Automarkt Dickschiffe sind in den USA wieder en vogue

Fiat versucht in den USA, den Kleinwagen Cinquecento zu verkaufen. Doch das wird schwierig: Spritsparen ist wieder out, Pickups und Geländewagen feiern ihr Comeback.

Fertigung des Jeep Grand Cherokee in einem Chrysler-Werk in Detroit

Fertigung des Jeep Grand Cherokee in einem Chrysler-Werk in Detroit

Bill Golling staunt nicht schlecht: "Das ist ganz anders als alle Autos, die wir bisher hatten", sagt der Autohändler aus Bloomfield Hills, 25 Meilen nördlich von Detroit gelegen. Er überragt den Fiat 500, der mit offener Motorhaube neben ihm parkt, um fast das Doppelte. "Dennoch hatte ich überhaupt kein Problem beim Einsteigen", berichtet er während einer Händlerveranstaltung mit Fiat-Konzernchef Sergio Marchionne stolz. Golling hat in seinen Schauräumen bislang nur Chrysler, Jeep und Dodge stehen, in einigen Wochen will er erstmals den Fiat 500 verkaufen – ein Miniauto, das gut auf die Pritsche eines Dodge Ram 1500 Platz finden würde.

Pickup-Truck meets Cinquecento: Das Experiment soll die amerikanisch-italienische Liaison zwischen Chrysler und Fiat festigen, kaum 18 Monate nach dem staatlich kontrollierten Insolvenzverfahren des drittgrößten US-Autokonzerns. Marchionne hat Großes vor mit den kleinen Autos: Noch vor Weihnachten soll der Retro-Wagen 500 (italienisch: Cinquecento) in den US-Handel kommen und im ersten Jahr 50.000 mal verkauft werden.

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Ein ehrgeiziges Ziel: Daimler hat in seinem besten US-Jahr gerade mal 24.000 Kleinwagen der Tochtermarke Smart verkauft. Der BMW Ableger Mini kam im Krisenjahr 2009 auf 45.000 Stück. Damit ist die USA noch vor Großbritannien und Deutschland der größte Absatzmarkt für Mini.

Marchionne umgarnt seine neue Vertriebsmannschaft: Die Beziehungen zum US-Handel seien "besser als jemals zuvor", betont er. Marchionne weiß: Viel zu verlieren gibt es nicht. Hunderte von Händlern liegen finanziell am Boden, Chrysler wurde mehrfach totgesagt, und auch auf Fiat setzt in den USA keiner einen Cent. So ist Fiats Wiedereinstieg in den US-Markt nach 27 Jahren Abstinenz mehr Chance als Risiko: Chrysler-Händler erhalten über das Kleinwagen-Angebot Zugang zu einem völlig neuen Kundenkreis. Der Fiat-Chef hat die Führung eines staatlich gestützten US-Konzerns übernommen und sichert sich mit dem Chrysler-Vertriebsnetz einen Absatzkanal im größten Markt der Welt.

Bleibt die Frage: Braucht Amerika den Cinquecento? Die Euphorie unter europäischen und japanischen Herstellern ist jäh verflogen, den US-Markt mit spritsparenden Modellen im Sturm zu erobern. Gerade einmal 2,7 Prozent der Neuzulassungen entfallen auf Kleinwagen, im Herbst 2008 war der Anteil einmal bei vier Prozent. Nach wie vor sind Pickups der Renner: Im August führten der Ford F150 und der Chevrolet Silverado erneut die Verkaufslisten an. Die Verkäufe des Kleinwagens Honda Civic brachen im Jahr nach der Abwrackprämie um mehr als 47 Prozent ein, die des Ex-Spitzenreiters Toyota Corolla sogar um 53 Prozent.

Nur eine Verlegenheitslösung

Erklärungen für das Comeback der Dickschiffe gibt es viele. US-Kunden hätten "ihren grundsätzlichen Autogeschmack nicht verändert", berichtet Michael Roesnick, Chef des deutschen Autozulieferers Preh GmbH. "Die Amerikaner sind von ihrer Tradition her nicht an Kleinwagen gewöhnt. Ein kleines Auto ist in den USA in der Regel eine Verlegenheitslösung", sagt Christoph Stürmer vom Beratungsunternehmen Global Insight. Die kalifornische Marktforschungsfirma TrueCar.com verweist zudem darauf, dass zwei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise Autokredite wieder leichter vergeben werden und damit SUVs für viele Amerikaner erschwinglich scheinen. Hinzu kommt die Entwicklung der Benzinpreise: Als Daimler seine Smart-Expansion in den USA startete, kostete die Gallone Benzin 4,50 Dollar – und jede Tankfüllung eines Pickup-Lasters kostete einen dreistelligen Dollarbetrag. Inzwischen sind die Spritpreise wieder deutlich unter drei Dollar gefallen.

Vor zwei Jahren riefen auch die amerikanischen VW-Händler noch lautstark nach einer Einführung des Kleinwagens Polo in den USA. Bei einem Händlertreffen am Rande der Detroit Auto Show belagerten sie VW-Konzernchef Martin Winterkorn, ihnen endlich kleinere Modelle in die Showrooms zu schicken. Heute ist Winterkorn froh, dass er dem Druck nicht nachgegeben hat. "Keiner der US-Händler fragt mehr nach dem Polo", heißt es in Wolfsburg.

Zuerst erschienen im Handelsblatt

 
Leser-Kommentare
  1. Solch ein Artikel in der ZEIT! Wie ist der denn durch die Kontrolle gerutscht? Aber wenigstens ist er ja auf der Auto-Seite nicht direkt verlinkt...

  2. Der Ölpreis bestimmt die Autonachfrage .So lange Erdölprodukte, hergestellt aus dem endlichen Rohstoff Erdöl, relativ preiswert sind macht sich kaum einer Sorgen.Es gibt nicht wenige die können es kaum erwarten das die Ölförderung im Irak richtig los geht.Es werden bis 12mb pro Tag in Aussicht gestellt.An Warnungen und Hinweisen auf eine Verknappung fehlt es nicht.

    http://www.peakoil.de/

  3. Amerika ist eben nicht Pusemuckel, dort werden viel größere Strecken mit dem PKW zurückgelegt. In Deutschland fährt auch kein Polo als Firmenwagen, weil das bei den zurückgelegten Strecken einfach Quatsch ist.

    Zudem, auch SUVs brauchen sich hinsichtlich ihres Verbrauchs auf der Langstrecke nicht zu schämen, der ist heutzutage sehr gering. Und wenn man sieht, wie viele VW Busse in Deutschland rumgondeln (Verbrauch 17 Liter in der Stadt), brauchen wir hier nicht so zu tun, als wären wir Umweltengel.

    Die Amerikaner bauen tolle Autos, in denen Freude am Fahren keine Werbelüge ist, sondern garantiert. Wer einmal einen SUV amerikanischer Bauart gefahren ist, der kann über europäische Automodelle nur noch lachen.

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