Mobilität der ZukunftEin Alptraum für Autohersteller

Viel weniger Autos und Tempo 30 in der Stadt: Eine Fraunhofer-Studie entwirft ein Szenario für den Verkehr im Jahr 2050. Autobauer müssen umdenken. von Sebastian Viehmann

Kaum noch Autos zu sehen: Vision für Verkehr im Jahr 2050. Zeichnung aus der Fraunhofer-Studie VIVER

Kaum noch Autos zu sehen: Vision für Verkehr im Jahr 2050. Zeichnung aus der Fraunhofer-Studie VIVER  |  © Fraunhofer-ISI/Judith Kozinski

Zwei Autos stehen in der Garage, man fährt mit dem Wagen zur Arbeit, in den Urlaub und auch mal zum Brötchenholen – für viele Familien ist heute der eigene fahrbare Untersatz das wichtigste Verkehrsmittel.

Doch im Jahr 2050 ist das Vergangenheit. Es gibt nur noch 250 Autos pro 1000 Einwohner, weniger als die Hälfte im Vergleich zu heute. Das ist zumindest das Ergebnis eines Szenarioprozesses, den das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) entwickelt hat: Aus jahrzehntelang gewonnenen Daten, Trends und Prognosen entstand VIVER, die Vision für nachhaltigen Verkehr in Deutschland.

Anzeige

Demnach ist der stark reduzierte Autoverkehr des Jahres 2050 reibungslos mit öffentlichen Verkehrsmitteln verknüpft. In vier Jahrzehnten sind die Deutschen ein Volk von multimodalen Verkehrsnutzern geworden. Man zahlt nicht mehr monatliche Fixkosten für ein Auto, sondern nutzungsabhängig für das Verkehrsmittel, das man gerade braucht – sei es die Bahn, der Segway oder das Fahrrad.

Nutzen statt Besitzen ist also eines der Leitmotive, das den Verkehr der Zukunft prägen könnte. Schon heute lassen sich Ansätze dafür erkennen, dass die Vision des ISI ziemlich realistisch erscheint. Und zwischen den Zeilen wird klar: Die Autoindustrie in ihrer jetzigen Form und Größe dürfte es 2050 nicht mehr geben.

Das Fraunhofer-Szenario beruht zunächst auf einigen Mega-Trends, die in den kommenden Jahrzehnten unser Leben bestimmen werden. Die deutsche Bevölkerung wird demzufolge von heute 82 Millionen auf bis zu 70 Millionen Menschen im Jahr 2050 zurückgehen – allein das wird schon dazu führen, dass die Zahl der Autos sinkt. Die Wissenschaftler gehen zudem davon aus, dass die Wirtschaft und die Einkommen der Menschen langfristig nur moderat wachsen werden.

Die Energie- und damit die Verkehrskosten werden bis 2025 dagegen gewaltig ansteigen, dazu tragen schwankende Rohölpreise bei. "Preisspitzen bis über 250 US-Dollar pro Barrel werden nach unserer Einschätzung bis 2025 die Regel sein", sagt Wolfgang Schade, der Leiter des Geschäftsfeldes Verkehrssysteme beim ISI. Der Stromsektor werde bis 2050 nahezu vollständig auf regenerative Energien umgestellt. Auf den Straßen rollen dann Elektroautos, Wasserstoff-Fahrzeuge und Plug-In-Hybride. Konventionelle Verbrennungsmotoren sieht man kaum noch.

Das Verhältnis der Menschen zum Automobil wird sich laut ISI stark verändern. Das Auto als Statussymbol hat ausgedient – ein Trend, den man schon heute bei jungen Leuten beobachten kann. Die Folgen der globalen Erwärmung werden eine große Bereitschaft zu Verhaltensänderungen bewirken, glauben die Wissenschaftler.

Leserkommentare
  1. viel zu stark auf Auto- und Individualverkehr und ist damit keine tragfähige Zukunftlösung.
    Der heutige Autoverkehr der in der entwickelten Welt stattfindet hat selbst um 50% reduziert keine Zukunftschance im weltweiten Maßstab.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und was ist an ökologischem Individualverkehr bitte schlimm?
    Ich persönliche hasse ÖPNV wie die Pest und will unabhängig bleiben. Ist ein privat abgestelltes Elektrofahrzeug jetzt böse?

    • mwwbf
    • 06. April 2011 9:22 Uhr

    So lange das Schienennetz der Deutschen Bahn gehört und Bus Verbindungen zwischen Städten einer besonderen Genehmigung bedürfen könnt ihr dieses Zukunfstmodell schön in der Schublade lassen.

  2. Es ist schon komisch für was sogenannte Wissenschaftler in Deutschland bezahlt werden. Eine Studie wie D in 40 Jahren aussieht. Wer hätte 1970 an das Internet gedacht?

    Auf technischem Gebiet lohnt es sich mehr 20 Uralt-Folgen von Raumschiff Enterprise zu sehen als diese Elfenbeinturm-Studie zu lesen.

    Liebe Wissenschaftler: Tempo 30 haben wir schon in vielen Städten, damit die Autofahrer abkassiert werden können.
    Tempo 90 auf der Autobahn gibt es schon in Kanada und niemand ist auf dem Highway verendet.
    Auch im Jahr 2050 wird das Dilemma des Hochgeschwindigkeitszuges das Optimierungsproblem zwischen Strecke und Haltestelle sein.
    Hoffentlich werden wenigstens die 80-jährigen gesünder, damit wir sie alle auf den Segeway stellen können.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Moin moin,

    Also zu verleugnen, dass sich langjährige Trends nicht weiterentwickeln werden und vielleicht die nicht abzusehende Wollmilchsau alles über den Haufen wirft, ist doch Quatsch.

    In Kopenhagen fahren schon mehr als die Hälfte der Leute mit dem Fahrrad zur Arbeit und noch mehr in der Freizeit. Mit richtiger Verkehrspolitik kann man also mehr Lebensqualität (saubere Luft, Parks statt Parkplätzen, weniger Lärm, weniger Verkehrstote) in Städten schaffen. Warum sollten andere Städte, auch angesichts von zu vermindernden CO2 Emissionen (aber die ihrer Meinung nach bestimmt nur Propaghanda)da nicht nachziehen?

    Carsharing ist außerdem die wahrscheinlich sinnvollste Erfindung seit langem. Junge Leute brauchen Autos nicht mehr als Schwanzverlängerung, ein schönes Fixie (Rennrad mit nur einem feststehenden Gang) ist da viel besser, und zeugt außerdem von weit mehr Individualität (schrauben, malen etc. macht spass!)! Wer ein altmodisches Wesen beeindrucken will kann sich dann beim Carsharing ja für einen Nachmittag ein Auto leihen wenns unbedingt sein muss.

    Das Dilemma des Hochgeschwindigkeitszugs ist eigentlich keines. Von der großen in die kleinere Stadt kommt man ja mit Regios und dort praktiziert man entweder Auto- oder Fahrradteilen (Car- und Bikesharing).

    Die Segways sind übrigens ein Schmarrn. Die Leute sollen sich lieber alterstaugliche Fahrräder (zur Not auch mit EMotor-Unterstützung) kaufen/leihen, dann leben sie vielleicht auch länger/besser.

    The_Cat

    • iushee
    • 10. April 2011 17:39 Uhr

    Wer hätte 1970 an das Internet gedacht? Genau die von Ihnen als "überbezahlten Kaffeesatzleser" titulierten Wissenschaftler, denn das Internet entstand 1969 an Forschungseinrichtungen.

  3. Mobilität ohne das Auto im Mittelpunkt zu denken ist eine wunderbare Vision. Ob sich diese Vision im Detail umsetzen lässt ist für mich von untergeordneter Bedeutung. Es wird sich zeigen, wenn man an der Konkretion arbeiten, worin noch Veränderungsbedarf besteht.
    Amsterdam, Freiburg, können Modelstädte werden.
    Wünsche mir, dass ein Bundesverkehrsminister die leitende konzeptionelle Verantwortung für die Konkretisierung dieses Konzepts übernimmt. Er wird viel zu tun haben, besonders, wie Mobilität außerhalb der Städte gestaltet werden kann - auf dem Land, wie man so sagt.
    Überflüssig zu sagen, dass solcher Unsinn wie Stuttgart 21 einfach der Vergangenheit angehören müsste. Das Geld wird für sinnvolle Mobiliäten gebraucht. Nicht 5 Minuten schneller von A nach B steigert meine Lebensqualität, sondern weniger Autoverkehr.

  4. Zitat: "Die Folgen der globalen Erwärmung werden eine große Bereitschaft zu Verhaltensänderungen bewirken, glauben die Wissenschaftler."

    Glaube ich jedoch nicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Immer schön, wenn "Wissen"schaftler glauben statt zu wissen...

    Andererseits, die Priester glauben ja auch, zu wissen...

  5. für den Arbeitsbürger annähernd realistisch angenommen. Eher noch werden die Arbeitseinkommen weiter sinken, wenn man die Ackermänner und die Laienspielschar der Politiker mal ausnimmt.

    "dass die Wirtschaft und die Einkommen der Menschen langfristig nur moderat wachsen werden."

    Was weniger realistisch erscheint:"Das Auto als Statussymbol hat ausgedient – ein Trend, den man schon heute bei jungen Leuten beobachten kann."

    An welchem Statussymbol anstelle des Autos kann man denn dann den erfolgreichen Wirtschaftsbürger erkennen. Nur noch an dem Gel in den Haaren? Wie laufen die Protzdiskussionen denn dann ab? Vergleicht man fachmännisch die Anzahl der Wicklungen des Motors mit dem Gewicht der Brennstoffzelle?

    Was ist mit den Steuervorteilen für die Firmensportwagen? Eine schweineteure Subvention für Menschen, die sie gar nicht nötig haben. Die müssen ja ein teures Auto fahren um ihre zumeist auf Einbildung gegründete Wichtigkeit zu dokumentieren. Ein reiner Mitnahmeeffekt. Ich gehen jede Wette ein, diese antiökologische und asoziale Hochsubvention der Reichen und Wohlhabenden werden auch die Grünen nicht kippen. Das allgemeine Tempolimit auf Autobahnen werden sie übrigens ebenfalls nicht einführen, diese Blender.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • snoek
    • 06. April 2011 11:27 Uhr

    "An welchem Statussymbol anstelle des Autos kann man denn dann den erfolgreichen Wirtschaftsbürger erkennen."

    Mein Vorschlag: Wohnung in der Innenstadt. Ist es ja jetzt schon. Wenn man in der Innenstadt wohnt und arbeitet, dann braucht man sich über Verkehrsmittel wenig Gedanken zu machen. Man kann überall hin laufen.

  6. Eine interessante Vision.

    Mir kommen die Tränen, wird die Autolobby nicht mehr bei uns die tollen und für die Stadt so nützlichen Porsche Cayennes und Audi A8s absetzen können.

    Man stelle sich die Häuser an einer sechsspurigen Straße in einer Großstadt vor, im Jahre 2011. Und das gleiche Bild 2050, mit weniger Autos und Elektromotoren, ohne Donnern von Dieselmotoren und dem Geruch von Benzin.

    Sobald wir die Solarenergie richtig speichern können, geht es so richtig los mit der Energiewende.

    Ich glaube das wird den meisten Menschen gut tun.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • snoek
    • 06. April 2011 11:31 Uhr

    Was sie da schreiben klingt wunderbar. Weniger Lärm, Gestank und auch mehr Platz, weil die parkenden Autos nicht jeden Quadratzentimeter besetzen.

  7. Es ist unstrittig dass sich etwas ändern muss. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass vieles nur mit Zwang erreichbar ist. Einen freiwilligen Umdenkungsprozess wie in diesem Artikel sehe ich noch nicht. Abgesehen davon sind solche langfristigen Prognosen von einem Wunschdenken gesteuert und nicht von wissenschaftlichen Grundlagen. Die Ressourcen sind natürlich begrenzt. Aber erst dann wenn es tatsächlich erkennbar und fühlbar ist wird sich grundsätzlich etwas ändern. Die globale Erwärmung wird, wenn sie denn tatsächlich nachhaltig stattfindet, wird nicht der Grund für Verhaltensänderungen sein. Der öffentliche Verkehr, besonders im Nahbereich, stößt schon heute an seine Grenzen wegen eben der auch begrenzten Infrastruktur. Man kann nicht einfach den Takt von S-Bahnen von heute zwischen 15 und 20 Minuten auf 2 oder 3 Minuten herabsetzen. Vieles in diesem Artikel ist her Glaube und Hoffnung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wollen eine entscheidenden Rolle. Denn 2-3 Minutentakt geht proplemlos mit der Wuppertaler Schwebebahn schon heute, bzw. seit Jahrzehnten. Nur wenn man nicht in neue Technologien forscht und entwickelt, bleibt alles wie es ist. Da stellt sich natürlich die Frage, warum das so ist??? Kann es sein das wir Leute an Stellen haben, die überhaupt kein Interesse haben den Status Qwo zu ändern ??? Wie nennt man die noch so schön nett umschrieben : "Lobbyisten"??? Solange die den Einfluß haben, wie bis heutigen Tag, tut sich da gar nichts!!! So einfach ist das und gleichzeitig so traurig!!!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service