BorgwardDer Niedergang eines Wirtschaftswunder-Unternehmens

Der Name Borgward ist eng mit dem Wirtschaftswunder verknüpft. Vor 50 Jahren ging der Konzern in Konkurs, doch Zweifel an der Zahlungsunfähigkeit bleiben bis heute. von 

Es hat gut angefangen für Borgward nach dem Krieg: Der Kleinstwagen Lloyd LP 300 des Bremer Konzerns, wegen seiner Kunstlederhaut Leukoplastbomber genannt, ist mit niedrigen Herstellungskosten, billigen Ersatzteilen und geringem Verbrauch das ideale Gefährt für die Nachkriegszeit. Mitte der fünfziger Jahre stehen Borgwards Modelle hinter VW und Opel an dritter Stelle der deutschen Zulassungsstatistik.

Als es den Deutschen finanziell wieder besser geht, wird ihnen der Leukoplastbomber zu klein. In der Mittelklasse gelingt Borgward der Anschluss: Die von 1954 an gebaute Borgward Isabella wird zum Traumauto der Wirtschaftswunder-Profiteure. Familien-Sportwagen nennt Borgward das Modell, das in der Variante TS (Touren-Sport) 75 PS unter der eleganten Haube hat. Mehr als 200.000 Mal verkauft sich die Isabella bis 1962 – sogar Paul Newman fährt eine.

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Weniger erfolgreich ist das Borgward-Design in der Oberklasse. Der Hansa 2400, von 1952 an zunächst mit Schrägheck, trifft den Geschmack der Kunden nicht so recht. Anfängliche Schwachstellen wie schlechte Bremsen und Mängel am von Borgward selbst entwickelten Automatikgetriebe bringen auch die 1953 hinzukommende Stufenheck-Variante in Verruf. Der Oberklasse-Borgward wird 1958 eingestellt, gerade mal rund 1.400 Stück sind verkauft. Der Nachfolger P100, der "Große Borgward", soll 1959 Abhilfe bringen.

Kritische Berichte

Firmenchef Carl Friedrich Wilhelm Borgward redet bei seinen Modellen – in der unteren Mittelklasse etwa Lloyd Arabella und Lloyd Alexander – bis ins Detail mit. Aber er hat nicht alles im Griff. Die meisten Modelle leiden an Kinderkrankheiten, die Isabella zum Beispiel hat undichte Stellen sowie anfällige Vorderachsen und Frontscheiben. Die ersten Arabellas müssen gar mit Getriebeschäden zurück ins Werk und werden für viel Geld nachgebessert.

Im Dezember 1960 widmet der Spiegel Borgward die Titelgeschichte "Der Bastler". Der Konzernboss wird als beratungsresistenter Patriarch gezeichnet, der einsame Entscheidungen trifft und unter einem "Novitäten-Komplex" leidet: "Wie kein anderer Automobilfabrikant der Welt hetzte Carl F. W. Borgward in seinen drei Werken von Neukonstruktion zu Neukonstruktion", heißt es da, "Modelle, Typen und Marken entstanden und verschwanden, tauchten mit abgewandelten Formen, veränderter Ausrüstung und ausgetauschten Marken wieder auf und hinterließen beim Käufer die Empfindungen eines Wechselbades."

Es ist nicht die einzige kritische Geschichte, die in diesen Tagen über Borgward geschrieben wird. Heutige Fans der Marke vermuten eine Verschwörung der Konkurrenz hinter dem plötzlich so schlechten Image, das Berichte in Bild-Zeitung und Tagesschau hinterlassen.

Aber Borgward hat es wohl tatsächlich verpasst, sich dem Wandel der Märkte anzupassen: Die Zeit des Mangels ist vorbei, und in der wachsenden Produktvielfalt wird die Marke immer wichtiger. Doch Borgwards zahlreiche Modelle kommen aus den Carl F. W. Borgward Automobil- und Motoren-Werken, aus dem Goliath-Werk und den Lloyd Motorenwerken und werden unter allen drei Namen produziert. Die dreifache Struktur verschlingt außerdem unnötig Geld. Die öffentlich-rechtliche Bremer Landesbank gewährt dem Konzern hohe Kredite, die in den Medien kritisch thematisiert werden.

Leserkommentare
  1. Ein Grund, es sich nicht mit Politikern zu verscherzen – Carl F. W. Borgward hatte sich zuvor offen zu seiner Antipathie gegen die SPD bekannt, warf ihnen mangelnde Wirtschaftskompetenz vor. Die Rache war dann die Weigerung einer Bürgschaft des Senats, und damit folgte der unnötige Konkurs.

  2. ... habe ich sowohl im "Leukoplastbomber" als in der "Isabella" gesessen. Ich erinnere mich gern an die Ausflüge im "Bomber" von "Isabella" bin ich aber heute noch begeistert. Es waren für damalige Verhältnisse schon recht rasante Fahrten. Weshalb Borgward dicht machen musste, habe ich damals nicht verstanden. Durch diesen Bericht habe ich wenigstens eine kleine Ahnung. Danke.

  3. Ich kann aus verständlichen Gründen keine Namen nennen ....

    Mein Onkel hatte einen sehr hohen Posten bei einer anderen Automarke. Die Hausbank dieser Automarke hatte erkennen lassen, dass sie Borgward einen Übergangskredit gewähren wollte. Der Vorstand dieser Automarke hatte daraufhin der Bank gedroht die Geschäftsverbindung zu beenden.

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    Das, was sie aus Ihrem Umfeld berichten, haben damals schon bald die Spatzen von den Dächern gepfiffen:

    BMW und Mercedes haben dafür gesorgt, dass keine Bank den benötigten Überbrückungskredit an Borgward gegeben hat. Auf diese Weise konnten sie sich der Konkurrenz entledigen.

    Diese Praxis ist übrigens bis heute üblich. Die Banken machen gewissermaßen Marktbereinigung in ihrem Sinne: Wenn eine Bank einen großen Kunden und einen kleinen Kunden aus der selben Branche hat, dann kommt es vor, dass dem kleinen Kunden die Pistole auf die Brust gesetzt wird. Dies läuft nicht über Konkurs, sondern über einen Verkauf des Unternehmens, der durch angedrohten Kreditentzug erzwungen wird. Die Verträge sind dann so gestaltet, dass der Besitzer des liquidierten Unternehmens froh sein kann, wenn ihm noch das Gnadenbrot bleibt. (Diese Dinge weiß ich auch aus Quellen, die ich nicht benenne...)

    • medwed
    • 27. Juli 2011 13:33 Uhr

    ...dass die Verschwörungstheoretiker sich zu Wort melden. "Ich kann aus verständlichen Gründen keine Namen nennen", das glaube ich aufs Wort, weil es keine Namen gibt, die genannt werden könnten. Sowieso nicht zu einer Geschichte, die mittlerweile fünfzig Jahre zurückliegt. Und besagter Onkel würde sich wahrscheinlich bedanken, solchen Unsinn über sich lesen zu müssen. So diese Person überhaupt existiert.

    Die Realität ist – in der Kurzform – viel einfacher: Borgward war ein begnadeter Techniker, aber ein ebenso miserabler Unternehmer. Daran ist die Marke untergegangen, aber nicht an irgendwelchen kruden Verschwörungen. An solche Romane glaubt nur, wessen Kenntnisse mehr auf Hörensagen denn auf Wissen basieren.

  4. Vielleicht liegt in dieser dämlichen und offensichtlich sachlich unkundigen Politik des damaligen Bremer Senats auch der Beginn des Schuldendesasters in diesem offensichtlich jahrzehntelang völlig weltfremd verwalteten Stadtstaats.

    • brazzy
    • 27. Juli 2011 11:06 Uhr

    Darüber daß Borgward zahlungsunfähig war gibt es keinerlei Zweifel, sonst wäre ja nichts passiert. Daß am Ende alle Forderungen beglichen werden konnten ändert daran nichts, zahlungsunfähig ist nicht das Gleiche wie überschuldet.

    Es reicht halt nicht, mehr einzunehmen als auszugeben, man muß auch drauf achten daß jederzeit genug Einnahmen eingehen *bevvor* den Ausgaben anfallen liegen - Cash Flow-Management nennt sich das.

    Wahr ist, daß eine kurzfristige Zahlungsunfähigkeit rein aufgrund einer Cash-Flow-Lücke normalerweise ohne Problem mit Krediten überbrückt werden kann - in diesem Fall fand sich nun niemand, der einen solchen Kredit gewähren wollte. Hier wird gemutmaßt, dahinter müsse eine Verschwörung stehen, aber das halte ich für unwahrscheinlich - wer hätte alle größeren deutschen Banken dazu bringen können, auf leicht verdientes Geld zu verzichten? Zugegeben, ich weiß nichts über die Struktur des deutschen Bankenwesens zu dieser Zeit, und die Verflechtungen der Adenauer-Ära sind legendär. Aber eine genausogute Erklärung ist, daß die Firmenstruktur von Borgward so undurchsichtig war, daß es zunächst keineswegs offensichtlich war, daß die Firma in der Lage war, den Kredit zurückzuzahlen, und deswegen neimand das Risiko eingehen wollte.

  5. Das, was sie aus Ihrem Umfeld berichten, haben damals schon bald die Spatzen von den Dächern gepfiffen:

    BMW und Mercedes haben dafür gesorgt, dass keine Bank den benötigten Überbrückungskredit an Borgward gegeben hat. Auf diese Weise konnten sie sich der Konkurrenz entledigen.

    Diese Praxis ist übrigens bis heute üblich. Die Banken machen gewissermaßen Marktbereinigung in ihrem Sinne: Wenn eine Bank einen großen Kunden und einen kleinen Kunden aus der selben Branche hat, dann kommt es vor, dass dem kleinen Kunden die Pistole auf die Brust gesetzt wird. Dies läuft nicht über Konkurs, sondern über einen Verkauf des Unternehmens, der durch angedrohten Kreditentzug erzwungen wird. Die Verträge sind dann so gestaltet, dass der Besitzer des liquidierten Unternehmens froh sein kann, wenn ihm noch das Gnadenbrot bleibt. (Diese Dinge weiß ich auch aus Quellen, die ich nicht benenne...)

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    unbesehen jedes wort. das entspricht genau dem, was ich mir in meinen vorurteilen über industrie und finanzindustrie ohnehin vorstelle. obendrein ist es auch der grund dafür, dass ich vertretern beider sektoren nicht für einen zehntelgroschen vertraue. und diesem geseiere vom markt, der schon alles regulieren wird erst recht nicht... mit freiheit hat das nichts zu tun, eher schon mit der diktatur des geldes.

    Das entspricht auch der brutalen Art und Weise wie BMW damals den Autobauer Glas in Dingolfing an die Wand gedrückt hat.

    Glas war auch nicht überschuldet sondern illiquide und von den Banken zwangsläufig verlassen.

    Wenn man das äußert wird einem entgegengehalten, dass Glas ohnehin mittelfristig fertig gewesen wäre und der Standort sich unter BMW immerhin mit 18.000 Beschäftigten zum größten Industriestandort Niederbayerns entwickelt habe. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings auch dass BMW Dingolfing ein Schwerpunkt von Leiharbeit und Dumpinglöhne ist.

    Und dazu die Preisfrage: Welcher Autobauer produziert heute in Bremen? Und dies schon seit längerem.

    Ja ja - nicht nur Politik ist ein schmutziges Geschäft.

  6. unbesehen jedes wort. das entspricht genau dem, was ich mir in meinen vorurteilen über industrie und finanzindustrie ohnehin vorstelle. obendrein ist es auch der grund dafür, dass ich vertretern beider sektoren nicht für einen zehntelgroschen vertraue. und diesem geseiere vom markt, der schon alles regulieren wird erst recht nicht... mit freiheit hat das nichts zu tun, eher schon mit der diktatur des geldes.

    Antwort auf "So ist es!"
    • medwed
    • 27. Juli 2011 13:33 Uhr

    ...dass die Verschwörungstheoretiker sich zu Wort melden. "Ich kann aus verständlichen Gründen keine Namen nennen", das glaube ich aufs Wort, weil es keine Namen gibt, die genannt werden könnten. Sowieso nicht zu einer Geschichte, die mittlerweile fünfzig Jahre zurückliegt. Und besagter Onkel würde sich wahrscheinlich bedanken, solchen Unsinn über sich lesen zu müssen. So diese Person überhaupt existiert.

    Die Realität ist – in der Kurzform – viel einfacher: Borgward war ein begnadeter Techniker, aber ein ebenso miserabler Unternehmer. Daran ist die Marke untergegangen, aber nicht an irgendwelchen kruden Verschwörungen. An solche Romane glaubt nur, wessen Kenntnisse mehr auf Hörensagen denn auf Wissen basieren.

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    • TDU
    • 27. Juli 2011 15:40 Uhr

    So rigoros würde ich das nicht von der Hand weisen, dass dran gedreht wurde, ohne jedoch in Verschwörungstheorien zu verfallen.

    Die Insolvenzvorschriften waren damals andere. Überschuldung gab es nicht. Aber einen Sanierer, der auch einen auf der Kippe stehenden Konkurrenten betreut?. Das gäbe es heute nicht mehr. Aber damals glaubte man noch an das Gute im Menschen wie beim Euro zum letzten Mal. Der Sanierer ist ganz objektiv und keiner wird die Preise anheben.

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  • Schlagworte BMW | Bremer Landesbank | Konkurs | Paul Newman | Kinderkrankheit | Mexiko
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