ZEIT ONLINE: Die Suburbanisierung, also die Abwanderung städtischer Bevölkerung ins Umland, wäre ohne einen starken motorisierten Individualverkehr und den Ausbau des Verkehrswegenetzes nicht möglich gewesen – mit allen negativen Folgen. Herr Professor Hesse, lässt sich dieser Prozess umkehren?

Markus Hesse: Diese Entwicklung wird sich in absehbarer Zeit nicht umkehren. Es gibt zwar Regionen, in denen sich Wohnungsleerstand häuft, beispielsweise in Ostdeutschland. Aber zu den meisten Großstadtregionen zumindest in Westdeutschland werden suburbane Siedlungsräume auch weiterhin gehören. Wir haben etwa im Raum Köln beobachtet, dass diejenigen, die dort aufgewachsen sind und jetzt Familie haben, dann in die Häuser ihrer Eltern ziehen und somit dem Standort treu bleiben.

ZEIT ONLINE: Das heißt, es gibt kaum Anzeichen, dass die Bereiche Wohnen und Arbeiten – die im Zuge der Stadtflucht räumlich stärker getrennt wurden – wieder näher zusammenwachsen?

Hesse: Eine Zeitlang hat man geglaubt, dass die Arbeitsplätze den Leuten in die Suburbs hinterher ziehen würden. Doch das wurde zumindest in Deutschland selten festgestellt. Aber auch eine Rückkehr in die Städte ist in der Breite wenig wahrscheinlich. Großstädte wie München, Hamburg oder Stuttgart haben zwar eine hohe innerstädtische Arbeitsplatzdichte, aber extrem schwierige Wohnungsmärkte – dort können Bezieher von mittleren Einkommen gar nicht direkt neben ihrer Stelle wohnen. Dieser Luxus wird sich auf kleine Gruppen beschränken, etwa "kreative Wissensarbeiter" mit hohen Einkommen und einer Präferenz für innerstädtische Standorte.

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Für alle, die weiterhin vom Wohnort zur Arbeit pendeln müssen, verschärft sich das Problem mit den steigenden Energiepreisen.

Hesse: Sicherlich werden manche versuchen, dann näher an den Arbeitsplatz zu ziehen. Aber die Transportkosten sind nicht das ausschlaggebende Kriterium bei der Wahl des Wohnorts. Man glaubte lang, dass die Leute ihr Verhalten ändern würden, wenn der Benzinpreis substanziell steigt. Stattdessen kompensieren Viele die höheren Kosten anderweitig: Sie fahren das alte Auto länger, kaufen sich ein etwas billigeres oder sparen an anderen Dingen, um sich den Berufspendelverkehr auch bei steigenden Spritpreisen weiter leisten zu können.