An der deutschen Nordseeküste weht eine steife Brise, Hunderte Windkrafträder produzieren Strom – der jetzt leider kaum Abnehmer findet. Denn es ist Nacht in Deutschland. Zu anderen Tageszeiten, wenn deutlich mehr Strom benötigt wird, herrscht dagegen womöglich Windstille. Diese Schwankungen der Strommengen aus Wind- oder Sonnenenergie beeinträchtigen die Netzstabilität und stellen die Betreiber der Netze vor erhebliche technische Herausforderungen.

Doch die Energiewirtschaft hat hierfür schon einen Lösungsvorschlag parat: In nicht allzu ferner Zukunft könnten sich Hunderttausende parkende Elektrofahrzeuge als Zwischenspeicher für die überschüssige Energie andienen. Später könnte die im Akku des E-Autos vorgehaltene Energie entweder zum Fahren genutzt werden oder aber zurück ins Stromnetz zurückfließen. Vehicle to grid (Fahrzeug zum Stromnetz), kurz V2G genannt, heißt diese Technologie, die derzeit noch ganz am Anfang steht, aber in Pilotprojekten bereits getestet wird.

Die Idee stammt aus den USA: Wissenschaftler der Universität Delaware entdeckten das netzergänzende Potenzial von Batteriefahrzeugen bereits in den 1990er Jahren, als mit ersten Prototypen das Zeitalter der Stromautos schon mal aufdämmerte. Öffentlich geförderte Forschungsprojekte und jahrelange Tests bestärkten die Wissenschaftler in der Annahme, dass die Akkus der Stromer durchaus zuverlässige Energieträger sind.

Im Lauf der Zeit konnten sie auch zahlreiche Experten aus der Energiewirtschaft von ihrem V2G-Konzept überzeugen. Besitzer von Elektrofahrzeugen sollen finanziell davon profitieren, dass sie ihre Autos als Energiespeicher zur Verfügung stellen, überlegten die Pioniere in Delaware. Obwohl Elektroautos auch in den USA noch wenig verfüg- und sichtbar sind, hat die Regierung des US-Bundesstaates im vergangenen Jahr schon mal den Anspruch auf eine Vergütung, die sich an den Tarifen der Energieversorger orientiert, gesetzlich festgeschrieben.

Auch in Deutschland hat V2G inzwischen etliche Befürworter, an vorderster Front den Bundesverband Windenergie (BWE). Windenergie und Elektromobilität könnten sich hervorragend ergänzen, meint der BWE. Denn selbst wenn sich das Angebot an Windenergie für die folgenden Stunden und Tage immer präziser vorhersagt lasse, steige mit wachsender Turbinenkapazität auch der Bedarf an Regelleistung. Um kurzfristige Abweichungen von der Prognose auszugleichen, setzen die Erzeuger von Strom aus Windkraft heute Pumpspeicherwasserkraftwerke und Gasturbinen ein. Eine ausreichend große Flotte von Elektroautos könnte aber zu einem großen Speicher werden und so einen "wesentlichen Beitrag zur Integration steigender Mengen von Windenergie in das Versorgungssystem liefern", argumentiert der Windenergieverband.

Auch der alternative Energieversorger Lichtblick steht dem V2G-Konzept aufgeschlossen gegenüber. Das Potenzial der automobilen Speicher sei interessant, heißt es. Derzeit treibt das Unternehmen die Installation von kleinen Blockheizkraftwerken in den Kellern der Kunden voran. Nach dem "Schwarmstromkonzept" können die kleinen Kraftwerke zusammengeschaltet werden – sie bilden dann eine Art virtuelles Großkraftwerk, das Stromschwankungen ausgleicht, etwa wenn der Bedarf hoch ist, aber kaum Wind weht. In Zukunft ließe sich das Konzept auch auf Elektroautos übertragen – ganz grob zumindest, denn Strom stellen die Fahrzeuge selbst nicht her.