Stadtforscher Markus Hesse"Der Benzinpreis ist nicht entscheidend"

Wohnen und Arbeiten werden räumlich stark getrennt bleiben, sagt Stadtforscher Markus Hesse. Im Interview erklärt er, wie der öffentliche Nahverkehr gestärkt werden kann. von 

ZEIT ONLINE: Die Suburbanisierung, also die Abwanderung städtischer Bevölkerung ins Umland, wäre ohne einen starken motorisierten Individualverkehr und den Ausbau des Verkehrswegenetzes nicht möglich gewesen – mit allen negativen Folgen. Herr Professor Hesse, lässt sich dieser Prozess umkehren?

Markus Hesse: Diese Entwicklung wird sich in absehbarer Zeit nicht umkehren. Es gibt zwar Regionen, in denen sich Wohnungsleerstand häuft, beispielsweise in Ostdeutschland. Aber zu den meisten Großstadtregionen zumindest in Westdeutschland werden suburbane Siedlungsräume auch weiterhin gehören. Wir haben etwa im Raum Köln beobachtet, dass diejenigen, die dort aufgewachsen sind und jetzt Familie haben, dann in die Häuser ihrer Eltern ziehen und somit dem Standort treu bleiben.

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ZEIT ONLINE: Das heißt, es gibt kaum Anzeichen, dass die Bereiche Wohnen und Arbeiten – die im Zuge der Stadtflucht räumlich stärker getrennt wurden – wieder näher zusammenwachsen?

Markus Hesse
Markus Hesse

ist Geograf und Raumplaner. Seit 2008 ist er Professor für Stadtforschung an der Universität Luxemburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen europäische Stadtpolitik sowie Mobilität und Verkehr im räumlichen Kontext.

Hesse: Eine Zeitlang hat man geglaubt, dass die Arbeitsplätze den Leuten in die Suburbs hinterher ziehen würden. Doch das wurde zumindest in Deutschland selten festgestellt. Aber auch eine Rückkehr in die Städte ist in der Breite wenig wahrscheinlich. Großstädte wie München, Hamburg oder Stuttgart haben zwar eine hohe innerstädtische Arbeitsplatzdichte, aber extrem schwierige Wohnungsmärkte – dort können Bezieher von mittleren Einkommen gar nicht direkt neben ihrer Stelle wohnen. Dieser Luxus wird sich auf kleine Gruppen beschränken, etwa "kreative Wissensarbeiter" mit hohen Einkommen und einer Präferenz für innerstädtische Standorte.

ZEIT ONLINE:
Für alle, die weiterhin vom Wohnort zur Arbeit pendeln müssen, verschärft sich das Problem mit den steigenden Energiepreisen.

Hesse: Sicherlich werden manche versuchen, dann näher an den Arbeitsplatz zu ziehen. Aber die Transportkosten sind nicht das ausschlaggebende Kriterium bei der Wahl des Wohnorts. Man glaubte lang, dass die Leute ihr Verhalten ändern würden, wenn der Benzinpreis substanziell steigt. Stattdessen kompensieren Viele die höheren Kosten anderweitig: Sie fahren das alte Auto länger, kaufen sich ein etwas billigeres oder sparen an anderen Dingen, um sich den Berufspendelverkehr auch bei steigenden Spritpreisen weiter leisten zu können.
 

Leserkommentare
    • kerle51
    • 10. November 2010 9:17 Uhr

    1.) ich werde mein Fahrzeug nicht aufgeben, da ich die Sicherheit benötige, jeden möglichen Arbeitsplatz erreichen zu können, auch wenn der mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar sein sollte.
    2.) ob ich gegenwärtig mein Kfz benutze oder ein öffentliches Verkehrsmittel, hängt nicht zuletzt von den Kostenfaktoren ab: da ich immer KFZ-Steuer zahlen muß, ob ich fahre oder nicht, wähle ich oft das Auto und nicht den ÖPN oder die Bahn. Mit mehreren Personen ist es sowieso meist zu teuer, mit Öffis zu fahren.
    3.) meine Familie und ich hätten sicher 2 Autos, ein winziges nur für die Fahrt zur Arbeit und eines für den ganzen Rest, wenn es denn machbar wäre. Aber es gibt ja keine winzigen Autos, die wenig Energie verbrauchen und auch noch bezahlbar sind, so daß man sie sich "nebenbei" leisten kann.
    4.)Wenn es in Gebieten mit verdichteter Bebauung "schön" wäre und man es verantworten könnte, dort seine Kinder großzuziehen, täten das sicher viele Mitmenschen. Das ist aber selten der Fall, stattdessen ist es oft laut, dreckig und sozial fragwürdig, und da wählt man doch lieber den Ausweg, in die Perpherie zu ziehen, bis die Kinder groß genug sind, um die Auswüchse der Stadt genügend relativieren und mit ihnen umgehen zu können.

  1. ...sind nur dann eine Alternative für Pendler, wenn mit ihrer Benutzung ein echter Zeitgewinn einhergeht.

    Das ist aber selten der Fall, da man nicht in jede Einfamilienhaussiedlung eine S-bahn-Station bauen kann.
    Und wenn die Rechnung dann beispielsweise so aussieht: 10 Minuten Fußweg zum Bus, 20 Minuten Busfahrt, Umsteigen in die Bahn (30 Minuten), dann in der Großstadt Umsteigen in die Straßenbahn (10 Minuten) plus Reserven und Wartezeit auf Anschlüsse sowie die allfälligen Verspätungen), dann fährt man lieber trotz hoher Spritpreise Auto.

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    • guiri
    • 15. November 2010 20:59 Uhr

    Wenn das der tägliche Arbeitsweg ist dann hat man mit seinem Wohnort was falsch gemacht. Nicht für ungut, aber in so eine isolierte (Wohn-)Lage kann man sich nur selbst manövrieren.

    • Cob
    • 10. November 2010 10:22 Uhr

    Ich glaube, die Tatsache, dass junge Leute weniger stark an das Auto gebunden sind als ihre Eltern, ist zum großen Teil ein Erfolg der Semestertickets. Man erreicht mit ihnen Führerscheinneulinge, die vielleicht ohnehin noch unsicher sind und keine Lust auf die Parkplatzsuche in der neuen Uni-Stadt haben. Nach 5 Jahren haben die Studenten dann kapiert, wie praktisch es ist, einfach in den Bus oder die S-Bahn zu steigen, und halten an dem Verhalten fest. Zumindest kann ich das für mich und einen Großteil meiner Freunde aus Unitagen bestätigen.

    Der nächste Einschnitt kommt dann mit dem ersten Kind, wenn ein Familienauto vielleicht doch praktisch wäre. Allerdings scheint das den meisten Bekannten auch so zu gelingen, ein Kinderwagen lässt sich schließlich auch in den Bus bugsieren.

  2. Wie das damals war?

    Fahren Sie nach Berlin-SIEMENSSTADT und Sie werden sehen, wie der Kapitalist dort für seine Arbeiter und Angestellten gesorgt hat.
    In Neu-Hohenschönhausen gibt es die NILES-Siedlung - etwas kleiner, aber trotzdem sehenswert.
    Damals hat man eben anders gedacht:
    Der Lohn wurde gleich wieder vom Unternehmen, wenn auch nur zum Teil, wieder über die Mieten einkassiert, die Arbeiter waren zufrieden und schneller in der Firma, weil sie eben nur kurze Wege hatten - ausgeruhter war man auch und es war auch mehr Zeit für die Familie vorhanden.
    Später hat man das im Osten ähnlich erfolgreich gestaltet, indem man in unmittelbarer Nähe der Wohnorte die Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen platzierte und die Kinder nicht stundenlang durch die Gegend gefahren werden mussten.
    Im Osten gab es wenigstens preiswerte Schülermonatskarten und Arbeiterrückfahrkarten.
    Der ÖPNV war zwar nicht so "luxuriös", aber dafür fuhren die Züge öfters und im Großen und Ganzen wesentlich pünktlicher als heute.
    In meiner alten Heimat konnte man regelmäßig für ein paar Pfennige von A nach B fahren - heute ist am Wochenende Stillstand, dafür sind die Preise gepfeffert und die Linien ausgedünnt.
    Selbst mit dem Kinderwagen waren wir im Osten mobiler unterwegs als heute, denn die Leute haben beim Einsteigen auch mal zugepackt und nicht weg gesehen oder dumme Bemerkungen abgeliefert, wie so mancher "Macho-Türke" es in Kreuzberg oder Neukölln heute tut.

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    ... Ihre (N)Ostalgie in allen Ehren, aber Fakt ist: Die DDR ging pleite und zwar wegen völlig unwirtschaftlichen Sozialleistungen wie eben auch extrem günstige ÖPNV-Tickets.

    Wenn Sie schon ein Loblied auf den ÖPNV singen wollen und es Ihnen in Wirklichkeit nicht nur um ein wenig Geschichtsklitterung bezüglich de DDR geht, dann schauen Sie auf den ÖPNV in Japan und in der Schweiz.

    Und siehe da: Dieser hat auch seinen Preis

    • Lada4x4
    • 10. November 2010 10:56 Uhr

    Wer zum Beispiel in der Fränkischen Schweiz wohnt wird mir hier Recht geben. Eine funktionierende Infrastruktur existiert hier nicht. Es gibt kaum kulturelle Angebote, die Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste sind teilweise auf dem Stand der 70er Jahre und von öffentlichen Nahverkehr kann man hier nicht sprechen. Wer hier wohnt ist gezwungen, ein eigenes Fahrzeug zu besitzen. Wie soll man nach Forchheim, Bamberg, Bayreuth oder Erlangen kommen, wenn es keinerlei Buslinien gibt. Die wenigen, vorhandenen Busverbindungen decken nur kurze Strecken ab und nützen dem Arbeitnehmer überhaupt nichts. Eine Eisenbahnlinie existiert, allerdings nur saisonal eingeschränkt und nur auf einer unbedeutenden Strecke. Hier fahren Touristen mit, für Einheimische ist sie sinnlos. Als ich Anfang 2002 aus dem Osten hier her kam, konnte ich mir eigentlich gar nicht vorstellen, dass es solche abgelegenen Ortschaften in Deutschland überhaupt noch gibt. Es existieren von Seiten der Politik einfach keinerlei sinnvolle Verkehrskonzepte für den Nahverkehr. Das Auto ist und bleibt das einzige Verkehrsmittel um seinen mindestens 25 Kilometer entfernten Arbeitsplatz zu erreichen, denn Arbeit gibt es in der Fränkischen Schweiz kaum. Ich frage mich, wenn wachen die Damen- und Herren Kommunal-Politiker eigentlich in Deutschland einmal auf? Rückständiger geht es in einer Industrie-Gesellschaft nämlich nicht mehr.

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    mit der "funktionierende Infrastruktur".

    Das fängt mit der Linienbusversorgung an (Öffentlicher Nahverkehr) geht weiter mit der Bahnver- und anbindung und hört mit der Internetversogung auf.

    Dabei fällt vor allem das "Unternehmertum" negativ auf. Von sich aus macht da keiner was, ausser es fließen Subventionen auch Steuergelder genannt an diese und man gewährt ihnen dann noch am besten eine Monopolstellung.

    Sei es nun eine Gräfenbergbahn, Busverbindungen für die Dörfer (Nicht nur Schulbusverbindungen) oder eine flächendeckende DSL Versorgung.

    Schlussendlich sind solche Gebiete ganz brutal das deutsche Outback zu nennen, in dem man ohne KFZ aufgeschmissen ist und das förmlich nach Infrastrukturpacketen schreit.

    (Und nein, Radfahren ist in der Fränkischen Schweiz keine so tolle Option.)

  3. Ich fahre die 4km zur Arbeit immer mit dem Fahrrad. Da bin ich im Berufsverkehr mind. genauso schnell wie ich mit dem Auto wäre. Leider ist die Fahrradinfrastuktur in meiner Stadt absolut mangelhaft. Wenn hier mehr getan würde, könnte man mit Sicherheit noch mehr Leute auf das Rad bewegen, v.a. wenn man bedenkt, wie populär Pedelec (E-Bikes) sind und werden. Damit sind nämlich dann auch die kleinen Berge kein Problem mehr.

    Für Regen (so wie heute) gibt es Regenklamotten, im Winter Spikereifen. Die 30min frische Luft und Bewegung jeden Tag tun sehr gut.

    Bekannte von mir fahren sogar Strecken von 10-15km (einfach) jeden Tag zur Arbeit, z.T. mit drei Bergen auf der Strecke. Am Anfang war es schwer, aber der Körper gewöhnt sich erstaunlich schnell an die Belastung. Vor allem nach einem stressigen Arbeitstag gibt es nicht schöneres als mit dem Rad wieder nach Hause zu fahren. Aber, wie gesagt, die Infrastruktur muss stimmen. Wenn ich nur zwischen stinkenden Autos rumgurken muss, macht es natürlich überhaupt keinen Spaß und ist wahrscheinlich auch nicht gesund.

    Das Fahrrad muss m.E. bei städtebaulichen Planungen viel mehr berücksichtigt werden. Kein Fortbewegungsmittel ist so effizient (platzsparend). Mit dem E-Bike Boom wird die Nachfrage nach guter Infrastruktur deutlich größer werden.

  4. ... Ihre (N)Ostalgie in allen Ehren, aber Fakt ist: Die DDR ging pleite und zwar wegen völlig unwirtschaftlichen Sozialleistungen wie eben auch extrem günstige ÖPNV-Tickets.

    Wenn Sie schon ein Loblied auf den ÖPNV singen wollen und es Ihnen in Wirklichkeit nicht nur um ein wenig Geschichtsklitterung bezüglich de DDR geht, dann schauen Sie auf den ÖPNV in Japan und in der Schweiz.

    Und siehe da: Dieser hat auch seinen Preis

  5. Lieber Gribraltar,
    guter ÖPNV muss nicht wirtschaftlich sein, er ist eine lohnende Investition in unsere Lebensqualität!

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    ... verschonen Sie mich mit derlei Plattitüden!

    Die Wirtschaftlichkeit des ÖPNV ist eine wesentliche Größe für dessen Umfang, Service und Nützlichkeit. Das sollten selbst Sie ohne langes Nachdenken zugeben müssen.

    Ohne das ganz große Rand vom Thema Staatsbankrott der DDR zu drehen ist es nämlich auch im kleinen, auf kommunaler Ebene völlig klar, daß Geld nie im Überfluß vorhanden ist. Ist dann ein ÖPNV unwirtschaftlich, wird er fast immer mit öffentlichen Mitteln gestützt... und die fehlen anderswo z.B. beim Ausbau der Kinderkrippen.

    Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin durchaus ein Fan des ÖPNV, aber keineswegs ein idealistischer... siehe auch den bemerkenswerten Kommentar #9 von dentix07.

    Und mit (N)Ostalgie, was, wie und wo es in der DDR besser war kommt man ohne die Betrachtung der damaligen oft hochgradig unwirtschaftlichen und unverhältnismäßigen sozialen Wohltaten die letztlich zum Staatsbankrott geführt haben bei mir nicht weiter.

    Das es auch wirtschaftlich geht, zeigen die von mir genannten Beispiele Japan und Schweiz auf. Diese ÖPNV sind allerdings keineswegs günstig und die Situation ist auch nicht 100%ig auf Deutschland übertragbar.

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