Es klingt paradox: Ein Erdgasauto wie der Mercedes E200 NGT könnte seinen Verbrennungsmotor bald mit Windstrom betreiben – zumindest indirekt. Denn ein Team aus Forschungsinstituten und Unternehmen hat einen alten Trick ausgegraben, wie man aus elektrischer Energie Erdgas macht. Dieser funktioniert erstaunlich einfach und bedarf nur zweier Schritte. Zuerst wird der Strom genutzt, um Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten. Nach dieser Elektrolyse lässt man den Wasserstoff mit Kohlendioxid reagieren, um Methan zu synthetisieren. Der Prozess ist nach dem 1941 verstorbenen französischen Chemiker Paul Sabatier benannt.

Ursprünglich ging es dem Fraunhofer Institut für Windenergie und Systemtechnik (IWES), dem Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung Baden-Württemberg (ZSW) und der Firma Solar Fuel Technology aber gar nicht darum, einen gasförmigen Kraftstoff fürs Auto zu erzeugen. Das funktioniert zwar, und die Entwickler haben dem auf diese Weise hergestellten Methan das Kürzel SNG für Substitute Natural Gas (Erdgasersatz) gegeben. Bisher wird Methan – umgangssprachlich Erdgas genannt – auf Basis fossiler Ressourcen an Tankstellen unter dem Kürzel CNG ( Compressed Natural Gas ) verkauft, und mit Methan jeder Herkunft fahren alle der zurzeit noch seltenen Erdgasautos .

Doch das Ziel der Forscher war vielmehr eine Möglichkeit, Strom aus erneuerbaren Quellen zu speichern. Vor allem überschüssiger Strom – zum Beispiel bei starkem Wind oder Sonnenschein – muss künftig gespeichert werden können, um ihn dann abzurufen, wenn er gebraucht wird, also bei Flaute oder Regen. Dabei stießen die Partner auf das bis in den letzten Winkel der Republik verzweigte Erdgasnetz. Die Idee: Man müsste dessen gigantische Kapazität von über 200 Terawattstunden als Stromspeicher nutzen. Mit dem Sabatier-Prozess ist das möglich. Das dabei entstehende Methan wird zum Energieträger – ab damit ins Erdgasnetz.

Diese Technik hat allerdings einen Nachteil: Bei jeder Umwandlung geht Energie verloren, der Wirkungsgrad der Methanisierung liegt bei gut 60 Prozent. "Das ist unserer Meinung nach aber definitiv besser als der vollständige Verlust", sagt Michael Specht vom ZSW. Den gab es in der Vergangenheit häufig, wenn etwa Windkraftanlagen ausgerechnet bei starkem Wind abgeschaltet werden mussten.

Interessant ist, dass man den zweiten Schritt der Umwandlung, also die Synthese von Kohlendioxid und Wasserstoff zu Methan, auch weglassen kann. Bereits der Wasserstoff kann direkt ins Erdgasnetz eingespeist werden. Der Ökostromanbieter Greenpeace Energy kündigt dieses Produkt bereits als "Windgas" zum Verkauf an. Die Beimischung von Wasserstoff bereitet zumindest bei geringen Volumen technisch keine Probleme. Es gibt sogar schon einen Standard dafür: Die DIN 51624 über die "Anforderungen an Erdgas als Kraftstoff" in Autos sieht zwei volumetrische Prozentpunkte Wasserstoff (chemisches Kürzel: H) vor. Statt E10 könnte es also bald H2 heißen, wenn es um Erdgasautos geht.

Der Autokonzern Volkswagen steht dieser Entwicklung aufgeschlossen gegenüber. Die für Erdgas ausgelegten Motoren, die hier unter dem Label EcoFuel laufen, vertragen selbstverständlich den DIN-Kraftstoff. Der TSI-Motor mit 1,4 Litern Hubraum, Kompressor und Turbolader nivelliert eventuelle Leistungs- und Drehmomentdellen bei besonders niedrigen oder hohen Drehzahlen, wie sie im Erdgasbetrieb typisch sind. Möglicherweise sieht VW für die 2012 erwartete siebte Ausgabe des Golfs eine Erdgasvariante vor. Dann könnte der Konzern sämtliche seiner Modelle, die auf dem Golf beruhen, mit Erdgasantrieb anbieten – bei der Hauptmarke selbst sowie bei Škoda, Seat und Audi.