DesignstudieMehr Platz in der kleinsten Hütte

Kleinwagen gelten als eng und unflexibel: Größere Menschen und Einkäufe bringt man nicht unter. Ein Zulieferer beweist das Gegenteil mit einem beeindruckenden Konzept. von Marcel Sommer

Ein Kleinstwagen von unter vier Metern Länge? Darin kann es ja nur eng zugehen, denken sich viele. Muss es aber nicht zwangsläufig, kontert Johnson Controls. Der US-Autozulieferer mit europäischem Sitz in Burscheid zeigt an einem futuristischen Kleinstwagen, wie man auch auf kleinem Raum den Passagieren überraschend viel Platz bieten kann. Darum ist das Besondere an dem Vorzeige-Vehikel weniger die Außenhaut oder die in ihm verbaute Technik, sondern die Innenraumgestaltung.

Dafür haben die Entwickler von Johnson Controls einen Kia Soul umgebaut zu ihrem Konzeptfahrzeug ie:3 – ie steht dabei für Inspiration und Effizienz. Beides zeigt sich in dem beeindruckenden Sitzkonzept. Eine wirklich clevere Lösung wurde für den Beifahrersitz gefunden: Er lässt sich nach dem Kinosesselprinzip so einklappen, dass die Sitzfläche steil vor der Rückenlehne steht. Dann lässt sich zum Beispiel die eben gekaufte Getränkekiste locker im Fußraum verstauen.

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Ist einem Mitfahrer nach viel Beinfreiheit zu Mute, kann er den Beifahrersitz mit einer Handbewegung so zusammenklappen, dass eine ebene Fläche zustande kommt. Dann kann er es sich auf dem rechten Rücksitz mit hochgelegten Beinen bequem machen. Die bis zu 45 Grad kippbaren Rücksitze komplettieren dabei das Lounge-Gefühl wie in der Business-Klasse eines Flugzeugs. Für den ganz großen Einkauf lassen sich alle Sitze, bis auf den Fahrersitz, zu einer ebenen Fläche umklappen. 2.200 Liter Stauraum stehen dann zum Beladen bereit.

Doch mit den flexiblen und zugleich besonders leichten Sitzen endet das Zukunftskonzept des ie:3 noch lange nicht. Das Burscheider Unternehmen will auch zeigen, wie viel Technik man weitgehend unbemerkt auf vier Metern Länge verstauen kann. Das beginnt schon mit den Lautsprecherboxen: Die wurden nämlich kurzerhand ausgebaut und durch ein nicht sichtbares Leichtbau-Audiosystem mit kleinen Transmittern unter dem Stoff des Dachhimmels ersetzt. Das senkt das Gewicht und schafft Raum – etwa für mehr Ablagen.

Doch nicht nur die Mitfahrer sollen in Zukunft von der modernen Technik profitieren. Die Entwickler haben im ie:3 auch ein Head-up-Display integriert, auf dem alle für den Fahrer relevanten Daten wie Geschwindigkeit oder Navigation angezeigt werden. Der Unterschied zu herkömmlichen Head-Ups liegt in der ausfahrbaren kleinen Scheibe, auf die im Sichtfeld des Fahrers die Daten projiziert werden. Eine kostenaufwendige Kalibrierung des Gerätes ist nicht mehr erforderlich. Somit lässt sich ein solches System leicht und günstig auch in kleineren Fahrzeugklassen einbauen. Was im Übrigen bereits geschieht: Eine ähnliche Technik ist in aktuellen Fahrzeugen von Peugeot oder Citroën zu finden.

Besonders stolz ist man in Burscheid auf die hohe Benutzerfreundlichkeit der Technik im ie:3. Dazu zählt vor allem das konfigurierbare, neun Zoll große Multi-Touch-Display in der Mittelkonsole. Darüber können Fahrer und Beifahrer die Bordelektronik bedienen, von der Klimaanlage über das Radio bis zur Navigation. Das Besondere dabei: Der Bildschirm reagiert nicht auf Druck, wie sonst bei Navigationssystemen, sondern auf Berührungen und Bewegungen wie etwa beim iPhone oder iPad.

Der ie:3 ist als Elektrofahrzeug konzipiert – vor allem deshalb, weil Johnson Controls neben Autositz-Systemen und Innenräumen auch Batterietechnik liefert: Das Unternehmen ist der weltgrößte Hersteller von Starterbatterien. Darum setzt Johnson Controls auf Elektromobilität, bei der es immer mehr auf leistungsstarke und doch kompakte Akkus ankommt. Auch hier sieht sich der US-Konzern gut aufgestellt: Der Elektromotor im ie:3 erhält seinen Strom aus einem 23,7 kWh großen Lithium-Ionen-Akkupaket mit 216 Einzelelementen. Diese sind besonders flach und liegen direkt über dem Boden. Voll besetzt soll der Wagen damit rund 160 Kilometer weit fahren, heißt es. Nach sechs bis acht Stunden Ladezeit sei der Akku wieder voll.

Johnson Controls präsentiert den ie:3 ab 15. September auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt. Dabei hebt das Unternehmen hervor, dass die vorgestellten Systeme keine Zukunftsmusik sind. Die Neuheiten in dem Showcar seien weitestgehend serienreif und könnten bereits in die Fahrzeuggeneration des Modelljahres 2015 einziehen. In vier Jahren also – dann wäre wieder eine IAA am Main. Mal sehen, ob man dann die Ideen des US-Zulieferers in manchen Markenfahrzeugen wiederfindet.

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Leserkommentare
    • fx-555
    • 29. August 2011 20:53 Uhr
    1. Toll!

    Endlich ein kleines und(!) praktisches Fahrzeug.
    Gut, das Head-up-Display und das Multi-Touch-Display könnte man auch aus kostengründen weglassen.
    Ansonsten tolles Konzept.

    2 Leserempfehlungen
  1. "er Bildschirm reagiert nicht auf Druck, wie sonst bei Navigationssystemen, sondern auf Berührungen und Bewegungen"

    Das wird jedem mit etwas knochigeren Fingern Probleme ohne Ende bereiten. Dazu kommt dann auch noch dass ein Touchscreen kein "Feedback" gibt. Ein Knopf bewegt sich und dadurch weiß ich dass dieser meine Eingabe registriert hat - ein Touchscreen nicht... abgesehen davon dass man auf den Bildschirm schauen muss, während man Knöpfe erfühlen kann.

    Aber die Einsicht kommt vermutlich wenn ein paar von diesen Kleinwagen im Straßengraben landen...

    2 Leserempfehlungen
  2. Ich frage mich, weshalb man so eine Studie entwirft? Zumal es kontraproduktiv ist:
    Wenn ich mich nach hinten setzen muss, um die Beine auszustrecken, dann verliere ich den Nutzen des Beifahrerairbags. Ebenso verliert man die Säule zwischen den Türen, da kann man im Grunde auch gleich Bolzenschussgeräte in den Dachhimmel integrieren, damit im Falle eines Aufpralls die Insassen nicht so sehr leiden müssen...

    Es verwundert auch, dass überall Pads eingestöpselt werden sollen müssen. Handy könnte ich ja noch verstehen, aber andauernd DIN A4 mitschleppen? Mag für Businesskasper elementar wichtig sein, im Alltagsleben stört so ein Ding aber. Muss man schließlich auch beim Einkauf mitschleppen, beim Zahnarzt etc., denn Scheibe einschlagen und Pad rausziehen lohnt sich, paar hundert Euro ohne zu Schrauben, das geht mit keinem Autoradio!

    Und ich wünschte mir, man würde die Energie der Designstudien in Batterieentwicklung umleiten, dann könnte die Technik auch irgendwann bezahlbar UND alltagstauglich werden. Dann kann der Wagen nämlich auch normale Größe haben, die baut man nämlich nur deshalb so klein, weil die Motörchen nicht mehr leisten können.

    Es ist schon albern, angeblich sei die Technik bereits seit hundert Jahren serienreif, aber es steht kein einziger bezahlbarer Wagen im Autohaus. 30k und mehr für nen Kleinwagen ist nicht "serienreif". Denn zu dem Preis verkauft man nicht in Serie!

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  3. Da fragt man sich schon mal, was den Kurs einer Daimler Aktie rechtfertigt - Phantasie bestimmt nicht, denn die
    fehlt den Entwicklern i.d.R.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Peugeot | Akku | Elektrofahrzeug | Elektromobilität | IAA | Kia
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