Im Mittelalter blühte der Ablasshandel: Um dem gefürchteten Fegefeuer nach dem Tod zu entgehen, konnten die Gläubigen schon zu Lebzeiten ihr Sündenkonto ausgleichen. Dafür akzeptierten die Kirchenmänner auch Bares und stellten den Erlass der posthum zu erwartenden Strafen in Aussicht. Heute ist der Ablasshandel wieder in Mode gekommen – außerkirchlich freilich, und auch der Sündenkatalog sieht völlig anders aus. Es geht weder um Neid noch um Geiz oder Völlerei. Der neue Sündentypus heißt: Kohlendioxid-Emissionen. Schließlich drohen ein globaler Klimawandel und seine verheerende Folgen.

Vor allem Flugreisen und häufige Autofahrten sorgen für gerade unmoralische CO2-Bilanzen. Die könnten theoretisch durch den fortwährenden Verzicht auf elektrische Beleuchtung, gekochtes Essen und heiße Wannenbäder ausgeglichen werden. Praktikablere Alternativen bieten Kompensationsdienstleister wie Atmosfair, Arktik, Greenmiles, Myclimate und einige andere an.

Ihre Geschäftsidee ist einfach: Auf ihren Websites stellen die Anbieter Kalkulatoren zur Verfügung, mit denen sich bestimmte Emissionsmengen und die Höhe der dafür erforderlichen Ausgleichzahlungen ermitteln lassen. Mit den Spenden der reuigen CO2-Verursacher unterstützen die Dienstleister Klimaschutzprojekte in aller Welt, zum Beispiel den Aufbau von Windkraftanlagen in Taiwan oder der Türkei, Biogasanlagen in Indien oder effiziente Kochstellen im Senegal.

Richteten sich die Angebote der meisten Portale zunächst an Flugreisende, so rücken inzwischen auch Autofahrer stärker ins Visier der Ablasshändler. Das Berliner Unternehmen Ecogood etwa bietet Autofahrern seit Kurzem eine Klima-Vignette an, deren Preis sich nach Kilometerleistung und Durchschnittsverbrauch errechnet. Fährt man zum Beispiel pro Jahr 30.000 Kilometer mit einem Auto, das durchschnittlich acht Liter Benzin verbraucht, so ergibt sich eine CO2-Menge von 6672 Kilogramm. Diese kann laut Ecogood-Rechner mit einem Betrag von 133,44 Euro ausgeglichen werden.

Das Schweizer Unternehmen Myclimate bietet schon seit einiger Zeit Gelegenheit, auch einzelne Fahrten zu kompensieren. Eine Autofahrt von Berlin nach Frankfurt kann – je nach Verbrauch – mit einer Summe zwischen etwa vier und 14 Euro ausgeglichen werden.

Der Anbieter Arktik hat sich ein anderes Kompensationsmodell ausgedacht. Für einen monatlichen Beitrag von zwei Euro bieten die Hamburger eine Tankkarte an. An den Tankstellen eines kooperierenden Mineralölunternehmens können damit Spritkosten bargeldlos beglichen werden. Zudem werden für jeden getankten Liter zwei Cent zusätzlich kassiert und an ein Klimaschutzprojekt weitergeleitet. Der Mineralölkonzern leistet seinerseits einen Beitrag von 2,5 Cent für jeden Liter Treibstoff, der über die Arktik-Karte abgerechnet wird. Wie viele Kunden das Start-up-Unternehmen bereits für die Tankkarten-Idee gewonnen hat, verrät es nicht. Ein paar Vorzeige-Teilnehmer nennen die Macher dagegen gern. So sollen unter anderem die Redakteure von Deutschlands größter Autozeitung den CO2-Ausstoß ihrer Testwagen per Tankkarte neutralisieren.