Technik im Auto Auf dem Weg zum iCar

Der Genfer Autosalon zeigt: Viele Hersteller experimentieren mit digitaler Vernetzung im Auto – aus Angst, junge Zielgruppen zu verlieren. Doch sind die Apps sinnvoll?

VW präsentiert auf dem Genfer Autosalon die Studie eines neuen Bulli – mit dem Steckplatz für einen Tablet-PC

VW präsentiert auf dem Genfer Autosalon die Studie eines neuen Bulli – mit dem Steckplatz für einen Tablet-PC

"Sprich mich an, ich bin Single!" Was man vielleicht als Namensschild auf einer Single-Party erwarten würde, erscheint beim Rinspeed Bamboo auf der Fronthaube. Die Studie des elektrisch angetriebenen Strandbuggys kann Facebook-Nachrichten, Tweets und bunte Bildchen anzeigen.

Vor ein paar Jahren genügten den Autoherstellern noch Surfer und Skateboarder in der Werbung, um ihre Produkte jugendlich erscheinen zu lassen. Jetzt folgt der digitale Exhibitionismus – auf dem Genfer Autosalon herrscht eine regelrechte Smartphone-Invasion. Diverse Studien, vom neuen VW Bulli über den Mini Rocketman bis zum Tata Pixel, schmücken sich mit Smartphones oder Tablet-PCs. Manchmal sollen die bunten Brettchen und Telefone sogar klassische Schalter ersetzen: Klimaanlage, Radio, Navigation? Alles per Smartphone steuerbar. Man bekommt das Gefühl, dass bald mit jedem neuen Auto ein mobiles Gimmick verkauft wird.

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Vielleicht ist es eines Tages aber auch umgekehrt. Genau das ist es wohl, wovor sich die Marketingstrategen der Autobauer fürchten. Seitdem Sozialforscher die Erkenntnis verbreiten, dass der Status des Automobils im Leben junger Menschen langsam abnimmt, fürchten vor allem Premiumhersteller um Kundennachwuchs. Also integriert man vom Smartphone über Internet im Auto bis hin zu Facebook-Seiten im Multifunktionsdisplay alles, was sich junge Zielgruppen wünschen könnten.

Automobilexperte Christoph Stürmer vom Wirtschaftsforschungsinstitut IHS Global Insight sieht diesen Trend kritisch. "Natürlich ist das Auto für viele Menschen ein Lebensraum, in dem sie auch gern am virtuellen Leben teilnehmen. Die Einbettung elektronischer Geräte ist daher ein Must-Have-Faktor", sagt Stürmer. "Das Paradoxe daran ist aber: Gerade die Zielgruppen, die solche Funktionen am stärksten fordern, sind die mit der geringsten Kaufkraft." Manche Unternehmen hätten bereits hohe Summen für die Integration von Internetfunktionalität im Auto ausgegeben. "Das hat sich als kompletter Irrweg herausgestellt und überhaupt nicht funktioniert – da wurde viel Geld verbrannt", erläutert der Automarkt-Analyst.

Es gibt natürlich Beispiele dafür, wie sich mobile Geräte auch abseits von Freisprecheinrichtung und Ladebuchse im Auto sinnvoll nutzen lassen. Da kommen vor allem Elektroautos ins Spiel. Für den Nissan Leaf etwa gibt es Anwendungen, mit denen sich von unterwegs der Ladezustand des Akkus überwachen lässt, wenn das Auto zu Hause am Kabel tankt. Wird die Ladung unterbrochen, wird man gewarnt. Zudem lassen sich Funktionen wie Heizung und Klimaanlage über das Smartphone fernsteuern. Mercedes und VW planen für ihre künftigen Stromer ähnliche Smartphone-Funktionen.

"Die Autohersteller wollen nicht nur eine Steckdose und eine WLAN-Schnittstelle anbieten, für die sie nichts verlangen können, sondern sie wollen mehr Funktionalität", sagt Analyst Stürmer. Er sieht darin aber nur begrenzte Möglichkeiten: "Es scheint sich immer mehr auf die Fahrer- und Fahrzeug-bezogene Funktionalität zu konzentrieren: Wie komme ich am schnellsten an mein Ziel, wie ist der Verkehr, wie ist mein Verbrauch, was kann ich in der Zeit bis zur Ankunft noch erledigen."

Die Autobauer wollen aber möglichst alles aus der digitalen Welt herausholen. BMW zum Beispiel hat für künftige Elektroautos gleich eine eigene Submarke gegründet, mit der man zum "Premium-Mobilitätsdienstleister" werden will. Die neue Marke heißt BMW i. Die Assoziationen zu iPhone und iPad sind offensichtlich.

Doch was man sich unter "Premium-Mobilitätsdienstleistungen" vorzustellen hat, ist noch weitgehend unklar. Die Münchner wollen ein Carsharing-System auf die Beine stellen. Mehr Informationen dazu soll es indes erst auf der IAA geben. Ein konkretes Beispiel liefert BMW immerhin in den USA. Eine kostenlose Anwendung (App) fürs iPhone versorgt die Nutzer in mehr als 40 Städten mit Informationen zu öffentlichen Verkehrsmitteln oder freien Parkplätzen und gibt Tipps, welche Freizeitangebote es gerade in der Region gibt. In 40 weiteren Städten weltweit soll "MyCityWay" folgen und von BMW gesponsert werden, darunter auch in München.

 
Leser-Kommentare
    • marv_k
    • 09.03.2011 um 8:47 Uhr

    Die Jugendlichen haben immer weniger ein Beduerfnis nach Autos, also schuert die Branche dieses Beduerfnis, um weiterhin Absatz erzielen zu koennen... echt pervers, und das in Zeiten von Klimawandel und knapper werdender Rohstoffe.

    Eine Leser-Empfehlung
  1. "Das Paradoxe daran ist aber: Gerade die Zielgruppen, die solche Funktionen am stärksten fordern, sind die mit der geringsten Kaufkraft."

    Trotzdem müssen diese "Studien" in Kleinserien in den Handel, sonst werden keine Trends gesetzt.

    Leider verschwinden viel zu viele "Concept-Cars" in der Schublade.

  2. hat ein großter Teil der Menschen, die am Verkehr teilnehmen, das Auto, dass sie lenken, nicht unter Kontrolle. Bereits das Radiohören verursacht eine starke Ablenkung. Wenn ich mir vorstelle, wie irgendwelche Trottel noch auf der Autobahn oder im Stadtverkehr "facebooken" wollen, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Aber macht nix, noch ein bisschen höhere Spritpreise und dann kann sich die Branche anschauen, wo die twitternde appgeile Kundschaft bleibt.

  3. Es gibt heute schon Appends, die den Radioklau verhindern. So wäre auch ein Append sinnvoll, das Wegfahrdiebstahl verhindert. Append raus - Abfahren unmöglich. Wäre Klasse. Ein Navi-Append wäre besonders gut, das versteckt eingebaut wird, und mir immer anzeigt, wo mein Auto gerade steht.

    • Insane
    • 09.03.2011 um 11:11 Uhr
    5. Autos

    Viele Jugendliche wollen kein Auto, ja das stimmt.

    Gründe die ich habe? Sprit ist zu teuer und ich bekomme für 120€ ein NRW Ticket, keine Parkplatzsuche, kein Stau, weniger Stress und im Zug lässt sich besser lernen.

    Am Wochenende wird gefeiert, da wird auch nicht gefahren.

    Also wozu soll ich mir ein Auto anschaffen wenn ich es im Alltag sowieso nicht benötige?

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Konsequent wäre es, endlich ein auto vorzustellen, bei dem anstelle der Windschutzscheibe ein entsprechend geformter LCD-Bildschirm "verbaut" ist (um mal Press-Inform-Unjargon zu verwenden). Dann könnte man auf Schnickschnack wie Motor, Getriebe und solch unnützen Ballast wie Räder verzichten. Die Stelle des Tanks nimmt ein potenter Web-Server ein, und schon geht's virtuell ab. Garantiert (real-) unfallfrei und emissionslos (wenn der Stromversorer mitspielt ...). Wie, gibt's schon? Verzeiht, ich vergaß. Wo ist mein NSU 1200 TT?

    • Garzun
    • 09.03.2011 um 15:34 Uhr

    Mal unabhängig vom Nutzen solcher Entwicklungen. Die Hersteller hinken jetzt schon wieder der Entwicklung hinterher. Schön wenn mein Auto eine Halterung für ein iPhone hat aber was ist wenn ich ein blackberry besitze oder ein Smartphone mit Android??? Vielleicht möchte ich mein Smartphone weiter benutzen? Oder habe gar keine Wahl, da mein Arbeitgeber mir ein Diensthandy stellt.

    Wichtig wären vernünftige Schnittstellen(Bluetooth, W-Lan etc.) über die dann Apps auf dem jeweiligen Smartphone mit dem Auto kommunizieren können. Die "Halterung" sollte mehr oder weniger nur aus einer Ablagefläche bestehen.

    Info am Rande:
    Es gibt weit mehr Smartphones auf denen Android läuft als iPhones.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • RGFG
    • 09.03.2011 um 21:08 Uhr

    //Info am Rande:
    Es gibt weit mehr Smartphones auf denen Android läuft als iPhones.//

    Ja eben. Wenn das Smartphone im Auto nicht funktioniert, wird der Kunde dann Samsung, HTC oder den kompetenten Verkäufer bei Saturn oder Media Markt fragen, oder wird er beim Händler oder Hersteller des Autos vorstellig.

    Vermutlich wohl letzteres.

    Und auf wen wird es vom Image her zurückfallen, wenn etwas nicht funktioniert? Auf Google, HTC, Samsung oder meinen Kumoel, der mir neulich die geckrackte App auf mein Phone geladen hat. Oder auf VW, Mercedes oder BMW?

    Vermutlich wohl letzteres.

    Ergo ist es für die Automobilhersteller natürlich einfacher, auf Apple zu setzen, weil man dann nur gegen eine Plattform entwickeln muss, die - ob ihrer Geschlossenheit - die Wahrscheinlichkeit für "zerkonfigurierte" Geräte mindert.

    Kurz: Die Hersteller werden m.E. aus Eigeninteresse nur äußerst widerwillig auf Android-Unterstützung setzen.

    • RGFG
    • 09.03.2011 um 21:08 Uhr

    //Info am Rande:
    Es gibt weit mehr Smartphones auf denen Android läuft als iPhones.//

    Ja eben. Wenn das Smartphone im Auto nicht funktioniert, wird der Kunde dann Samsung, HTC oder den kompetenten Verkäufer bei Saturn oder Media Markt fragen, oder wird er beim Händler oder Hersteller des Autos vorstellig.

    Vermutlich wohl letzteres.

    Und auf wen wird es vom Image her zurückfallen, wenn etwas nicht funktioniert? Auf Google, HTC, Samsung oder meinen Kumoel, der mir neulich die geckrackte App auf mein Phone geladen hat. Oder auf VW, Mercedes oder BMW?

    Vermutlich wohl letzteres.

    Ergo ist es für die Automobilhersteller natürlich einfacher, auf Apple zu setzen, weil man dann nur gegen eine Plattform entwickeln muss, die - ob ihrer Geschlossenheit - die Wahrscheinlichkeit für "zerkonfigurierte" Geräte mindert.

    Kurz: Die Hersteller werden m.E. aus Eigeninteresse nur äußerst widerwillig auf Android-Unterstützung setzen.

  5. ...netter Artikel...wobei ich sagen muss, das ich meistens genug Elektronik dabei habe und sicherlich keine weiteren Funktionen im Auto haben wollte - ich verweigere mich schon dem PKW-GPS und benutze nur mein eigenes GPS im Smartphone. Insofern aus meiner ganz persoenlichen Sicht - Danke, keinerlei Bedarf...

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