NeuvorstellungTeure Spritztour mit Alfas Julchen

Zum 100. Geburtstag hat Alfa Romeo eine seiner Autolegenden neu belebt. Ob Giulietta mehr mitbringt als ihr hinreißendes Aussehen, hat Jürgen Wolff getestet. von Jürgen Wolff

Na also, sie können es doch noch bei Alfa Romeo: Autos bauen, die den "Will-haben"-Reflex schon beim ersten Anblick aktivieren. Autos, denen man kleine Macken gerne verzeiht, die ein umwerfendes Design zu Lasten des Nutzwertes fordert. Giulietta heißt das neue Modell, nach dem man sich umdreht. Schon der Name weckt bei den Alfa-Fans, Alfisti genannt, sofort Erinnerungen: Zum 100-jährigen Firmenjubiläum hat Alfa Romeo einem Autoklassiker neues Leben eingehaucht.

Das kleine Julchen hätte bei den italienischen Autobauern durchaus einen Ruf zu verspielen. Die erste Giulietta-Generation, die Alfa von 1954 bis 1964 baute, war der Einstieg des Unternehmens in die Großserienproduktion – der erste Alfa, der auch für breitere Bevölkerungskreise erschwinglich war und prompt ein großer Erfolg wurde. Den konnte die sehr viel eckiger und auf Mittelklasseformat gewachsene zweite Generation (1977 bis 1985) nicht mehr wiederholen. Im kollektiven Gedächtnis der Alfisti ist es folglich die erste Giulietta, die sich tief ins Sympathiezentrum eingebrannt hat.

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Die kleine Julia der aktuellen Baureihe ist nun wieder in der Kompaktklasse zu finden. Mit 4,35 Metern Länge liegt sie mitten zwischen VW Golf und Opel Astra. Das Design ist von retro erfreulich weit entfernt und zugleich weit weg vom Kompaktklasse-Einerlei auf den Straßen. Wie gehabt stört nichts die Symmetrie des Alfa-Grills, denn auch die Giulietta darf dank einer Ausnahmegenehmigung das Kennzeichen auf der linken Seite tragen. Giulietta hat Sexappeal: Die Karosserie ist wohlgerundet und für einen Viertürer erfreulich coupéhaft. Das Heck wird dominiert von den beiden Rückleuchten, die jeweils in Pfeilen zur Fahrzeugmitte hin auslaufen.

Innen bietet die Giulietta reichlich Platz – zumindest vorne und im Kofferraum, dessen Fassungsvermögen von 350 Litern dem Golf entspricht. Sitze und Lenkrad lassen sich verstellen, und auch größere Zeitgenossen sollten keine großen Probleme haben. Hinten geht es dagegen etwas enger zu, aber das ist in der Kompaktklasse eher die Regel. Platz finden auf der geteilt umklappbaren Rückbank zwei Personen, der Mittelsitz ist nur theoretisch nutzbar. Die Kniefreiheit ist nicht gerade berauschend, Erwachsene bekommen hinten wegen der abfallenden Dachlinie Probleme mit dem Kopf.

Um die coupéhafte Linie zu erhalten, sind auch die Türen für die Beifahrer hinten relativ klein ausgefallen. Der Einstieg erfordert dort ein wenig Akrobatik. Ohnehin sind die hinteren Türen schön, aber nicht unbedingt praktisch. Die Plastikgriffe zum Öffnen sind an der C-Säule in den Türrahmen integriert und machen nicht gerade einen stabilen Eindruck.

Etwas eng geht es auch bei den Pedalen zu. Die Abstände passen besser zu feinem italienischem Lederschuhwerk als zu einem Sportschuh. Die Instrumente im Bereich des Fahrers lassen sich durchweg gut einsehen und erreichen. Allerdings kommt man ohne Studium des Handbuches nicht aus: Vor allem Navigationssystem und Radio sind von einer intuitiven Bedienung weit weg. Über die Ästhetik zumindest lässt sich kaum streiten – bei diesem Auto passt alles zusammen, auch die Qualität. Material und Verarbeitung wirken wertig und sind meilenweit von der Flickschusterei früherer Jahre entfernt.

Unter dem Blechkleid steckt aktuelle Konzerntechnik von Fiat. Die neue Plattform kombiniert hochfeste Stähle, Magnesium und thermoplastische Kunststoffe und sorgt so für eine hohe Steifigkeit bei relativ geringem Gewicht. Dazu kommen überarbeitete Achsen mit Alu-Lenkern vorne und hinten. Der Giulietta hat das gut getan: Temperamentvoll und quirlig kann man mit ihr genauso unterwegs sein wie ruhig und gelassen. In Kurven folgt der Fronttriebler brav der Spur und macht kaum Anstalten je auszubrechen.

Die Antriebskraft macht sich in der Lenkung nur bei sehr forscher Fahrweise leicht bemerkbar, doch das lässt sich korrigieren, indem man die serienmäßige Fahrdynamik-Regelung "DNA" auf "D" für dynamisch stellt. Dann werden Lenkung, Gaspedal, Motorkennlinie und ESP auf sportlich getrimmt und der Druck im Bremssystem wird erhöht. Durch den Alltag lässt es sich aber bereits im Normal-Modus, in dem die Giulietta startet, völlig unangestrengt fahren. Das Fahrwerk ist auch ohne Dynamik-Modus sportlich straff, manchmal etwas ruppig. Wenn die Straßen aber nicht gerade mit Schlaglöchern übersät sind, fährt die Giulietta komfortabel.

Der 1,4-Liter-Benzinmotor bietet mit 125 kW (170 PS) und einem Drehmoment von 230 Nm viel Fahrspaß. Durch eine kurzzeitige Erhöhung des Ladedrucks lässt sich das Drehmoment auf 250 Nm pushen. Offiziell braucht die Giulietta weniger als acht Sekunden für den Spurt von 0 auf 100 Stundenkilometer und schafft eine Höchstgeschwindigkeit von 218 km/h. Beide Werte sind realistisch, wie der Test zeigt. Auf ebener Straße ist der Wagen nach etwas Anlauf noch ein paar km/h schneller.

Der Verbrauch des Benziners liegt offiziell bei 5,8 Litern Super je 100 km/h. Dass im Test die Marke eher bei knappen acht Litern pendelte, lag nicht nur an der zugegeben forschen Fahrweise oder daran, dass viele nicht gerade langsame Autobahnkilometer dabei waren. Schuld hatte sicher auch ein nicht eingelöstes Versprechen: Das Start-Stopp-System trat nicht ein einziges Mal in Aktion. Egal, ob kurz nach dem Kaltstart oder nach 200 Kilometern Autobahn – es gab nicht einen Ampelstopp, an dem sich der Motor einmal spritsparend Ruhe gönnte. Auch mehrmaliges Ein- und Ausschalten des entsprechenden Bedienknopfes half nicht weiter. Wenn Giulietta nicht will, dann will sie nicht.

Mit einem Basispreis von 22.400 Euro ist der Wagen sicher kein Schnäppchen mehr – aber auch nicht unmäßig teuer. Ein entsprechend motorisierter VW Golf oder Opel Astra liegt in einer ähnlichen Preisklasse. Das, was in dieser Fahrzeugklasse preiswerter zu haben ist, bietet allenfalls gute Hausmannskost. Und davon ist der Alfa weit entfernt. Schön, dich zu sehen – ciao bella, Giulietta.

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Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und konstruktiv. Danke. Die Redaktion/ew

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 2eco
    • 16. März 2011 12:47 Uhr

    Ein Auto für einsame Hausfrauen?

    Nicht wirklich! Das Auto ist eine tolle Abwechslung, zum grauen Einheitsbrei Design!

    Die Julia ist also für Leute mit Liebe zum Design. Für Leute, für die ein Auto mehr als ein Forstbewegungsmittel ist.

    Wie heißt es in der Werbung? "Ohne Herz wären wir nur Maschinen" ;)

    • 2eco
    • 16. März 2011 12:47 Uhr

    Ein Auto für einsame Hausfrauen?

    Nicht wirklich! Das Auto ist eine tolle Abwechslung, zum grauen Einheitsbrei Design!

    Die Julia ist also für Leute mit Liebe zum Design. Für Leute, für die ein Auto mehr als ein Forstbewegungsmittel ist.

    Wie heißt es in der Werbung? "Ohne Herz wären wir nur Maschinen" ;)

    Antwort auf "Eher was"
  2. ... so ein Ding an der Ampel hinter mir; als Motorradfahrer ohne abblendbare Speigel muss man da rechtzeitig wegschauen, denn die Tagfahr-LEDs sind so gemein platziert und so blendend hell, daß bei längerem Hinschauen die Netzhaut förmlich gegrillt wird. Wie sagt der Rheinländer: M'r kann et all övverdrieve ...

  3. 4. .....

    Und was ist jetzt so teuer an der Spritztour gewesen wie es in der Headline angekündigt wird?

  4. Genau! …was ist jetzt so teuer an der Spritztour gewesen wie es in der Headline angekündigt wird? Oder weil es aus Italien kommt…ect.

  5. ... hat sich vielleicht ein ZEIT-online-Redakteur ausgedacht, der seine Meinung über das verordnete Zukaufen der für die Qualität viel zu teuren Press-Inform-Zulieferungen auf subtile Weise bekannt machen wollte ;-)

    • veloce
    • 16. März 2011 16:18 Uhr

    Weshalb der Redakteur die Coupéform erfreulich findet, leuchtet mit nicht ein - nur weil es jetzt Mode ist? Drei Absätze weiter schreibt er dann auch weniger Erfreuliches
    darüber, was diese Coupéform so mit sich bringt. Na ja macht nichts, attraktiv ist das Auto schon, vor allem innen - wenngleich mir die zurückhaltend elegante und ausgewogene Form des 159 immer noch besser gefällt.

    • ewy
    • 16. März 2011 17:19 Uhr

    Das ist mal ein Auto-Testbericht, wie ich ihm mir wünsche ... mit Substanz und ausreichend Details zum Auto, aber dennoch subjektiven Eindrücken. Weiter so!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alfa Romeo | Fiat | Autoklassiker | Golf
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