ZEIT ONLINE: Herr Gurka, in Sachen E-Mobilität tut sich schon viel in Berlin: BMW, Daimler und VW lassen Elektroautos im Test auf Berliner Straßen fahren, Daimler baut künftig Elektromotoren in Marienfelde, neue Batterien werden hier entwickelt. Wozu braucht es da noch eMO , die Berliner Agentur für Elektromobilität?

René Gurka: Die eMO soll nicht eigene Projekte initiieren, sondern die Akteure untereinander vernetzen, denn bislang laufen diese Aktivitäten nebeneinander her. Zudem wollen wir die breite und die Fachöffentlichkeit viel stärker darüber informieren. Unser Ziel ist, Berlin als potenziellen zukünftigen Leitmarkt zu positionieren. Sollte die im Mai initiierte Nationale Plattform Elektromobilität demnächst der Bundesregierung empfehlen, sich von zehn Leuchtturm-Regionen auf nur noch zwei zu konzentrieren, erwarten wir, dass Berlin auf jeden Fall dabei ist.

ZEIT ONLINE: Wirtschaftssenator Harald Wolf sagte, Berlin solle "Versuchslabor, Werkbank und Schaufenster der Elektromobilität" werden ...

Gurka: Ja, Wertschöpfung muss das Ziel sein. Es wäre deutlich zu wenig, wenn BMW oder Smart nur hierher kämen, um ihre Elektrofahrzeuge auf unseren Straßen zu testen. Wir wollen nicht nur Erprobungsmarkt sein, Berlin muss auch Produktionsstätte werden. Dazu muss die eMO auch diejenigen ansprechen, die vor Standortentscheidungen stehen. Wenn beispielsweise ein asiatischer Batteriehersteller einen neuen Standort in Europa sucht, sollte Berlin für ihn erste Wahl sein.

ZEIT ONLINE: Was Wolfs "Werkbank" betrifft: Welche Beschäftigungspotenziale sind zu erwarten?

Gurka: In dem gesamten Feld "Green Economy", zu dem die E-Mobilität gehört, können wir in den nächsten fünf Jahren 30.000 bis 40.000 Jobs hinzugewinnen. Wenn davon 5000 bis 10.000 auf Elektromobilität entfallen, haben wir schon viel gewonnen. Wichtig ist allerdings, dass ein Großteil neu entsteht und nicht nur Arbeitsplatzsicherung ist, indem Produktionsstätten zum Beispiel von Verbrennungsmotoren auf E-Mobilität umsteigen.

ZEIT ONLINE: Die großen Autokonzerne in Deutschland sitzen in Stuttgart, München und Wolfsburg – nicht in Berlin. Ist das nicht von Nachteil?

Gurka: Ganz im Gegenteil. Kürzlich sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche auf einer Tagung, Berlin habe einen großen Vorteil, weil es neutrales Terrain sei. Hier können alle Hersteller aktiv werden, ohne der eigenen Region den Rücken zuzukehren. Wolfsburg ist mit dem ICE nur eine Dreiviertelstunde von Berlin entfernt, liegt also quasi vor den Toren Berlins. Deshalb hätte Berlin VW zum Beispiel sehr gerne Partner. Ich habe nur das Gefühl, dass Volkswagen mit dem Thema Elektromobilität noch sehr zurückhaltend umgeht. Andererseits: Wer weiß denn heute schon, ob wir in 20 Jahren noch in ein Elektroauto von VW, BMW oder Mercedes einsteigen werden?

ZEIT ONLINE: Die Ansiedlung einer neuen Automobilfertigung in Berlin ist eher utopisch ...

Gurka: Ja, aber darum geht es auch nicht. Gerade im schwierigen Bereich der Batterieentwicklung hat Berlin aufgrund seiner starken Wissenschaftsorientierung große Chancen. Auch bei der Steuerungstechnik ist die TU Berlin führend – das könnte für die Entwicklung der Elektromobilität noch sehr wichtig werden.