Rallye Sachsen ClassicKampf gegen die Stoppuhr

Schnell fahren mit viel PS kann jeder. Bei der Sachsen Classic triumphieren auch Oldtimer mit weniger Leistung – vorausgesetzt der Fahrer hat ein gutes Gefühl für Timing. von Sebastian Viehmann

"Sechs… fünf… vier… mehr Gas geben, da vorn ist schon die Lichtschranke! Drei… zwei…" Der Beifahrer gibt Kommandos, unerbittlich verrinnen die Sekunden. Noch zehn Meter bis zum Ziel der Wertungsprüfung. Bernhard Kadow am Steuer des Porsche 912 gibt Vollgas, doch es reicht nicht ganz. Sein Youngtimer rollt einen Tick zu spät durch die Lichtschranke. Und ein Tick kann bei der Sachsen Classic richtig viel sein: Routinierte Teams schaffen die Wertungsprüfungen manchmal auf die Zehntelsekunde genau. Für jede Abweichung kassiert man nämlich Strafpunkte.

Die Wertungsprüfungen, kurz "WPs" genannt, sind das Tüpfelchen auf dem i der 652 Kilometer langen Rallye, die in drei Tagen durch Sachsen und die angrenzende Tschechische Republik führt – über verschlungene Wege letztlich von Dresden nach Leipzig. Bei den unangekündigten Sonderprüfungen geht es immer um Gleichmäßigkeit. Eine exakt abgegrenzte Strecke muss innerhalb einer auf die Sekunde festgelegten Zeit durchfahren werden, Anhalten während der Prüfung ist verboten. Oft sind die Aufgaben sogar ineinander verschachtelt: 560 Meter in 67 Sekunden zurücklegen und mittendrin ein Teilstück von 320 Metern in 27 Sekunden abfahren – da gerät der Beifahrer mächtig ins Schwitzen, jongliert mit zwei Stoppuhren und erntet den vernichtenden Blick des Piloten, wenn er das Herunterzählen vergisst.

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Viele Teams starten in der Sanduhr-Klasse. Dort sind digitale Hilfsmittel nicht erlaubt, man drückt sich nach alter Väter Sitte an der Stoppuhr die Finger wund. So richtig kontrollieren kann das natürlich niemand, und so wird das Regelwerk hier und da schon einmal etwas freizügiger ausgelegt. Das eigene Smartphone ermittelt per GPS die exakte Position sowie die gefahrenen Kilometer, und fürs iPad kann man sich komplette Apps für die Wertungsprüfungen herunterladen: Kollege Computer stellt den Ablauf schematisch dar und übernimmt für den Beifahrer auch noch das Herunterzählen. Wer etwas auf sich hält, bleibt natürlich bei der guten alten Stoppuhr – denn selbst wenn man eine Prüfung komplett versemmelt, macht es einen Heidenspaß. Als kleines Trostpflaster wird bei jedem Team die jeweils schlechteste Prüfung nicht gewertet.

Bei Regen hört der Spaß allerdings auf. Als am zweiten Tag bei der Dreiländereck-Etappe der Himmel seine Schleusen öffnet, fallen die Wertungsprüfungen der letzten beiden Teilstrecken weg. Aus Sicherheitsgründen geht es gar nicht anders – in der dichten Regenwand und bei glatter Straße sind gerade die Fahrer der Vorkriegs-Rennwagen froh, wenn sie ihre Kolosse überhaupt auf der Straße halten können. In manchen Cabriolets steht trotz Verdeck bald Wasser. Ganz schlimm getroffen hat es das Team im offenen Karmann Buggy. Sichtlich entnervt, aber eisern steuern die beiden Männer, gehüllt in mehrere Lagen Regenzeug, das grüne Spaßmobil durch gewaltige Pfützen.

Bei allem Ehrgeiz ist die Sachsen Classic aber in erster Linie eine große Gaudi für Automobilfans, sowohl auf als auch neben der Straße. Während die ehrwürdige Silvretta fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit durch die Alpen führt, stehen bei der Sachsen-Rallye in jedem Dorf winkende und jubelnde Menschen am Straßenrand. Marktplätze in Görlitz, Hoyerswerda oder im tschechischen Krásná Lípa werden zu rollenden Automuseen. Unbezahlbare Bentleys sind ebenso mit von der Partie wie ein Ford Granada und ein Ford Taunus. Das Team von Volkswagen Classic schickte mehrere Käfer ins Rennen, darunter den Sympathieträger "Herbie" sowie ein paar schicke Karmann-Klassiker.

Die osteuropäische Autohistorie ist in diesem Jahr neben einem Wartburg 313 Cabriolet vor allem durch zahlreiche Škoda-Oldies vertreten, vom spartanischen 30-PS-Kleinwagen Popular bis zur schicken Felicia. Die Autos bekommen viel Beifall vom Wegesrand. Auch der Tatra T2-603 aus dem Jahr 1971, den Sören Polster fährt. "Mit dem fällt man immer wieder auf, es gibt ja nicht mehr viele", sagt Polster über sein Schmuckstück. Auffällig ist auch der gestreckte Citroën CX 25 Prestige mit DDR- und UdSSR-Wimpeln an den Kotflügeln: Der repräsentative Wagen kutschierte einst Erich Honecker durch sein zerfallendes Land.

Am Ende der neunten Sachsen Classic rollen mehr als 180 Oldtimer über die Ziellinie auf dem Simsonplatz in Leipzig. Die Rallye-Routiniers Matthias Kahle und Peter Göbel holen mit ihrem Škoda 110 R den Gesamtsieg – mit 356 Strafpunkten. Das klingt nach viel, ist aber extrem wenig, denn bei der Wettfahrt wird wirklich jede Kleinigkeit geahndet. Auf den letzten Rängen haben die Teilnehmer mehr als 20.000 Strafpunkte auf dem Konto. Für die nächste Sachsen Classic hilft da nur eins: Üben, üben, üben – bis die Stoppuhr aufgibt.

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Leserkommentare
  1. ... zeigt keineswegs einen "Volkswagen Porsche 912", sondern einen "reinrassigen" Porsche, nämlich einen 912, den "kleinen Bruder" des ersten 911, der mit dem Vierzylinder aus dem 356 als preisgünstigere Alternative zum "Elfer" konzipiert war. Als "Volkswagen-Porsche" (vuglo: VoPo) wurde einzig das Mittelmotor-Coupé der Reihe 914 bezeichnet. Dann schaut man auf die Autorschaft und weiß: "Die Journalisten von press-inform arbeiten überaus engagiert, hoch kompetent und absolut verläßlich." (O-Ton Press-Inform-Website)

  2. Redaktion

    Liebe Madame,

    danke für Ihren Hinweis.

    Die Modellbezeichnung wurde der offiziellen Startliste der Sachsen Classic 2011 entnommen, welche für die Startnummer 58 "Volkswagen Porsche 912" angab. Diese Information ist offenkundig falsch. Wir korrigieren dies gern.

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    ... fällt so etwas auf.

  3. ... fällt so etwas auf.

    Antwort auf "Korrektur"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ford | Erich Honecker | Volkswagen | Apps | DDR | GPS
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