Elektroauto : Notbremsen statt Designgeräuschen

Elektroautos sind leicht zu überhören. Um Unfälle zu vermeiden, könnten Autos mit technischen Systemen ausgestattet werden, die ohne das Zutun des Fahrers bremsen.
Ein mit Elektromotor betriebener Opel Ampera fährt los – nahezu lautlos. © Opel

Der Traum von Städten, die dank Elektroautos leiser und darum lebenswerter werden, droht zu zerplatzen. Zwar reduziert der geräuscharme Antrieb gerade beim Anfahren innerorts die gesundheitsschädlichen Lärmemissionen. Aber genau darum wächst eine neue Gefahr: Wer ein Fahrzeug nicht oder zu spät wahrnimmt, kann angefahren werden. Nun könnte die Chance auf weniger Schall der Sicherheit geopfert werden. Eine Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen empfiehlt künstliche Fahrgeräusche, um vor allem Fußgänger besser zu schützen. Der US-Kongress hat bereits Ende 2010 ein entsprechendes Gesetz verabschiedet.

Bei den Autoherstellern arbeiten Sounddesigner bereits an solchen Geräuschen. Dabei wäre das gar nicht notwendig, meint Leonie Hause vom Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen. "Wir glauben, dass neue intelligente Assistenzsysteme eine geeignete Antwort auf die Gefahr schlecht wahrnehmbarer Autos ist." Die Wissenschaftlerin stützt sich bei ihrer These auf eine fortlaufende Reihe von Experimenten . Die wichtigsten Ergebnisse: Jeder Verkehrsteilnehmer kann ein Auto überhören oder übersehen, unabhängig vom eingebauten Autoantrieb und von eventuellen Einschränkungen.

Zwar sind Blinde und Sehbehinderte zunächst aus nachvollziehbaren Gründen betroffen, denn sie nutzen klassische Motorengeräusche auch als Orientierung im Straßenverkehr. In mehreren Studien untersuchten Leonie Hause und ihr Team, wie verschiedene Personengruppen modellgleiche Autos mit unterschiedlichem Antrieb wahrnehmen. Es fuhr beispielsweise ein Smart mit Dieselmotor, einer mit Benzinmotor und einer mit Elektroantrieb an den Probanden vorbei – mal in Konstantfahrt, mal beim Ausrollenlassen, mal mit voller Beschleunigung.

Tatsächlich fühlten sich besonders Sehbehinderte in ihrem Sicherheitsgefühl beeinträchtigt. Allerdings zeichnen die Versuchsergebnisse ein differenziertes Bild. Zwar sind Elektroautos unter Umständen leiser und damit gefährlicher. Ob jemand aber sehen kann oder nicht, ist nicht das entscheidende Merkmal. Denn weite Teile der Bevölkerung können zeitweise ein Fahrzeug mit ihren Sinnen nicht wahrnehmen – zum Beispiel, weil ihre Konzentration ganz auf ein Lied auf ihrem MP3-Player gerichtet ist oder weil sie auf andere Weise abgelenkt oder eingeschränkt sind.

Ob ein Auto wahrgenommen wird oder nicht, liegt außerdem nicht unbedingt am Antrieb. Elektroautos sind in der Praxis nur in einem kleinen Geschwindigkeitsbereich bis rund 30 Stundenkilometer leiser, ergaben die Untersuchungen am CAR. Darüber verschwimmen die verschiedenen Motor-, Abroll- und Windgeräusche zu einer rauschenden Gemengelage. "Noch nicht veröffentlichte Ergebnisse einer dritten Messreihe lassen vermuten, dass ein akustisch gut gemachtes Auto mit Verbrennungsmotor kaum von einem identischen mit Elektroantrieb zu unterscheiden ist", ergänzt Hause.

Da also alle betroffen sind, könnten automatische Notbremssysteme eine Lösung sein, eine Weiterentwicklung von Tempomaten mit automatischer Abstandsregulierung. Volvo bietet seit 2010 als einer der ersten Hersteller ein solches System als "Fußgängererkennung mit automatischer Notbremsfunktion" an. Das System erkennt Fußgänger dank Radar und Kamera: Der Radar ortet ein Objekt vor dem Auto und misst den Abstand, die Kamera und eine Software im Hintergrund prüfen dann, ob es ein Mensch ist, der eventuell vors Auto läuft.

Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Notbremsassistenten?

Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit einem nicht abschaltbaren Notbremsassistenten, wenn Ihr Auto einen Fehler in der Elektrik hat...

Zu den Motorengeräuschen:

Dass es zu Beginn mit Elektroautos gefährlicher wird ist keine Frage. Zwar stimmt es, dass man auch so häufig abgelenkt ist (Mp3-Player etc.) aber dann verhält man sich auch der Situation entsprechend. Wenn ein ruhiger Tag ist und keinerlei ablenkende Geräusche um einen herum sind geht man dennoch nicht davon aus, dass ein Auto komt, wenn man nichts hört.

Den Lärm künstlich einzubauen ist jedoch fortschrittsfeindlich. Man sollte dieses erhöhte Anfangsrisiko schlicht in Kauf nehmen, bis sich die Gesellschaft daran gewöhnt hat.

Ich freu mich drauf!

"... droht ein Unfall, macht das Auto selbst eine Vollbremsung."

Ja und wenn dann das Auto der Oberstudienrätin vor mir, wegen der deutschen Dogge auf der Straße, eine Vollbremsung hinlegt weil die Dame, vor lauter Gepiepe und geblinke in ihrer Fahrgastzelle, vor lauter Panik nicht weis was sie machen soll, rauche ich da voll hinten rein.

Wer ist dann "dran schuld"? Wahrscheinlich ich weil ich aufgefahren bin oder kann ich dann Schadenersatz von der dämonischen KI einfordern?

Meinen Sie das Ernst?

Natürlich sind dann Sie schuld.

Schon in der Fahrschule haben wir alle gelernt, dass jeder - Sie und ich - ausreichend Sicherheitsabstand halten müssen um selbst im Falle einer Vollbremsung des Vordermanns noch rechtzeitig halten können.

Wenn Sie nicht rechtzeitig bremsen können, können Sie sich auch nicht rausreden. Ich spreche in der Sache aus Erfahrung.