AutodesignKampf der Konturen

Es ist mehr als eine Geschmacksfrage. Die richtige Wahl des Autodesigns ist für Premiumhersteller wie Audi, BMW und Mercedes eine Überlebensfrage. von Carsten Herz

Neben Qualität und Image ist für die Käufer zunehmend entscheidend, wie ein Auto aussieht. Erbittert streiten daher die Kreativen auch auf dem 81. Autosalon in Genf um die ideale Linienführung. "Richtig eingesetzt, wird Design zur Waffe, mit der sie die Konkurrenz bedrohen können", sagt Designexperte Paolo Tumminelli, Professor an der Köln International School of Design.

Wie kaum ein anderer Hersteller in Deutschland hat Audi mit Erfolg auf diese Waffe gesetzt. Die VW-Tochter hat sich mit starkem Design in die Beletage der Premiumhersteller katapultiert. In der Werbung wurde "Vorsprung durch Technik" announciert – in der Publikumsgunst aber schob sich Audi vor allem dank schnittiger Optik nach vorn. Im Zeitalter von Tempolimit und Klimadebatte verliert die PS-Zahl als Kaufargument. Das Design muss eine Stärke zeigen, die auf den Straßen gar nicht mehr zur Geltung kommt.

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Gut versteckt arbeiten sie, die jungen Designer der VW-Nobeltochter Audi. Sie tüfteln weit weg von der Konzernzentrale in Ingolstadt an der Zukunft der Automarke – verborgen in einem kleinen Hinterhof im Münchener Stadtteil Schwabing. Zwischen Vitra-Möbeln und Espressomaschine wurden hier bereits Design-Ideen für Audi, Seat und Lamborghini entwickelt - vom Konzeptauto bis zur Krawattennadel.

Die halbfertigen Modelle aus Lehm, die auf den Tischen der Designer stehen, sind mehr als Fingerübungen. Sie könnten die Zukunft der Marke sein. Es ist ein Wettbewerb der Kreativen mit Messer und Zeichenstift. Die Ergebnisse können für die Konzerne knallharte wirtschaftliche Folgen haben.

Nie zuvor war Autodesign so wichtig für die Hersteller. In Westeuropa, Japan oder Nordamerika ist es heute entscheidend, wie ein Auto aussieht – Produktqualität wird als selbstverständlich vorausgesetzt, gerade bei den Premiummarken.

Die früher weitgehend unbekannten Designer gelten heute als Stars, deren Namen man auch außerhalb der Branche kennt. "Es gibt keine wirklich schlechten Autos mehr", sagt Peter Bosch, Autoexperte der Unternehmensberatung Oliver Wyman. "Nur noch schöne oder weniger schöne. Design ist zu einem der wichtigsten Kaufgründe für oder gegen ein bestimmtes Auto geworden."

Es ist die alte Schneewittchen-Frage: "Wer ist die Schönste im Land?" Für viele Experten lautet die Antwort: Audi. Eine Experten-Jury einer Autozeitschrift hat jüngst das Design von zehn Fahrzeugen bewertet. Gewinner war der Audi Sportback A7. "Audi ist sicher das spektakulärste Beispiel dafür, wie ein hochqualitatives Design die Entwicklung einer Marke befördern kann", sagt Christoph Stürmer, Co-Autor des Auto-Buchs Premium Power . Doch inzwischen wirken viele Modelle wie geklont.

Es fehlten klare Klassenidentitäten, sagt Stefan Baumann von der Agentur Sturm und Drang. Neue Modelle werden bloß als weiterer Audi wahrgenommen. "Wir müssen daran arbeiten", so Audi-Konzern-Chefdesigner Wolfgang Egger, "die einzelnen Baureihen stärker zu unterscheiden."

Leserkommentare
  1. 1. Hm...?

    Die Autobauer stecken in einem doppelten Dilemma.

    http://www.zeit.de/2011/1...

  2. Liebe ZEIT-online-Redaktion, ...
    Holtzbricksche Synergiebemühungen in allen Ehren; aber dürfte es auch mal etwas mit Substanz sein? Nicht so ein PR-Substrat.
    Is' ja ned, dass mer red't, mer fragt ja bloß ...

    • hmber
    • 10. März 2011 12:11 Uhr

    Autodesign ein sehr heikles Thema. Unvergessen die alten Jeeps der Amerikaner, die in den 70igern des vorigen Jahrhunderts mit dem damals noch neuen Schild "Atomkraft nein Danke" herum fuhren. Unvergessen die Gurken. Aber um einmal ein ernstes Thema aufzuschlagen: Auffallend für mich ist, dass unsere Autos wieder mehr Chrom zeigen. Dieses Teufelszeug war in den 70igern des vorigen Jahrhunderts weitetsgehend verbannt worden. Jetzt schleicht sich dieses Metall wieder durch die Hintertür ein. Schön in einem Auto mit Chromteilen zu einer Umweltdemo zu fahren. Ist bestimmt sehr schick!

  3. kann dem zurzeit gängigen Auto - Design nicht viel abgewinnen, da doch immerzu der erzielbaren "Wirkung" der Vorzug gegenüber klaren Proportionsregeln gegeben wird.

    Einer gewissen vorhandenen Design - Qualität z. B. bei Audi stehen Dinge gegenüber, die einfach nicht stimmen: der erwähnte "dominante Kühlergrill" ist einfach seit Einführung überproportioniert groß und in seiner Form indifferent, insgesamt hässlich und erweckt zusammen mit den inzwischen üblichen "Schlitzaugen mit Tagfahrlicht" einen drohenden und gewalttätigen Ausdruck. Vielleicht gewollt...

    Daimler-Benz hat bei einigen Modellen ähnliche Proportionsprobleme mit dem ach so werbewirksamen Kühler... zu groß, passt nicht zum Auto.

    Der so gelobte A7 Sportback erscheint mir als schlechter Aufguss einer Linie, die in den 70iger Jahren mal versucht wurde - da konnten es einige aber besser.

    Bei BMW gibt es ein SUV - Modell, das mich deutlich an den VW 1600 "Fließheck" erinnert... vielleicht nicht ganz die gewünschte Assoziation (zugegeben, doppelt so groß, hilft aber auch nichts).

    Scheint aber insgesamt niemand wahrzunehmen, die Fahrzeuge werden gekauft, trotz Comic - Design.

    Interessant.

  4. Zitat
    "Der so gelobte A7 Sportback erscheint mir als schlechter Aufguss einer Linie, die in den 70iger Jahren mal versucht wurde - da konnten es einige aber besser."

    Korrekt, er sieht ein bißchen wie der Rover 3500 aus, nicht wahr?
    Ansonsten ist mir das Audi-design einfach zu langweilig, einfallslos und zu austauschbar.
    Da nützen auch serienmäßiger "böser Blick" oder aggressive Schlitzaugen Optik wenig.
    Ich habe meinen Führerschein damals in den 80ern auf einem Audi 80 gemacht - und seitdem hat sich designmäßig nicht viel geändert.

  5. ... von allzu willfährigen "Journalisten" eilfertig unterstützte übermäßige Aufbauschen der "Bedeutung" der äußereen Gestaltung ihrer Produkte dient der Autumobilindustrie vornehmlich nicht, Kundenbedürfnisse zu erfüllen (die versucht sie ja eben damit erst zu erzeugen ...), sondern immer horrendere Preise mit immer virtuelleren Werten zu rechtfertigen. Daß dabei der ursprüngliche Sinne des Designs, nämlich der Funktion zu dienen, immer mehr in den Hintergrund tritt, macht sich spätestens dann bemerkbar, wenn man in Karossen sitzt, die dank ihres "Designs" keinerlei Übersicht mehr bieten, deren Fenster zu winzigen Sehschlitzen geschrumpft sind, und deren inflationär angeschwollene Radschüsseln nurmehr einer Lage Isolierband als "Reifen" Platz bieten und damit jeglichen Fahrkomfort eliminieren. Bequem, zweckmäßig und nutzenorientiert geht anders.

    • 2eco
    • 10. März 2011 15:56 Uhr

    Was soll man vom Design der deutschen Autohersteller halten?

    VW und Audi bieten Einheitsbrei-Design bei dem es letztendlich egal ist welches Auto man kauft. Vom Audi A4 bis zum Audi A8 sehen sich alle Modelle zum verwechseln ähnlich - Identifikation ist nur auf den 2. Blick möglich.

    Bei VW erhält man bei allen Modellen die selbe Front, egal ob Polo oder Touareg.

    Oder man entscheidet sich für Designprotz alla Mercedes oder BMW.
    Diese sind im Wettstreit um das agressivste Design. Je mehr Sicken und Kanten, desto besser. Erinnert ein wenig an Stammkunden eines Schönheitschirougs.

  6. ...mich macht dieses Wirtschafts-Neusprech noch irgendwann krank: Warum muss Design eine "Waffe" sein, um die Konkrurrenz zu "bedrohen"?!

    Die Aussage ist schon klar, aber wenn sich die Marketingfritzen solch bellizistischer Wendungen bedienen, ist das einfach nur bitter und sagt viel über das Weltbild unserer BWLer aus...

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