der Welt rollt nicht cool über einen US-Highway, es holpert über die Schlaglöcher einer schwäbischen Landstraße – vor 125 Jahren.
Wer hat's erfunden? Die Schweizer? Nein: die Franzosen. Pierre Michaux und Louis-Guillaume Perreaux lassen 1868 das erste Zweirad patentieren, das keine Muskelkraft braucht. Aber das gilt nicht: Ihr "Motor"-Rad fährt mit einer Dampfmaschine – der zischende Kessel direkt unterm Sattel setzt sich nie so recht durch.
Oder die Bayern? Die Brüder Heinrich und Wilhelm Hildebrand sowie Alois Wolfmüller prägen, soweit schriftlich dokumentiert, das Wort "Motorrad", als sie ihr benzinmotorgetriebenes Einspurfahrzeug 1894 patentieren lassen.
Oder doch die Schwaben? Das erste zweirädrige Fahrzeug mit Verbrennungsmotor bauen Wilhelm Maybach und Gottlieb Daimler. In ihrem "Reitwagen", den sie am 29. August 1885 zum Patent anmelden, brummt schon derselbe Motor wie ein Jahr später in Daimlers erstem Auto. Die Viertakt-Einzylinder-Maschine mit der Reichspatent-Nummer 43926, wegen ihrer Form auch Standuhr-Motor genannt, ist der eigentliche Meilenstein der Technikgeschichte, der Grundstein für das motorisierte Zeitalter.
- Gottlieb Daimler
Gottlieb Daimler (1834-1900) heißt eigentlich Däumler und wird als Sohn eines Bäckermeisters in Schorndorf bei Stuttgart geboren. Nach Realschule und Büchsenmacher-Lehre studiert er in Stuttgart Maschinenbau. 1886, im selben Jahr wie Carl Benz, entwickelt er einen ersten Motorwagen. 1890 gründet er die Daimler-Motoren AG. Ein im Auftrag des Kaufmanns Emil Jellinek entwickelter Daimler-Sportwagen bekommt 1900 nach dessen Tochter den Namen "Mercedes". Daimler hat aus zwei Ehen sieben Kinder.
- Wilhelm Maybach
Wilhelm Maybach (1846-1929) aus Heilbronn wird mit zehn Jahren Vollwaise. Im Waisenhaus erlernt er den Beruf des Technischen Zeichners und belegt an der Oberrealschule Abendkurse in Physik und Mathematik. Er heiratet eine enge Freundin von Daimlers erster Frau Emma, Bertha Habermaas. In der Daimler-Motoren AG wird Maybach Technischer Vorstand. Trotz der Erfolge seines Mercedes trennt er sich 1907 im Streit mit dem Aufsichtsrat von der Firma und gründet 1909 die Maybach-Motorenbau, eine Tochter der Luftschiffbau Zeppelin.
- Daimler-Konzern
Unternehmen des Daimler-Konzerns haben in 120 Jahren Geschichte unter wechselnden Namen – Daimler-Motoren AG, Daimler-Benz, DaimlerChrysler – so einiges gebaut: Pkw, Laster, Busse, Flugzeuge und sogar die Maybach-Brille. Motorräder waren nie wieder dabei. Jetzt soll sich das ändern: Auf dem Pariser Autosalon im Oktober will das Unternehmen eine zweirädrige Fahrzeugstudie vorstellen. Die ist aber ein ganz entfernter Nachfahr des "Reitwagens": Weder soll sie aus Holz sein, noch Benzin schlucken – das erste Daimler-Zweirad nach 125 Jahren soll elektrisch fahren.
- Fahrweise
Aus einer zeitgenössischen Beschreibung des Reitwagens: "Wenn der Motor in Gang gesetzt werden soll, so wird unter dem Glührohr die kleine Flamme angezündet und der Motor mittels der Kurbel einmal angedreht; diese Vorbereitung ist in einer Minute geschehen. Der Motor arbeitet ruhig, da zur Dämpfung des Auspuffes in die Auspuffleitung ein Auspufftopf eingeschaltet ist. Soll das Fahrzeug in Bewegung gesetzt werden, so besteigt der Fahrer dasselbe, ergreift das Steuer und bringt den Motor mit dem Fahrrad in Verbindung. Dies geschieht durch den Hebel, die Schnur und die Spannrolle; durch diese wird nämlich der Treibriemen gegen die Scheibe angezogen. Die Riemenscheiben dienen zur Erzielung verschiedener Geschwindigkeiten; wird der Treibriemen in die obere Lage gebracht, so fährt das Fahrrad langsam, von der unteren Lage aus erzielt man ein schnelleres Fahren. Die Bremse wird durch eine Schnur angezogen, die für den Fahrer bequem erreichbar ist; will man das Fahrrad zum Stillstand bringen, so schaltet man durch einen Hebel zwischen Sitz und Lenkrad den Treibriemen aus und alle Bewegung hat ein Ende." (Quelle: daimler.com)
Daimler hat von 1865 bis 1867 die Maschinenfabrik eines Reutlinger Waisenhauses geleitet und ist dort auf Maybach getroffen, der beide Eltern verloren hat und hier zum Technischen Zeichner und Konstrukteur ausgebildet wird. Maybach wird Daimlers Assistent und folgt ihm 1873 auch zur Gasmotorenfabrik Deutz nach Köln. Als technischer Direktor und Leiter des Konstruktionsbüros arbeiten Daimler und Maybach mit an der Weiterentwicklung des viertaktigen Verbrennungsmotors mit Fremdzündung, den Deutz-Mitgründer Nicolaus Otto erfunden hat.
1882 verlassen beide nach einem Streit mit Otto die Firma, für ihre Mitarbeit an den Deutz-Patenten bekommen sie eine Abfindung. Daimler hat genug gespart, um sich selbstständig zu machen. Für 75.000 Goldmark kauft er in Cannstatt bei Stuttgart eine Villa, in unmittelbarer Nähe zu den Kuranlagen, wo er sich wegen seiner Herzschwäche regelmäßig behandeln lässt. Zur Villa gehört ein großer Garten und vor allem ein geräumiges Gewächshaus – das Daimler um einen Anbau erweitert: seine Versuchswerkstatt.
Einen schnell laufenden Verbrennungsmotor wollen Daimler und Maybach bauen, der leicht, kompakt und für den Fahrzeugantrieb einsetzbar ist. Das bis dahin als Treibstoff verwendete Gas ersetzen die beiden durch eine Flüssigkeit, die in Apotheken als Fleckentferner verkauft wird: Benzin. Sie entwickeln einen Vergaser, der es zerstäubt und in den Zylinder spritzt.
Lange suchen die Erfinder nach einer Zündung, die schnell genug für die angepeilten Drehzahlen ist. Sie verwenden schließlich ein Glührohr, das von außen beheizt wird. Das vom Kolben im Zylinder komprimierte Benzin-Luft-Gemisch wird gegen das glühende Röhrchen gedrückt und entzündet sich an der Hitze – die Geschwindigkeit der Zündung steuert sich also selbst.
Den "Gasmotor mit Glührohrzündung" lässt Daimler schon 1883 patentieren – ein Meisterwerk der Formulierungskunst, weil die Konstruktion Ottos bereits geschütztes Viertaktprinzip enthält. Das Patent wird zum Gegenstand erbitterter Prozesse, doch Otto setzt sich nicht durch. In der zweiten Hälfte des Jahres 1883 bauen Daimler und Maybach den ersten Versuchsmotor, einen liegenden Viertakt-Einzylinder. Das Motorgehäuse stammt aus der Glockengießerei Kurz in Stuttgart.
1885 folgt die "Standuhr" . Sie hat einen Hubraum von 264 Kubikzentimetern und leistet bei 650 Umdrehungen pro Minute 0,74 Kilowatt, also gut ein PS. Damit ist der Einzylinder deutlich leistungsfähiger als frühere Motoren. Vor allem ist er, verglichen mit den Verbrennungsmotoren für den Stationärbetrieb, klein und wiegt lächerlich leichte 60 Kilogramm. Auch der Benzinbetrieb prädestiniert ihn für die mobile Verwendung, weil Flüssigkeiten leichter zu transportieren sind als Gase.
Nun muss ein Versuchsfahrzeug her. Fahrräder, erst in den 1860er Jahren aus dem Laufrad entwickelt, sind gerade modern. Doch so ein Metallgestell ist Daimler zu fragil; er lässt einen Rahmen aus Holz bauen und steckt den Motor unter den Fahrersitz. Ein Treibriemen überträgt die Kraft des Motors – in dieser Version 0,4 Kilowatt, etwa ein halbes PS – auf das Hinterrad. Auch eine Art Gangschaltung gibt es, deren Einstellung aber vor Fahrtbeginn gewählt werden muss: Zwei verschieden große Riemenscheiben am Motor legen die Geschwindigkeit auf sechs oder zwölf Kilometer in der Stunde fest.
Mit diesem Tempo hoppelt Daimlers Sohn Adolf im November 1885 auf eisenbeschlagenen Reifen und ohne Federung mit dem "Reitwagen" die drei Kilometer von Cannstatt nach Untertürkheim. Trotz der überschaubaren Geschwindigkeit dürfte es ihm auf den damaligen Straßen nicht ganz leicht fallen, den Bock unter Kontrolle zu halten – aber er kommt an.
Damit haben Daimler und Maybach bewiesen, dass Fahrzeuge sich mit einem Verbrennungsmotor antreiben lassen. Das mit dem ersten Motor-Zweirad allerdings – das ist bei genauem Hinsehen dann doch so eine Sache: Der "Reitwagen" , Patent Nummer DRP 36 423, hat Stützräder, die bei dem geringen Tempo wohl nie vom Boden kamen.
- Datum 29.08.2010 - 09:28 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Der Text unter der Überschrift ist doch etwas lächerlich für eine Zeitung wie die Zeit.
Wer hätte gedacht dass es keine Betonierten Autobahnen gab als es noch keine PKWs gab - irgendwie ist es selbstverstänglich.
Was kommt als nächses? Oh wunder, die Brüder Wright testeten ihre Flyer nicht auf einem modernen Militärflughafen? (denn neue Luftfahrttechnick kommt oft, aber nicht immer, vom Militär)
Aber sonst ein sehr netter Artikel den ich gern gelesen hab - obschon mich PKWs nicht wirklich interessieren, Technik mit Geschichte, gute Mischung :)
Mit Schmunzeln las ich den Artikel. Ja, Gottlieb Daimler war einer der "schwäbischen Bastler und Tüftler" wie er im Buche steht. Leider halt auch "nur" ein solcher, wie sich in seinem späteren Leben heraus stellen sollte. Er war zum Glück kein Stratege, wie sie überall in den heutigen Konzernen sitzen und es nur um Profite ging. Die Technik stand bei ihm noch im Vordergrund.
Solche Leute fehlen uns heute. Oder sie werden von den Konzernen untergebuttert, Patente abgekauft um sie in Schubladen verschwinden zu lassen, usw.
@DetlevCM:
Jetzt mal nicht so kleinlich. Das war doch nur eine Einleitung zu einem netten Artikel
@Kohlenpott:
Also, wer ein C1 mit einem Motorrad gleichzusetzen versucht, dürfte kaum mal ein solches unter seinem Hintern gehabt haben. Dann doch lieber den Reitwagen vom alten Gottlieb. Mit einem ungelenkigen C1 würde ich noch nicht mal zum Einkaufen fahren. Dann schon eher eine Vespa.
Der Ausverkauf schwäbischer Patente an alle Welt bereitet zuweilen mir Sorge:Wenn jeder alles kann,wird der Erfinder zum Verlierer und mit ihm das Land und die Bevölkerung des Erfinders.Was im Lande der Schwaben entwickelt wurde,sollte nicht gratis an alle Welt verschenkt werden.Ansonsten ja wären die kostenaufwändigen Mühen eine reine Vergeudung.Dieses an Rohstoffen arme Land lebet von seiner Intelligenz.
Nicht zu vergessen,da von der Zündung des Benzinmotores(Bosch macht die Zündung) die Rede war,dass Robert Bosch als einer der Ersten erkannte,daß ein Arbeitstag,der länger als acht Stunden dauert,nur Minus bringet-gerade angesichts des Humanen in der Arbeitswelt(vgl.Arbeitsrecht).Damit war Robert Bosch ein Vorreiter des Sozial-Gerechten.Gruß aus Schwabenland!
... ist nicht an seiner "Uncoolheit", sondern an der typisch BMW-igen Preisgestaltung gescheitert. Und mit was: mit Recht.
Im übrigen würde ich Ihnen als anerkanntem Papiertiger raten, es mir gleichzutun, der ich mir vor acht Jahren zu meinem 50sten den A-Schein und eine anständiges Motorrad (GSX 750, ohne ABS ...) gegönnt habe, welchletzteres nach fünf Jahren mit 75000 unfallfreien Kilometern auf der Uhr einer 1250er Bandit (mit ABS ...) Platz zu machen, welche auch schon wieder 48000 unfallfreie Kilometer zurückgelegt hat.
Also: Nur Mut! Dann reden wir weiter.
Wohin die ganze Hyperrüstung der vierrädrigen Reitwagen mit vorgeblich unverwundbar machender "Sicherheitstechnik" führt, können Sie jeden Tag dem Polizeibericht Ihrer Tageszeitung und Ihren eigenen Begegnungen mit wildgewordenen Audi-, BMW- und anderen "Piloten" entnehmen: Zur Entfremdung der Nutzer von den physikalischen Gesetzen des motorisierten Fortbewegens und zu entsprechend enthemmter Fahrweise, die jedes Bewußtsein darüber, daß man nicht alleine unterwegs ist, schmerzlich vermissen läßt.
Darunter haben vor allem auch Motorradfahrer zu leiden, die nämlich, wie Sie als alter Statistik-Freak wissen werden, bei Unfällen mit Fremdbeteiligung her selten "schuld" sind, sondern bevorzugt von Autofahrern jeglicher Couleur, die nur allzu gerne eher achtlos unterwegs sind, auf's Korn bzw. die Haube genommen werden.
... aber bitte keine Lobeshymne auf "die Motorradfahrer". Wenn ich so täglich sehen muss, wie da jenseits aller Linien auf der Gegenfahrbahn die "Pole Position" an Ampeln erobert wird, wie da manchmal / immer wieder überholt und wie Autos vor und während des Überholens regelrecht "attackiert" werden - führe ich als Autofahrer so, hätte ich gewiss schon einige Anzeigen wegen versuchten Totschlags am Hals.
Möge ein jeder vor seiner Haustür kehren.
Ich hab' mich noch an jeder roten Ampel brav in die Reihe gestellt und werde das auch weiter so halten. Schon um Hypokriten wie sie zu düpieren, die nur neidisch sind. Allerdings: Wenn ich mal wieder in Paris unterwegs bin, werde ich nicht zögern, mit den örtlichen Motor-Zweirad-Wölfen zu heulemn und dies tief und innig zu genießen ...
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion/cs
... aber bitte keine Lobeshymne auf "die Motorradfahrer". Wenn ich so täglich sehen muss, wie da jenseits aller Linien auf der Gegenfahrbahn die "Pole Position" an Ampeln erobert wird, wie da manchmal / immer wieder überholt und wie Autos vor und während des Überholens regelrecht "attackiert" werden - führe ich als Autofahrer so, hätte ich gewiss schon einige Anzeigen wegen versuchten Totschlags am Hals.
Möge ein jeder vor seiner Haustür kehren.
Ich hab' mich noch an jeder roten Ampel brav in die Reihe gestellt und werde das auch weiter so halten. Schon um Hypokriten wie sie zu düpieren, die nur neidisch sind. Allerdings: Wenn ich mal wieder in Paris unterwegs bin, werde ich nicht zögern, mit den örtlichen Motor-Zweirad-Wölfen zu heulemn und dies tief und innig zu genießen ...
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion/cs
... aber bitte keine Lobeshymne auf "die Motorradfahrer". Wenn ich so täglich sehen muss, wie da jenseits aller Linien auf der Gegenfahrbahn die "Pole Position" an Ampeln erobert wird, wie da manchmal / immer wieder überholt und wie Autos vor und während des Überholens regelrecht "attackiert" werden - führe ich als Autofahrer so, hätte ich gewiss schon einige Anzeigen wegen versuchten Totschlags am Hals.
Möge ein jeder vor seiner Haustür kehren.
... geschrieben; also halten sie sich zurück, "die" Motorradfahrer per se zu verteufeln, wenn Sie auch nur peripher ernstgenommen werden wollen.
... geschrieben; also halten sie sich zurück, "die" Motorradfahrer per se zu verteufeln, wenn Sie auch nur peripher ernstgenommen werden wollen.
;-) ich werde wieder in den Süden gehen und mich an die Schwaben halten. Die wissen nicht so wirklich was "eloquent" ist, aber sie kennen die Bedeutung des Wortes "effektiv" besser als alle anderen.
Ich hab' mich noch an jeder roten Ampel brav in die Reihe gestellt und werde das auch weiter so halten. Schon um Hypokriten wie sie zu düpieren, die nur neidisch sind. Allerdings: Wenn ich mal wieder in Paris unterwegs bin, werde ich nicht zögern, mit den örtlichen Motor-Zweirad-Wölfen zu heulemn und dies tief und innig zu genießen ...
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion/cs
[entfernt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen und persönliche Angriffe und halten Sie sich an unsere Netiquette. Danke. Die Redaktion/ew]
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