Erinnert sich noch jemand an die Tortillakrise vor rund vier Jahren? Die dünnen Maisfladen, ein Grundnahrungsmittel in Mexiko, waren binnen Kurzem kräftig im Preis gestiegen, weil das Maisangebot auf dem Nahrungsmittelmarkt spürbar abgenommen hatte. Der Grund: Mexikos nördlicher Nachbar, die USA, stellte in wachsendem Maße Treibstoff aus Mais her.

Viele haben die Tortillakrise offenbar verdrängt – allen voran Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Er hat sich in die Idee verrannt, die (Auto-)Mobilität der Deutschen mithilfe von aus Pflanzen hergestellten Kraftstoffen zu retten. Deshalb verteidigt er nun auch vehement den neu eingeführten Kraftstoff E10 , eine Mischung aus Benzin und Ethanol. Damit mache man sich unabhängiger vom Erdöl und seinen Lieferanten und zugleich helfe der Sprit vom Acker dem Klimaschutz. 

Das klingt gut – ist es aber leider nicht. Zum einen kann der Bedarf an Ethanol, der aufgrund der vom Bund vorgegebenen Benzinmischung gebraucht wird, nicht komplett durch deutsche Produktion gedeckt werden. Inwieweit aber im Ausland der Treibstoff wirklich ökologisch und sozialverträglich hergestellt wird, kann niemand in Gänze kontrollieren. In Schwellenländern drohen Energiepflanzen für Agrarsprit Flächen in Beschlag zu nehmen, die man für den Anbau von Lebensmitteln dringender bräuchte. Zudem besteht die Gefahr, dass wichtige Naturflächen, insbesondere Regenwald, zerstört werden. Dies kann auch die Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung der Bundesregierung nicht verhindern.

Darüber hinaus ist der Nutzen des Agrarsprits für den Klimaschutz höchst umstritten. Umweltschützer warnen, dass – um den Ertrag zu steigern – besonders intensiv auf Stickstoffdünger zurückgegriffen wird. Dann aber wird zusätzliches Lachgas frei. Es ist erheblich klimaschädlicher als das CO2, das man mit dem vermeintlichen Biosprit einsparen möchte. Die Klimabilanz verschlechtert sich ebenfalls, weil der Boden unter Weiden und Wiesen CO2 besser speichert als der unter Äckern.

Dies alles sollte der Umweltminister eigentlich wissen. Schon seit einigen Jahren empfehlen Beratungsgremien der Regierung, die Agrarkraftstoffstrategie zu kippen. Doch die Politik setzt ihre problematische Symbolpolitik mit dem Label Bio fort, weil sie sich unnötig von der Autoindustrie in Geiselhaft nehmen lassen hat. E10 ist nicht Klima-, sondern Branchenschutz. Es soll vorgaukeln, wir könnten weiter so Auto fahren wie bisher: mit den kräftig motorisierten Pkw, die die deutschen Autobauer herstellen, und bitte bloß ohne generelles Tempolimit. E10 entlastet die Autohersteller davon, ihre Anstrengungen in der Entwicklung sauberer Motoren über das bereits geforderte Maß zu verstärken.

Die günstigste Maßnahme, CO2 zu vermeiden, besteht immer noch darin, Energie auf Kohlenstoffbasis einzusparen. Indem man vorübergehend sparsamere Verbrennungsmotoren entwickelt und Autos kreiert, die dank leichterer Materialien und besserer Aerodynamik den Verbrauch reduzieren. Indem man zügig die Verbreitung von Hybrid- und Elektroantrieb vorantreibt, für den der Strom natürlich aus ökologisch korrekt erzeugter erneuerbarer Energie kommen muss. Vor allem aber: Indem man eine umfassende Mobilitätsstrategie entwickelt, deren Ziel der geringstmögliche Energieverbrauch ist. Doch von einem solchen Konzept ist die Politik weit entfernt. Sie verlässt sich lieber auf eine Idee von gestern: einen von einer öligen Flüssigkeit angetriebenen Wagen mit vier Rädern.