ZEIT ONLINE: Herr Grießhammer, einer neuen Umfrage zufolge können sich viele Menschen vorstellen, ein Elektroauto zu kaufen – es darf aber maximal 1000 Euro mehr als ein herkömmliches Auto kosten, soll eine ähnliche Reichweite haben und sich schnell und bequem aufladen lassen. Ist diese Einstellung nicht utopisch?

Rainer Grießhammer: Der Preisunterschied zu konventionellen Autos wird noch auf viele Jahre bis zu 10.000 Euro betragen. Will man dann wirklich ökologisch fahren, sollte man auch echten Ökostrom dazu beziehen. Das kostet noch einmal rund 200 Euro pro Jahr mehr. Diese sehr hohen Mehrkosten wird auf absehbare Zeit nur ein kleiner Teil der Käufer auf sich nehmen. In der Breite wird das Elektroauto wahrscheinlich erst in 15 bis 20 Jahren erschwinglich sein.

ZEIT ONLINE: Ist umweltgerecht fahren also nur etwas für Leute mit dickem Geldbeutel?

Grießhammer: Wirklich ökologisch fahren Sie, wenn Sie – wann immer es nur geht – öffentliche Verkehrsmittel nutzen oder aufs Fahrrad steigen. Aus ökologischer Sicht hat das Elektroauto keinen Vorteil, wenn man es mit dem heutigen Strommix "betankt". Die Hersteller bewerben ihre Elektroautos mit der Aussage "Null CO2", aber das ist derzeit eine Falschaussage. Es wird noch relativ lange dauern, bis der Strom in Deutschland so hergestellt wird, dass das Autofahren damit wirklich hundertprozentig ökologisch ist. Solange ist es besser, auf konventionelle Niedrigverbrauchsautos zu setzen. Schon heute kann man mit ihnen im Vergleich zum Durchschnitt der gekauften Autos 30 bis 40 Prozent einsparen.

ZEIT ONLINE: Die Autoindustrie macht in diesem Bereich schon viel: Sie baut kleinere Motoren und setzt auf leichtere Materialien. Sollten die Hersteller diesen Pfad noch konsequenter gehen statt auf den Hype ums Elektroauto zu setzen?

Grießhammer: Das gilt allerdings nicht für die Masse der verkauften Autos. Es muss drei parallele Entwicklungen geben: Man muss weiter die konventionellen Autos optimieren, die Elektroautos weiterentwickeln und es muss mehr Verkehr verlagert und vermieden werden.

Was die Autoindustrie betrifft: Der Großteil der erhältlichen Modelle ist zu schwer und übermotorisiert. 1960 lag die Durchschnittsleistung eines Autos bei 34 PS, heute bei über 100 PS. Der Golf V wog 1,4 Tonnen und somit fast doppelt so viel wie der erste Golf. Mehr als 30 Prozent der neu zugelassenen Autos haben eine Spitzengeschwindigkeit von über 200 km/h, die man heute auf den meisten Strecken gar nicht mehr ausfahren kann. Solche Autos braucht man nicht. Viele Autofahrer könnten schon dadurch bares Geld sparen, dass sie beim Autokauf einfach eine Größenklasse kleiner wählen.

ZEIT ONLINE: Wird sich der motorisierte Individualverkehr also nur insofern verändern, als der Verbrennungsmotor durch einen Elektromotor ersetzt wird – und mehr ändert sich nicht?

Grießhammer: Nein, ganz gewiss nicht. Es wird eine starke Verschiebung zu leichten Fahrzeugen geben. Unter Elektromobilität fällt ja nicht nur das Elektroauto. Schon jetzt herrscht eine immens steigende Nachfrage nach Elektrofahrrädern. In China beispielsweise fahren sehr viele auf Elektromopeds, und es gibt erste Elektromotorräder. Zwei Drittel aller heutigen Autofahrten sind Strecken unter zehn Kilometer, ein Viertel sogar unter zwei Kilometer. Für solche Fahrten sind leichte Elektrofahrzeuge ideal.