GebrauchtwagenkaufKriminelle Verjüngungskur

In Deutschland wechseln pro Jahr sechs Millionen Gebrauchtwagen den Besitzer – jeder dritte mit manipuliertem Tacho. Wer die Anzeichen richtig deutet, erkennt den Betrug. von Susanne Kilimann

Auf der Suche nach einem Gebrauchtwagen

Auf der Suche nach einem Gebrauchtwagen  |  © press-inform

Mit einem Tachostand von 700.000 Kilometern hat der Autohändler aus dem Raum München das Fahrzeug von einem Verkäufer in Italien übernommen. Wenig später wechselte das Auto in Deutschland den Besitzer. Der neue Käufer legte für das Modell der gehobenen Mittelklasse 15.999 Euro auf den Tisch. Von der extrem hohen Fahrleistung des Triebwerks ahnte er nichts – gerade einmal 150.000 Kilometer wies der Tachostand beim Kauf aus.

Dem Betrug kamen Ermittler jetzt bei einer Razzia auf die Schliche, bei der die Polizei in München und Umgebung rund 150 Geschäfte, Büros und Wohnungen von Gebrauchtwagenhändlern, Taxiunternehmen und Elektrospezialisten durchsuchte. Bei der länderübergreifenden Aktion hatten insgesamt 500 Beamte eines Spezialkommandos Verkaufsstellen und Privaträume in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Bulgarien gefilzt. Dabei waren sie auf 70 Autohändler gestoßen, die offenbar zu einem breit aufgestellten Bandennetzwerk gehören. Weit mehr als 200 Fahrzeuge mit Manipulationsverdacht wurden bei diesem Einsatz sichergestellt. Zudem nahm die Polizei 26 Verdächtige fest, gegen die nun wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs ermittelt wird.

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So dreist wie bei dem 700.000-Kilometer-Wagen wird selten manipuliert. Häufig würden Tachostände von 250.000 auf 150.000 Kilometer frisiert, heißt es dazu bei der Münchner Polizei. Die betrogenen Käufer zahlen oft nicht nur Tausende Euro zu viel für die falsch deklarierte Ware – sie fahren auch ein Fahrzeug ohne gültige Betriebserlaubnis. "Denn die erlischt nach dem kriminellen Eingriff", erklärt ein Polizeisprecher.

Dass Tachomanipulationen bei Gebrauchtwagen eine verbreitete Praxis sind, wissen Polizei und Öffentlichkeit längst. Das Ausmaß hat allerdings selbst die Experten überrascht. Nach aktuellen Schätzungen der Polizei wird inzwischen bei einem Drittel der in Deutschland verkauften Gebrauchten der Kilometerstand "korrigiert". Pro Jahr kommen damit etwa zwei Millionen Gebrauchte mit manipuliertem Tachostand auf die Straße.

Dass die Zahl solcher Betrugsfälle in den vergangenen Jahren drastisch angestiegen ist, hat mit der immer stärkeren Elektrifizierung unterm Autoblech zu tun. Noch vor zehn Jahren war in der Regel ein mechanischer Eingriff erforderlich, um eine Verjüngungskur per Trickserei zu bewerkstelligen. Bei modernen Fahrzeugen lässt sich die Tachomanipulation mit der Steuerungssoftware erledigen, die Werkstattprofis eigentlich zur Fehleranalyse nutzen.

Selbstverständlich könne man angesichts der Zahlen nicht die gesamte Gebrauchtwagenbranche unter Generalverdacht stellen, sagt der Sprecher der Münchner Polizei. In Markenwerkstätten seien solche Machenschaften so gut wie ausgeschlossen. Das Gleiche gelte für einen großen Teil der Privatverkäufer. Schwarze Schafe tummeln sich dagegen in großer Zahl auf sonstigen Gebrauchtwagen-Umschlagplätzen.

Um sich vor Betrug zu schützen, sollten Gebrauchtwagenkäufer unbedingt auf ein lückenlos geführtes Serviceheft achten, rät die Polizei. Kilometerstände könne man mit den Eintragungen zu Ölwechseln abgleichen. Äußerst skeptisch sollte man werden, wenn Lenkrad, Pedale oder Sitze stärker abgenutzt seien, als dies bei dem angegebenen Kilometerstand zu erwarten sei. "Ein durchgesessenes Polster lässt sich nicht so leicht manipulieren wie der Tachostand", sagt der Sprecher. "Um die Verschleißerscheinungen zu beseitigen, müsste der Verkäufer erst einmal ein paar Hundert Euro investieren, und das tut ein Betrüger in der Regel nicht." Auch eine Airbag-Hinweisleuchte, die beim Starten des Autos ungewöhnlich spät ausgeht, kann ein Hinweis auf ein bereits stärker strapaziertes Triebwerk sein.

Durch die Möglichkeit, "Fahrzeughistorien" beim Kraftfahrtbundesamt abzufragen, wollte das Bundesverkehrsministerium mehr Sicherheit beim Gebrauchtwagenkauf schaffen. Anhand von jederzeit abrufbaren Daten zu Baujahr, An- oder Umbauten und Halteranzahl sollten sich unter anderem verdeckte Unfallschäden oder Tachomanipulationen feststellen lassen. Zuvor müssten jedoch noch wichtige Datenschutzfragen geklärt werden, hieß es dazu im vergangenen Jahr. Bis heute ist das Ministerium in der Sache offenbar nicht viel weitergekommen. Kommerzielle Unternehmen bieten inzwischen Recherchedienste zur Fahrzeugvergangenheit an – zum Flensburger Datenbestand gehören die Historien noch nicht.

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Leserkommentare
    • CM
    • 21. März 2011 8:03 Uhr

    Ich besitze einen großen Tintenstrahldrucker, Marke Epson. Bei diesem speziellen Modell ist es trotz jahrelanger Forschungsarbeit diverser Nachfüll-Tintenanbieter nicht möglich, die Chips auf den Tintenpatronen zurückzusetzen, sprich, neue Tinte einzufüllen und die Chips wieder auf Null zu stellen.

    Wenn das bei einem billigen Drucker technisch möglich ist, wieso geht es bloß bei Tachos nicht?

    Ebenso einfach wäre es, jeden Wartungstermin an einem Wagen beim Autohersteller oder auch bei einer neutralen Stelle einzutragen. Technisch machbar ist es ohne weiteres. Wieso macht man es nicht?

    Ich fürchte, die Antwort ist einfach und erschreckend: weil beileibe nicht nur ein paar Hinterhof-Werkstätten die Tachos zurückdrehen, sondern die meisten, auch die "Markenwerkstätten", sich auf diese kriminelle Weise etwas dazuverdienen. Das wird nicht bei allen Wagen gemacht, sondern nur dort, wo es nicht auffällt und nur so, daß es nicht auffällt, sprich, da wird eben nicht bei einem Wagen mit 150.000 Kilometern auf 50.000 zurückgedreht, sondern nur auf 110.000.

    Unter so vielen schwarzen Schafen fällt das gar nicht mehr auf. Daß es nun zum Thema gemacht wird sollte für den Gesetzgeber Anlaß genug sein, endlich einzuschreiten.

    5 Leserempfehlungen
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    ...lohnt die Manipulation einfach wesentlich mehr als bei Druckern (Epson ist übrigens berüchtigt). Entsprechend wird halt Aufwand betrieben.

    Ob die Hersteller das nicht vielleicht begünstigen, um die Wiederverkaufswerte ihrer Marke nach oben zu manipulieren, wer weiß...

    Aber hergestellt werden die Autos und Tachos von einer Industrie, die ein sehr lebhaftes Interesse daran haben sollte, dass man sie nicht fälscht. Die Autoindustrie ist nämlich heftig daran interessiert, dass eher Neuwagen als Gebrauchtwagen gekauft werden. Und darum glaube ich an diese Verschwörungstheorie nicht. Bleibt natürlich die Frage, warum trotzdem nichts dagegen getan wird. Ich bin kein Techniker, vielleicht ist es tatsächlich nicht so einfach. Vielleicht auch einfach ein Versäumnis?! Vielleicht gibt es auch einfach keine Nachfrage dafür.

    ...sollte man einen eigenen Straftatbestand einführen. Natürlich leisten die Firmen, die diesen "Service" anbieten, oder entsprechende Geräte vertreiben schon heute zumindest Beihilfe zum Betrug. Der spätere Betrug ist aber oft nicht nachweisbar.

    • gorgo
    • 21. März 2011 8:54 Uhr

    Wow - ein Drittel! Die Frage liegt nahe, ob Gebrauchtwarenhändler eine besonders kriminelle Spezies sind. Ich vermute ehrlichgesagt, dass dem nicht so ist. Und tja, wenn ein Drittel aller Gebrauchtwagenhändler manipuliert, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, dann wundert mich nicht mehr, dass die Hälfte der Menschen einen Guttenberg zum Kanzler hätten - und nichts dabei fanden, als Frau Merkel deklarierte, sie hätte schließlich keinen wissenschaftlichen Assisten, sondern einen Minister angestellt...

    Also Schluss mit dem Gejammer über Politik und Politikverdrossenheit - die Politik passt vielleicht besser zur Bürgerin, als manche glauben machen...

    3 Leserempfehlungen
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    • tippex
    • 21. März 2011 9:36 Uhr

    ich bin mir da nicht so sicher ob es sich doch um ein großes kriminelles potential handelt... vielleicht mal ein beipiel aus eigener erfahrung.

    ich hatte also den fehler gemacht, bei einem mehr oder weniger "parkplatzhändler" ein gebrauchtwagen zu kaufen. leider wurde der tacho und das serviceheft manipuliert. bei nachfrage beim markenhändler, welcher das auto ursprünglich in zahlung nahm, stellte sich heraus, dass irgendwo auf dem weg vom markenhändler zum "parkplatzhändler" der wagen 60.000km verloren hatte.

    nun, alle verantwortlichen mitarbeiter waren natürlich gerade im urlaub und irgendwo wurde evtl. mal ein neuer tacho eingebaut, etc. etc.

    das fazit: ich für meinen teil bin selbst bei markenhändler äußerst skeptisch geworden und werde in zukunft stets mit dem vorbesitzer telefonieren.

    "Also Schluss mit dem Gejammer über Politik und Politikverdrossenheit - die Politik passt vielleicht besser zur Bürgerin, als manche glauben machen..."

    Vordergründig klingt Ihr Fazig gut, aber ein Drittel sagt noch nicht wirklich etwas über den Gesamtzustand unserer Republik aus. Ich wüsste z.B. nicht, wie man einen Tacho manipuliert. Mein Gebrauchter würde also sehr wahrscheinlich mit dem richtigen Tachostand an einen Händler gehen zu einem marktüblichen Preis und der Händler ist dann der, der frisiert. Und ich denke, dem Großteil der Autobesitzer geht es ähnlich, da ihnen die technische Expertise fehlt, einen Tachostand zu manipulieren.

    Sofern Händler und Verkäufer gemeinsame Sache machen, gebe ich Ihnen Recht. Aber ich glaube, das wird kaum passieren, weil sich niemand gerne dem Risiko aussetzt, sein kriminelles Wissen zu teilen.

    • tippex
    • 21. März 2011 9:36 Uhr

    ich bin mir da nicht so sicher ob es sich doch um ein großes kriminelles potential handelt... vielleicht mal ein beipiel aus eigener erfahrung.

    ich hatte also den fehler gemacht, bei einem mehr oder weniger "parkplatzhändler" ein gebrauchtwagen zu kaufen. leider wurde der tacho und das serviceheft manipuliert. bei nachfrage beim markenhändler, welcher das auto ursprünglich in zahlung nahm, stellte sich heraus, dass irgendwo auf dem weg vom markenhändler zum "parkplatzhändler" der wagen 60.000km verloren hatte.

    nun, alle verantwortlichen mitarbeiter waren natürlich gerade im urlaub und irgendwo wurde evtl. mal ein neuer tacho eingebaut, etc. etc.

    das fazit: ich für meinen teil bin selbst bei markenhändler äußerst skeptisch geworden und werde in zukunft stets mit dem vorbesitzer telefonieren.

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    Antwort auf "Korrupte Republik?"
  1. Die Möglicheit, Fahrzeughistorien beim Kraftfahrtbundesamt zu recherchieren, würde den Gebrauchtwagenmarkt insgesamt transparenter machen. Dass dieser Vorschlag nicht schon längst umgesetzt wird, gibt Anlass zu Fragen. Befürchtet "man" an verantwortlicher Stelle letzendlich, dass ein transparenter Gebrauchtwagenmarkt letztendlich zulasten der Neuwagen-Verkäufe geht? Oder zulasten der Vertragshändler?

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    ...die diffuse Angst vorm gläsernden Bürger etc. sind wohl der Grund. FDP, Grüne und Piraten würden da im Dreieckspringen. Man denke nur an die Diskussion bei der Datenvorratsspeicherung, die ebenfalls ziemlich an der Realität vorbei geführt wird. Der Kilometerstand eines KfZ ist jedenfalls nichts, was als besonders geheimhaltungswürdig anzusehen ist. Eine Speicherung z.B. bei den HU wäre schon sinnvoll.

    • LeMans
    • 21. März 2011 11:03 Uhr

    Zwar läßt sich der Tachostand bei elektronischen Zählwerken vordergründig zurückdrehen, der ursprüngliche Tachostand bleibt aber immer im Datenspeicher der Bordelektronik gespeichert und kann auch ausgelesen werden. So einfach ist es nun doch nicht.

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  2. 6. @gorgo

    "Also Schluss mit dem Gejammer über Politik und Politikverdrossenheit - die Politik passt vielleicht besser zur Bürgerin, als manche glauben machen..."

    Vordergründig klingt Ihr Fazig gut, aber ein Drittel sagt noch nicht wirklich etwas über den Gesamtzustand unserer Republik aus. Ich wüsste z.B. nicht, wie man einen Tacho manipuliert. Mein Gebrauchter würde also sehr wahrscheinlich mit dem richtigen Tachostand an einen Händler gehen zu einem marktüblichen Preis und der Händler ist dann der, der frisiert. Und ich denke, dem Großteil der Autobesitzer geht es ähnlich, da ihnen die technische Expertise fehlt, einen Tachostand zu manipulieren.

    Sofern Händler und Verkäufer gemeinsame Sache machen, gebe ich Ihnen Recht. Aber ich glaube, das wird kaum passieren, weil sich niemand gerne dem Risiko aussetzt, sein kriminelles Wissen zu teilen.

    Antwort auf "Korrupte Republik?"
  3. 7. @gorgo

    Da steht nicht "ein Drittel der Gebrauchtwagenhändler manipuliert" sondern "ein Drittel der Autos ist manipuliert." Um von dem einen Drittel auf das andere Drittel zu schliessen, müsste der kriminelle Händler alle seine Autos frisieren.

  4. ...lohnt die Manipulation einfach wesentlich mehr als bei Druckern (Epson ist übrigens berüchtigt). Entsprechend wird halt Aufwand betrieben.

    Ob die Hersteller das nicht vielleicht begünstigen, um die Wiederverkaufswerte ihrer Marke nach oben zu manipulieren, wer weiß...

    Antwort auf "Und die Industrie?"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Autohändler | Betrug | Bundesverkehrsministerium | Fahrzeug | Polizei | Razzia
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