Straßenverkehr"Autos sind immer noch zu laut"

Verkehrslärm führt zu Milliardenschäden. Experte Jäcker-Cüppers erklärt im Interview, wie sehr der Lärmpegel sinken müsste und warum Elektroautos wenig bringen werden. von 

ZEIT ONLINE: Herr Jäcker-Cüppers, wie erfolgreich ist die Politik bisher bei der Bekämpfung des Straßenverkehrslärms?

Michael Jäcker-Cüppers: In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Lärm kaum vermindert. Das hat zwei Ursachen: Die Verkehrsmengen sind gewachsen, und Geräuschvorschriften für Kraftfahrzeuge haben nur wenig bewirkt. Autos sind immer noch zu laut. Es gibt seit Anfang der 1970er Jahre Grenzwerte auf europäischer Ebene, die zuletzt 1995 verschärft wurden. Das hat die Lärmemissionen aber nur geringfügig verringert, unter anderem weil sich die Geräuschvorschriften auf untypische Extremsituationen beziehen. Hinzu kommt, dass die Rollgeräusche durch den Trend zu breiteren, härteren Reifen eher zugenommen haben.

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Michael Jäcker-Cüppers
Michael Jäcker-Cüppers

ist Diplom-Ingenieur. Er war Leiter des Fachgebiets "Lärmminderung im Verkehr" im Umweltbundesamt (UBA). Heute berät er das UBA und das Bundesumweltministerium und ist Lehrbeauftragter an der TU Berlin für den Bereich "Städtebaulicher Lärmschutz".

ZEIT ONLINE: Die Politik nimmt Verkehrslärm also durchaus als Umweltverschmutzung wahr, hat aber bislang keine wirksamen Maßnahmen gefunden?

Jäcker-Cüppers: In Wohngebieten ist die Belastung durch die Einführung von Tempo 30 schon zurückgegangen. Das Hauptproblem liegt aber woanders, nämlich an den Hauptverkehrsstraßen. Dort wohnen 70 Prozent der Bevölkerung, die einem hohen und gesundheitsgefährdenden Lärmpegel ausgesetzt sind. Aber gerade dort wurde bisher relativ wenig gemacht. In Berlin gibt es jetzt die Strategie, nachts an Hauptverkehrsstraßen Tempo 30 festzusetzen. Das ist sicherlich eine wirksame Maßnahme, aber noch viel zu wenig.

ZEIT ONLINE: Wie stark müsste der Lärm an stark frequentierten Hauptstraßen gesenkt werden? 

Jäcker-Cüppers: Heute sind viele Menschen an Hauptverkehrsstraßen tagsüber Belastungen von 75 Dezibel (dB)  und mehr ausgesetzt. Optimalerweise müssten es 25 dB weniger sein, aber das ist illusorisch. Wir wären schon zufrieden, wenn niemand tagsüber Pegeln über 65 dB ausgesetzt ist. Das ist die Schwelle, ab der das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Herzinfarkte deutlich steigt. Um diese Senkung allein über eine Verringerung der Verkehrsmenge zu erreichen, müsste der Verkehr auf ein Zehntel des heutigen Umfangs reduziert werden.

ZEIT ONLINE: Um sich die Zahl besser vorstellen zu können: Was entspricht 65 dB?

Jäcker-Cüppers: Das ist ein Pegel, der in etwa einer relativ lauten Konversation in einem Raum entspricht. In einer Kneipe wird das schnell erreicht. Aber schon bei 55 dB liegt etwa die Schwelle, ab der erhebliche Störungen einsetzen.

ZEIT ONLINE: Die Kfz-Geräuschgrenzwerte wurden in der EU seit 15 Jahren nicht mehr verändert. Müsste die Politik dieses Thema wieder anfassen?

Jäcker-Cüppers: Im Rahmen der derzeitigen Revision von Messverfahren will man auch die Grenzwerte senken – zumindest sagt das die Bundesregierung. Ob sie sich in der europäischen Diskussion durchsetzen kann, wird sich zeigen. Der Autoindustrie wäre es natürlich am liebsten, die Grenzwerte auf dem jetzigen Stand zu belassen. Entscheidender ist aber, an das Rollgeräusch heranzugehen, denn es ist bei Pkw schon ab 30 km/h das dominierende Geräusch, nicht der Motor. Zudem muss man die Straßendecken optimieren. Es gibt neue, absorbierend wirkende Asphalte, die sehr gute Minderungspotenziale haben, aber teurer sind als herkömmliche Beläge. Doch auf Hauptverkehrsstraßen in Städten ist das die einzig wirksame Infrastruktur-Maßnahme – wir können dort ja keine Lärmschutzwände bauen.

Leserkommentare
    • DerM
    • 03. März 2011 8:25 Uhr

    Leute, die sich Wissenschaftler nennen, kommen oft auf die genialsten Ideen, doch auch manchmal auf die dämlichsten. Es tut mir leid, aber gerade nachts, wo man auch mal 60-70 auf einer großen Hauptstarße in einer Stadt im 4. oder gar 5. Gang größere Strecken ohne Stop an Go SPRITSPAREND und ZÜGIG fahren kann, soll man mit 30 km/h im 2. Gang rumeiern? Das halte ich nun wirklich für einen Witz, auch wenn es theoretisch auch gute Auswirkungen hätte. Vielleicht sollte man eher Verbieten 2 Tonnen-Panzer mit zig Stahlausbauten und LKW-Reifen mit 300 PS verbieten... Das würde auch viel nützen, nicht nur im Sinne der Anwohner in Bezug auf den Lräm, sondern auch auf Feinstaub, CO2, Nitrose Gase etc. sondern auch im Hinblick auf die CO2-Belastung für die Umwelt...

    2 Leserempfehlungen
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    Was für einen Wagen fahren Sie?

    Halten Sie sich an die Faustregel 30 im 3., 40 im 4. und 50 im 5., dann sparen Sie Sprit.

    Und den 6. kann man bei 70 einlegen, auch wenn die meisten meinen, dieser wäre erst bei 120 dran.

    Ich fahre übrigens keinen Sportwagen, sondern einen Pampers-Bomber mit gerade mal 100 PS.

  1. Könnte es nicht sein, daß der Streßfaktor gleichmäßigen Lärms geringer ist als der periodischen Lärms?
    Ich erinnere mich einer Zeit, als ich an einer Straße mit Straßenbahnverkehr hauste. An das Brummen/Rauschen der Autos gewöhnte ich mich - aber jede Viertelstunde das Dröhnen der Straßenbahn (besonders ab ungefähr halb 5 Uhr morgens) war nervig.

    Wenn meine Beobachtung allgemeingültig wäre, gälte es vor allem die Lärmspitzen zu kappen: Das beträfe zu allererst Mofas und Motorräder, weiters alle "sportlich" angefahrenen Kraftfahrzeuge und eben Straßen- und Eisenbahnen.

    Auch spräche das gegen Ampelbetrieb in der Nacht, der unnötiges Anhalten und Anfahren erzwingt.

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  2. Nachdem das CO2 mich killen will, Fein(Todesstaub) hinter mir her ist (grüne Umweltzone), mein T- Bone Steak mich und die Umwelt bedroht, geben mir nun Autos die mit einer grauenvollen Geschwindigkeit über 30 Kah Em Ha per Lärm den Rest!

    Also entweder ich ziehe jetzt zu Ajla und Jondolar in die Steinzeitliche Ödnis, wa nur der Höhlenlöwe brüllt, oder ich brause mal mit meinem kleinen silbernen Wägelchen "zur Schicht" um mich aktuell um Kraft- Wärme Kopplung zu Kümmern. Das ist zwar auch böse, weil fossile Energieträger eingesetzt werden, aber was solls mittelalterliche überteuerte Windmühlentechnologie kann ich nun mal nicht ab!

    3 Leserempfehlungen
  3. Lese immer nur STEUERERHÖHUNG !!!! Und das soll helfen? (haben Mineralölsteuerhöhungen jemals geholfen, den Verkehr zu reduzieren ?) [...] Damit wird kein einzige Dezibel weniger emittiert.
    Teil entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

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    Es geht bei den steuerlichen Massnahmen in erster Linie gar nicht mal darum, Lärm zu reduzieren, sondern darum, dass die Kosten, welcher die Verursacher von Verkehrslärm verursachen (z.B. Herzinfarkte, Wertverminderung von Liegenschaften), nicht mehr der Allgemeinheit (wer zahlt den bisher die Spitalkosten? Alle Bürger - ob sie nun Velo oder vorwiegend Auto fahren. Wer zahlt ihnen die Wertverminderung, wenn vor ihrer Hütte eine Verkehrsachse gebaut wird? Sie selbst) diese Kosten zahlen. Eigentlich ist dies auch in ihrem Interesse, schliesslich tragen sie als normaler Bürger viele dieser Kosten bisher, obwohl sie sie oft gar nicht verursachen.

  4. Was für einen Wagen fahren Sie?

    Halten Sie sich an die Faustregel 30 im 3., 40 im 4. und 50 im 5., dann sparen Sie Sprit.

    Und den 6. kann man bei 70 einlegen, auch wenn die meisten meinen, dieser wäre erst bei 120 dran.

    Ich fahre übrigens keinen Sportwagen, sondern einen Pampers-Bomber mit gerade mal 100 PS.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gerade nachts nur 30?"
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    • RGFG
    • 15. August 2012 20:12 Uhr

    die Faustregel funktioniert bei mir nur "mit Mehrwertsteuer" - unter 35 km/h sagt meine Schaltpunktanzeige, ich würde im niedrigeren Gang sparsamer fahren.

    Und wenn ich auf die Verbrauchsanzeige gucke, dann brauche ich bei gut 30 km/h im 3. Gang fast einen Liter mehr, als bei 60 km/h im vierten - und das bei fast gleichem Drehzahlniveau. Warum? Nun ja - für die gleiche Strecke würde man doppelt so lange den Motor laufen lassen müssen, auch wenn man bei 60 etwas mehr Sprit wegen des Luftwiderstands verbraucht.

    Netto schlägt aber die längere Fahrzeit bei Tempo 30 wohl mehr auf den Verbrauch durch, als der höhere Luftwiderstand bei Tempo 60 (...was sich bei höherem Tempo natürlich irgendwann umdreht).

    • CM
    • 03. März 2011 9:59 Uhr

    Der Autolärm hat also nicht abgenommen.

    Der Fluglärm hat allerdings drastisch zugenommen. Mittlerweile leben Millionen Deutsche unter den Lärmkegeln der Flughäfen. Proteste werden unterdrückt, Gesetze gegen den Fluglärm dank des Durchgriffs der Lobbyisten ganz nach Wunsch geändert.

    Warum fehlt dieses Thema im Artikel?

    Ich hoffe, weil die ZEIT einen eigenen Artikel zu diesem Thema vorbereitet.

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    • Krakz
    • 03. März 2011 10:17 Uhr

    abgesehen davon, dass Abgabenerhöhungen immer nur das Staatssäckel füllen sollen, ist das ein interessanter Aspekt. Schade nur, dass nicht geschätzt wird, wie viele Personen tatsächlich unter Lärm leiden.

    Will sagen: Ich habe selbst – vor Ewigkeiten - an einer Hauptverkehrsstraße gewohnt. Wenn man vor die Tür getreten ist, hat mich der Lärm wie ein Schlag getroffen. Hinter der Tür war er allerdings kaum wahrnehmbar. Im dritten Stock bei geschlossen Fenstern auch nicht, bei offenen "brummte" es leise. Zusammenfassung: Die Lage der Wohnung war schon übel, doch der Lärm, der auf dem Gehweg herrschte, drang eigentlich nicht zu mir durch.

    Inzwischen lebe und arbeite ich Hamburg und bin - außer ich bin auf der Straße - überhaupt nicht von Verkehrslärm belästigt. Außer gelegntlichem Fluglärm, der dringt leider überall durch

  5. 8. ~ 1384

    Natürlich nennt der Experte nichts Neues. Das wäre auch kaum möglich und so ist dies die eigentliche Nachricht in diesem Interview. Die schädliche Wirkung der Emissionen des Autoverkehrs sind schon lange bekannt und in eigentlich allen Fällen wurde etwas getan, um die Emissionsraten zu senken. Lärmschutzwände, Flüsterasphalt, Feinstaubfilter beispielsweise und sogar bei der primären Fahrzeugtechnik. Nur das eigentliche Verursacherproblem wurde ignoriert, nämlich der Verkehr an sich. So verpufften alle positiven Effekte der Gegenmaßnahmen durch eine beständige Ausweitung des Individual- und Lastenverkehrs. Das Muss zur Mobilität, ohnehin unkritisch quasi als Schicksal hingenommen, wird noch durch eine eigenartige, deutsche Mentalität unterstützt, die jede Reglementierung in diesem Bereich als Zumutung empfindet oder nach wie vor die Mär unterstützt, der Autofahrer wäre die Melkkuh der Nation. Die Lösung wäre relativ einfach und würde weitaus rascher Verbesserungen bringen: Eine bewusste Aufklärung der Menschen, was das Autofahren wirklich kostet, und dann eine akzeptierte Umlage auf diese Verursacher, so dass fast jeder einen Drang verspürt, nach Alternativen der privaten Mobilität und des steuerbegünstigten Frachtverkehrs zu suchen. Nur wie, wenn niemand zuhören will? Wenn jeder stets zuerst an die paar mehr Cents beim jetzigen Tanken und an der Theke denkt, nie an den individuellen und gesellschaftlichen Schaden in einigen Jahren?

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    weil sie wie ein Sieb funktionieren und nur die größeren der krebserregenden Dieselrußteilchen zurückhalten, während sie die viel zahlreicheren und für die Gesundheit viel gefährlicheren kleinen Rußpartikel im Nanometer-Größenbereich (Feinstpartikel) nahezu vollständig passieren lassen. Gerade Feinstaubfilter sind daher ein Musterbeispiel für (Dieselmotor-)lobbygesteuerten politischen Aktionismus mit Alibifunktion als Beruhigungspille fürs Volk.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Europäische Union | Bundesregierung | Bahn | Elektroauto | Lärm | Kfz-Steuer
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