Autoklassiker Frankreichs Revoluzzer

Vor 50 Jahren startete der Renault R4. In Deutschland musste sich der Kleinwagen erst gegen den Käfer behaupten – doch dann wurde er auch hier zum Kultauto der 68er.

Als der Renault 4 in seine dritte Produktionsdekade startete, fuhren coole Jungs einen PS-starken Golf GTI und Lifestyle-Mädels waren im Mini mobil. Mit dem kleinen Franzosen dagegen konnte man durchaus Mitleid erregen. Mit dem juckelten vorzugsweise Lehrer mittleren Alters durch die Lande, die auch in den 1980ern nicht von Cordsamt-Sakkos und langen Haaren lassen wollten – was nicht nur aus Sicht ihrer Schüler reichlich uncool war. Damit war der Niedergang des R4 programmiert.

In den sechziger und siebziger Jahren hatte Renaults schlichter Kleinwagen hingegen den Nerv der Zeit getroffen, hatte die jungen Protestler begeistert, die mit Latzhosen und Batikhemden, Sandalen und bewusstseinserweiternden Substanzen gegen die Wirtschaftswunderwelt der Eltern mit ihren verstaubten Werten und Moralvorstellungen rebellierten. Der schlichte Wagen mit dem steilen Schrägheck stand ebenso wie Citroëns 2 CV für neue Freiheiten und Abenteuer jenseits der Konventionen.

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Citroëns "Ente" war zwar ästhetisch gefälliger. Ging es um praktischen Mehrwert, war Renaults Kleinwagen aber haushoch überlegen. Mit ihm ließ sich jeder WG-Wechsel samt Bücherkisten, Rattansessel und Yuccapalme lässig bewerkstelligen. Und sogar in eine mobile Liebeslaube ließ er sich dank klappbarer Rückbank leichter verwandeln als jeder Konkurrent seiner Epoche.

Die Idee für das Auto, das das Kleinwagen-Segment ein Stück weit revolutionieren sollte, wurde im Hause Renault schon Mitte der Fünfziger diskutiert. Pierre Dreyfus, damals als Generaldirektor beim französischen Staatskonzern frisch angetreten, schlug seinen Vorstandskollegen ein Projekt vor, das ebenso avantgardistisch wie pragmatisch war: Ein kleiner, vielseitiger Wagen mit großer Hecktür und ladefreundlichem Gepäckabteil schwebte dem Renault-Chef vor. Gut gefedert sollte das Auto sein. Handlich und billig außerdem.

Nach diversen Vorstudien fällt 1958 die Entscheidung zum Bau des R4. Das Projekt trägt die Nummer 112 – doch Renaults Entwicklungsingenieure geben ihm schon bald einen Namen, der sie mehr inspiriert: Marie-Chantal. Anfang August 1961 startet die Serienproduktion, im September feiert der 3,66 Meter lange Wagen mit Platz für fünf Passagiere auf der IAA in Frankfurt offizielle Weltpremiere. Mit seinem variablen Innenraum sorgt der kleine Franzose für mächtig Aufsehen. Auch die technischen Details – Frontantrieb, Einzelradaufhängung und die sogenannte Revolverschaltung, bei der die Gangwechsel mittels einer Stange auf den Antriebsstrang übertragen werden – stoßen in der Fachwelt auf großes Interesse.

In Frankreich fährt der R4 als Nachfolgemodell des heckgetriebenen Renault 4 CV von Anfang an auf der Erfolgsspur. In Deutschland wird der Käfer-Konkurrent indes zunächst verhalten aufgenommen. Das ändert sich Ende der Sechziger, als ein frischer Wind durch die Bonner Republik weht und einen gesellschaftlichen Wertewandel auch in Sachen Auto mit sich bringt. 1970 wird zum deutschen Rekordjahr für den Renault 4, wie das Modell seit 1965 offiziell heißt. Bundesweit werden rund 86.000 Exemplare neu zugelassen. Damit sichert sich der R4 einen Marktanteil von vier Prozent. Insgesamt werden die Franzosen den schlichten Volumenbringer hierzulande in 27 Jahren mehr als 900.000 Mal verkaufen.

Anfangs bringt Renault die Versionen R4, R4 L und R4 L Super Comfort mit einem wassergekühlten Reihen-Vierzylinder, der 23 PS aus einem 0,75-Liter-Hubraum schöpft. Das Basismodell kostet in Deutschland zunächst 3830 Mark. Eine minimal ausgestattete Version Renault 3 mit 0,6-Liter-Motor wird in Frankreich angeboten, aber nach kurzer Zeit wieder aus dem Programm genommen. Dafür wird am anderen Ende der Palette nachgelegt: Von 1962 an gibt es ein Aggregat mit 845 Kubikzentimeter Hub und 26 PS. 1973 folgt ein Triebwerk mit 34 PS, das die Höchstgeschwindigkeit des R4 von 110 auf 120 Stundenkilometer steigert.

Der Kleinwagen mit der großen Klappe hat nicht nur mit seinem variablen Innenraumkonzept neue Standards gesetzt. Er gehört zu den ersten Volumenmodellen, die auf Plattformstrategie und Baukastenprinzip basieren. In drei Produktionsjahrzehnten brachte Renault diverse R4-Varianten auf den Markt – neben der "Limousine" gab es Transporter und Kombi. Als Sinpar 4x4 kam sogar ein Ableger mit Allradantrieb. Mit weiteren Varianten setzte Renault auf Lifestyle: Als türloses Spaß- und Strandmobil mit Faltdeck warb der R4 Plein-Air um junge Kundschaft, mit dem Rodeo folgte eine zweite Open-Air-Variante mit stärkerem Antrieb.

An der Karosserieform hat Renault über den gesamten Zeitraum keine wesentlichen Veränderungen vorgenommen – von Kleinigkeiten wie dem neuen Kunststoff-Kühlergrill, der 1975 kam, einmal abgesehen. Dafür wurde der Volumenbringer in immer neuen Farben und mit fantasievollen Sonderausstattungen ins Rennen geschickt. Der R4 Safari zum Beispiel hatte in den Siebzigern Polsterbezüge in Hängemattenoptik.

Selbst als Rallyeauto machte der unkonventionelle Allrounder von sich reden: Die Allradversionen schlugen sich wacker beim Leistungstest Paris-Dakar. Auch im Alltag erwiesen sich die Antriebe als relativ robust. Über 100.000 Kilometer konnten R4-Fahrer in der Regel auf zuverlässige Dienste bauen. Der Feind lauerte an anderer Stelle. In 31 Produktionsjahren bekam Renault das Rostproblem nicht wirklich in den Griff. Das erklärt auch, warum die meisten der mehr als acht Millionen Exemplare längst Opfer der Schrottpresse geworden sind.

Mit dem limitierten Sondermodell Salü verabschiedete sich der R4 von den Kunden in Deutschland. Verschärfte Abgasbestimmungen, die den Einsatz eines Drei-Wege-Katalysators erfordert hätten, brachten hierzulande das Aus. 1992 wurde die Produktion weltweit eingestellt. Der letzte in Deutschland verkaufte R4 GTL ging an Günther Jauch, der damals noch aufstrebendes Nachwuchstalent im deutschen Fernsehen war. An eine Neuauflage des Klassikers hat sich Renault nie gewagt. Der Geist des R4 lebe im praktischen Lastenträger Kangoo weiter, verkünden die Marketingprofis von Renault. Aber so einfach, wie es sich Vertriebsstrategen wünschen, lässt sich automobile Aura nicht verpflanzen.

 
Leser-Kommentare
  1. ...haben wir - meine Studentenfreundin und ich - die Yuccapalme transportiert, das Schiebefenster mußte offenbleiben, was nicht nur den DDR-Grenzer irritierte - die große Palme hat´s nicht überlebt. Überlebt hat auch nicht der rote R4, auch nicht die Studentenliebe - die liebevollen Gedanken schon. Das praktischste Auto aller Zeiten hätte immer noch größte Chancen bei mir - die Studentenfreundin auch.

  2. Ich habe noch Anfang der 90er einen 20-Jahre-alten R4 gekauft und bin damit auch mit Katze und all meinen sieben Sachen von Paris nach Marseille gezogen. Irgendwann war der Anlasser kaputt, aber man konnte ihn auch mit Kurbel anlassen.
    Lange hat er es dann leider nicht mehr gemacht, war aber mit Abstand der bestkonzepierteste Wagen, den ich bisher hatte. Einfach ein Wagen zum Leben.

    • Gafra
    • 25.03.2011 um 9:03 Uhr

    und wir machten die schönsten Sonntagsausflüge nach Trier, in den Hunsrück, nach Straßburg, auch nach Verdun, damit. Manchmal auf kurzen Strecken mit 3 Erwachsenen und 5 Kindern, von denen 3 im Kofferraum saßen.

    • alkyl
    • 25.03.2011 um 9:06 Uhr

    Meine Eltern müssen im Lauf der Jahre mindestens fünf R4 gehabt haben. Den Ersten zierte ca. 1974 ein riesiger "Atomkraft - Nein Danke" - Aufkleber, was dazu führte, daß sie im münsterländischen Dorf umgehend zu Aussätzigen wurden. Diesem Auto entfernte mein Vater, der Tischler war, bevor er Lehrer wurde (sic ;-) ), kurzerhand die Rückbank, als die ganze Familie damit nach Finnland in den Urlaub fuhr. Wir Kinder hatten hinten dafür eine Liegefläche aus Holz, auf der zwei Luftmatratzen lagen, und darunter war viel Platz für Konserven. Zum Glück hat das auf tausenden von Kilometern kein Polizist gemerkt.

  3. Aber missen möchte ich die Karre trotzdem nicht. Meine erste Fahrt mit meinem gebrauchten R4 endete kurz hinter der Auffahrt einer Autobahn, nämlich auf dem Standstreifen. Wieso hätte mir der Vorbesitzer nicht sagen können, dass man den Choke kurz nach dem Anlassen des Motors auch wieder reindrücken müsse. So ist er abgesoffen und brauchte einige Zeit, bis er wieder "atmen" konnte.

    Die erste Urlaubsfahrt nach Frankreich hinterließ den Eindruck, der Wagen fühlt sich in seiner Heimat einfach wohler als in Deutschland. Kurz hinter der französischen Grenze schnurrte der Wagen nur so dahin, der Verbrauch sank auf deutlich unter fünf Liter und nur ein Steinschlag sorgte für die einzige Panne. Die Scheibe musste ausgewechselt werden, was aufgrund des Nationalfeiertages in Frankreich drei Tage in Anspruch nahm. So fuhr man halt drei Tage offen, was zur damaligen Zeit kein Vergnügen war, denn Katalysatoren gab es noch nicht und die Abgase des Vordermanns zogen einem direkt in die Nase. Überlebt haben wir es trotzdem und für 80DM (!) gab es am vierten Tag eine neue Frontscheibe. Those were the days!

    Alles hat seine Zeit, so auch der R4. Aber heute möchte ich ihn nicht mehr fahren müssen. Zu wenig Knautschzone, zu wenig Airbag, zu wenig Komfort.

  4. ..Frau Kilimann, da musste ich jetzt an den Pauker denken, welchen wir sowieso nicht leiden konnten, und welcher Anfang der 80er, als wir unerzogene Oberstufenrotzlöffel waren, noch einen ollen Renault 4 fuhr, in knallorange. Und den haben wir, bei der Gelegenheit eines im Rheinland seltenen Wintereinbruchs, am Nachmittag auf einen Schneehaufen „aufgebockt“. Hätte er einen Porsche 924 gefahren wie einer seiner Kollegen, so hätte einer von uns sicher ein Veto gegen diese Maßnahme eingelegt, nach dem Motto, wir können ihn bestrafen, aber doch nicht sein gutes Auto. Aber so, erst recht!

    Ja, der Renault 4 war ein sehr ambivalentes Auto, einerseits war er das absolute Looser-Auto, so eine Art Dienstwagen für Typen vom Schlag eines Inspektors Clouseau. Anderseits war es irgendwie witzig, wenn man damit unterwegs war, auch mal mit 6 Leuten, und sich die Tachonadel zitternd der Marke von 80 km/h näherte.

    Und wenn man heute einen sieht, dann mag man ihn ja irgendwie doch…

  5. Eines der schönsten Autos der Welt. Ich schmelze dahin. ohhhhhh. Pistolenschaltung. ICH HATTE IHN, ABER NUR KURZ. :(

    • hareck
    • 25.03.2011 um 10:18 Uhr

    ich hatte in den 80ern auch zwei solcher Teile.

    Das Klischee mit den mittelalten Lehrern war allerdings schon damals falsch.

    Fabelhafte Autos! Mein letzter GTL hat auf der Autobahn bei 120 regelmäßig nicht mehr als 4.5 Liter verbraucht. Platz ohne Ende, man konnte alles noch selbst reparieren, und die Krückstockschaltung war genial. Warum die heute nirgends mehr eingebaut wird, frage ich mich.

    Nur der Rost...weia!

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