Sie sind die Könige der Landstraße, tragen karierte Holzfällerhemden und Vollbart: Klischees über Lastwagen-Fahrer gibt es so viele wie Truck-Stop-Kassetten in Lkw-Führerhäusern. Auch Nadine Helget kennt die Macken der Brummifahrer – und sie spürt sie selbst regelmäßig. Nicht nur, weil sie für eine Spedition in Reichenbach im sächsischen Vogtland arbeitet und selbst hinter dem Steuer von Vierzigtonnern unterwegs ist. Sondern vor allem, weil sie die Lkw-Fahrer in spe ausbildet in der der Spedition angeschlossenen Lkw-Fahrschule.

Mit gerade einmal 25 Jahren ist sie derzeit Deutschlands jüngste Lkw-Fahrlehrerin. Und da trifft sie selbst auf allerlei Klischees. "Von neuen Fahrschülern werde ich oft erst einmal von oben bis unten gemustert. Viele der Herren spielen sich dann mir gegenüber auf und wollen beweisen, dass ihnen nichts, vor allem nicht von einer Frau, mehr beigebracht werden muss und sie eigentlich schon alles können", sagt die junge Sächsin.

Doch sie weiß, wie sie sich schnell Respekt verschaffen kann: mit der Königsdisziplin des Lkw-Fahrens, rückwärts in eine enge Straße zu fahren. "Viele Männer denken: Die kann ja nix. Aber wenn ich ihnen dann vormache, wie man gut Lkw fährt, dann sehen sie: Hey, die kann ja doch was. Das ist schon irgendwie eine Befriedigung", sagt Helget. Mit jungen Fahrschülern hat es die Fahrlehrerin oft leichter. Schwieriger seien die etwas älteren Herren um die 40, die beispielsweise im Rahmen einer Umschulung als Fahrschüler zu ihr kommen.

Für schwierige Fälle hat Helget aber das nötige Mittel parat: Sie bringt die Schüler einfach in die Klemme – im wahrsten Sinne des Wortes. "Wenn einer der Herren meint, er müsste sich wer weiß wie aufspielen, dann bin ich erst einmal ruhig und lass den Schüler in eine enge Straße hineinfahren. Meistens muss ich den Lkw dann wieder herausmanövrieren, weil der Fahrschüler dazu nicht in der Lage ist. Erst dann wird die große Klappe ganz klein, und auch diese Männer respektieren mich", erzählt die Fahrlehrerin und lacht.

Die Begeisterung für Kraftfahrzeuge aller Art liegt Helget schon von klein auf im Blut. Bereits als Kind spielte sie lieber mit Spielzeugautos anstatt mit Puppen. Pünktlich mit 18 Jahren machte sie ihren Pkw-Führerschein. Als ihr der nicht mehr genügte, kam der Motorrad-Führerschein dazu. Doch auch der reichte ihr schnell nicht mehr – größer und schwerer sollte es werden, der Lkw-Führerschein musste her. Der Reiz liegt für sie in der Größe des Lastwagens und der damit verbundenen Schwierigkeit des Führens. "Das ist aufregender, als mit dem Pkw herum zu fahren. Pkw-Fahren ist fast schon langweilig", sagt die Brummilehrerin.

Aus ihrer Leidenschaft wuchs schnell der Wunsch, anderen die Kunst des Lkw-Fahrens beizubringen. Da man als Fahrlehrerin allerdings erst mit 22 Jahren anfangen kann, schob sie eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten dazwischen. Natürlich nicht, ohne ihre Leidenschaft zu vernachlässigen. Denn als Schwerpunkt wählte sie das Straßenverkehrsrecht. Dennoch ließ der Traumberuf sie nie los, und so tauschte sie schließlich ihren Bürostuhl wieder mit dem Fahrersitz und legte zunächst die Prüfung zur Pkw-Fahrlehrerin ab.